Auf Kindergeburtstagen oder Faschingsfeiern ist alles noch ganz einfach. Die Buben verkleiden sich als Batman oder Ninja, die Mädchen als Eiskönigin Elsa oder Prinzessin. Die Buben sind die Ersten bei der Piñata und schlagen schon lautstark auf sie ein, während die Mädchen darauf warten, bis sie an der Reihe sind. Und im Spielzeuggeschäft scheint es sowieso keinen Zweifel zu geben, was Buben wollen und wie sie sind, nämlich brachial, wagemutig, kampflustig. "So sind sie halt, die Buben", heißt es oft, wenn sie tun, was die Welt noch immer von ihnen erwartet.

Ab der Pubertät kommen dann noch mehr und teils widersprüchliche Erwartungen hinzu: Die jungen Männer sollen zwar weiter einem Männlichkeitsideal entsprechen. Gleichzeitig sollen sie jedoch ihre Gefühle zügeln können und sensibel für andere sein. Es ist, als steckten sie fest – zwischen einem alten, aber immer noch vorherrschenden Rollenbild und neuen Anforderungen. Was macht das mit ihnen? Wie geht es den Buben in dieser widersprüchlichen Gemengelage? Und wo finden sie Vorbilder für eine neue, vielfältigere Männerrolle?

Einer, der tagtäglich mit Buben zu tun hat, ihre Bedürfnisse und Nöte kennt, ist Philipp Haas. Der 31-Jährige arbeitet als Volksschullehrer in Wien-Simmering. Wir treffen ihn in einem Park, wo der gutgelaunte junge Mann schnell ernst wird, wenn es um das Thema Rollenbilder geht. Er beobachte, dass mit Buben sehr streng verfahren wird, wenn sie ihre Bubenrolle nicht ernst nehmen. "Bei Mädchen ist es inzwischen akzeptiert, wenn sie burschenhaft sind, doch Buben dürfen auf keinen Fall mädchenhaft sein." Für ihn hat das damit zu tun, dass weibliche Eigenschaften in der Gesellschaft oft abgewertet werden. Frauen und Mädchen gelten als schwach – wie sie zu sein, ist deshalb verpönt. Der Pädagoge bringt das Beispiel eines Vaters, der am Fußballplatz steht und zu seinem Sohn sagt: "Jetzt stell dich nicht so an, wir sind ja nicht beim Mädchenfußball."

Derartige Szenen gibt es oft zu sehen: Mütter, die stolz erwähnen, dass ihr Bub am Eislaufplatz "den Mädchen nachjagt". Oder Väter, die auf einem Spielplatz lauthals einem Buben attestieren, für das Mädchen, das er die ganze Zeit triezt, eine heimliche Liebe zu hegen.

Neue Vorbilder gefragt

Dass schon die Kleinsten eine Vorstellung davon haben, wie ein Mann angeblich zu sein hat, ist also nicht verwunderlich. Nicht nur Werbung, Film und Fernsehen, sondern auch Schulbücher vermitteln diese Genderrollen. Haas will seinen Schülerinnen und Schülern klarmachen, dass es auch anders geht.

Der Pädagoge schreibt mitunter Mathematikbeispiele um, um zu zeigen, dass es Alternativen gibt zur kochenden Mama und zum arbeitenden Papa. In einer Aufgabe ließ er zwei Männer heiraten. Er will seinen Schülern vermitteln, dass es nicht nur "den einen" Mann gibt, dass auch Männer sich schön anziehen dürfen und Rosa für Buben kein Tabu ist. "Buben brauchen alternative männliche Vorbilder", ist der Lehrer überzeugt.

Buben in Rosa? Noch heute müssen Eltern das oft erklären.

Auch er selbst möchte ein solches Vorbild sein: Regelmäßig geht der großgewachsene Lehrer mit knallorange lackierten Fingernägeln in die Schule, gelegentlich auch in Plateaustiefeletten. Warum er das mache, fragen ihn dann seine Schüler und Schülerinnen, schließlich sei er doch "ein Bub". "Weil es mir gefällt", antwortet er, und die Kinder finden das plausibel. Damit habe er schon den einen oder anderen Burschen bestärken können, dass es okay ist, aus der Reihe zu tanzen.

Dennoch sprechen Kinder viel davon, was "Mädchen, was Buben" dürfen, wie Gespräche mit fünf- bis achtjährigen Buben zeigen. Severins (7) geliebter pinker Fahrradhelm landete in der Ecke, als es Kommentare zur "Mädchenfarbe" des Helms gab.

Kaum Volksschullehrer

Männliche Pädagogen wie Philipp Haas, die dagegenhalten könnten, sind in der Volksschule rar. Laut Statistik Austria unterrichteten im vergangenen Schuljahr nur 2.723 Männer unter den 36.777 Lehrpersonen. Das sind rund sieben Prozent. Noch weniger Männer gibt es bei den ganz Kleinen: In den Kindergärten, Kleinkindgruppen und Krippen liegt ihr Anteil sogar nur bei etwa zwei Prozent.

In Norwegen sind dagegen zehn Prozent der Beschäftigen in Krippen und Kindergärten Männer. Dort wurde viel in Imagekampagnen für den Beruf investiert. Das wünscht sich Bernhard Koch, Hochschulprofessor für Elementarpädagogik, auch für Österreich. Sowohl die Jobsicherheit als auch die Zufriedenheit sei hoch, und das müsse viel stärker hervorgehoben werden.

Passt das Superheldenkostüm noch? In einer Gesellschaft, die sich um Gender-Sensibilität bemüht, könnte es zunehmend einengen.
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Wenn im Kindergarten und in der Volksschule keine Männer arbeiten, hat das Auswirkungen auf das Weltbild der Kinder, wie ein Erziehungswissenschafter der Universität Bremen herausgefunden hat. Christoph Fantini hat Grundschülerinnen und Grundschüler befragt, warum es ihrer Meinung nach so wenige Lehrer gibt. "Und da bringen die Kinder die stereotypen Annahmen zum Ausdruck, die man vielleicht erwarten könnte, nach dem Motto: Mit den kleinen Kindern arbeiten, das ist nichts für Männer, das machen Frauen", berichtet Fantini. Der Wissenschafter rief die Initiative "Rent a Teacherman" ins Leben, bei der Lehramtsstudenten an männerlose Grundschulen "vermietet" werden. Die Erwartung, dass sie nach Abschluss ihrer Ausbildung bleiben, habe sich in vielen Fällen erfüllt.

Dass sich mehr junge Männer für den Beruf entscheiden, wäre jedenfalls wichtig. Denn ihnen öffnen sich Buben eher als Pädagoginnen, wie eine Analyse der Universität Innsbruck im Auftrag des Sozialministeriums ergeben hat. Laut der Studie aus dem Jahr 2013 suchen sie eher ihre Nähe, bitten sie mehr um Unterstützung und tauschen sich lieber mit ihnen aus. Sie könnten ihren Schülern also viel mitgeben, ihnen Empathie und Sensibilität vorleben.

Wie Empathie entsteht

Dem Volksschullehrer Philipp Haas ist genau das ein großes Anliegen. Er möchte Buben dazu ermutigen, offen zu zeigen, wenn sie traurig sind, und andere zu trösten, wenn es ihnen schlecht geht. Nicht allen falle das leicht, sagt er. "Interessanterweise wissen viele oft gar nicht richtig, wie sie das tun sollen, und brauchen eine Anleitung."

Dabei tragen Buben grundsätzlich natürlich genauso viel Empathie in sich wie Mädchen. Zumindest, wenn sie noch klein sind, sagt Stefanie Höhl, Entwicklungspsychologin an der Universität Wien. Sie erklärt: "Kinder entwickeln diese Fähigkeit schon ganz früh, und sie hat erstmal nichts mit dem Geschlecht zu tun." Bereits Neugeborene zeigen Anzeichen von Empathie: Sie weinen mit, wenn sie ein anderes Baby schreien hören. Ihre Gefühle regulieren, das können sie allerdings noch nicht.

Erst Schritt für Schritt lernen Kinder, sich selbst zu beruhigen und Gefühle im Griff zu haben. Diese Fähigkeit heißt in der Fachsprache "Emotionsregulation" und sei auch wichtig, wenn es um Gewaltprävention geht, sagt Höhl. Kinder lernen damit, nicht sofort hinzuhauen, wenn sie sich ärgern. Auch was das Erlernen von Empathie betrifft, sind Vorbilder entscheidend.

Die ersten Role-Models sind Mama und Papa. Merken Kinder, dass ihre Eltern bei einem Problem gelassen bleiben, tun sie es ihnen gleich. "Sie registrieren auch ganz genau, wie sich ihre Eltern verhalten, wenn es den Kindern nicht gutgeht." Lassen sie sie dann links liegen oder kümmern sich aufmerksam? Mit Kindern über Gefühle zu sprechen sei das Um und Auf. "Wenn sie Begriffe dafür haben, lernen sie ihre Gefühle kennen und können auch besser damit umgehen", erklärt Psychologin Höhl.

Alle Kinder sind empathisch, unabhängig vom Geschlecht. Wenn sie wenig über Gefühle lernen, kann sich das aber auch ändern.
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Genau hier setzt auch die gendersensible Bubenarbeit an. Der Verein Poika bietet Workshops für Buben ab dem Volksschulalter an und möchte sie in ihrem individuellen Sein stärken. Das Ziel ist, sie zum Denken anzuregen: Entspricht das, was andere von ihnen erwarten, wirklich dem, wie sie sind? Geschäftsführerin Teresa Schweiger weiß: "Manche Kinder haben noch kein ausgeprägtes Vokabular, Buben sagen manchmal schnell, sie seien wütend – dabei sind sie vielleicht eher traurig." Mädchen hingegen nennen oft ein anderes Gefühl, obwohl sie wütend sind, sagt Schweiger.

Genderstereotype beeinflussen schon bei kleinen Kinder, wie sie ihre Gefühle beschreiben. Und diese Stereotype können bei Buben und später bei Männern Gewalttätigkeit fördern. Gerade im Zuge der jüngsten Frauenmordserie war wieder verstärkt davon die Rede, wie notwendig Männer-, aber auch Bubenarbeit ist. Es hieß, dass möglichst früh angesetzt werden müsse, und zwar beim Umgang mit Konflikten.

Schweiger beschreibt diese Herausforderung so: Buben müssten lernen, wo die eigenen Grenzen sind und wo die Grenzen der anderen liegen – und diese zu akzeptieren. "Sie lernen oft nicht, dass sie nicht auf jede Provokation eingehen müssen." In Trainings vermittelt sie den Burschen, dass sie bei einem Konflikt auch weggehen können, anstatt mit Gewalt zu reagieren.

Wenn Buben selbst Grenzverletzungen erlebt haben, dürfe das keinesfalls heruntergespielt werden, sagt Teresa Schweiger. Ein wichtiges Instrument, um diese verletzenden Erfahrungen zu bewältigen, sei die "Selbstfürsorge": Buben lernen ihre eigenen Gefühle kennen, sie lernen, sich selbst gut zu behandeln.

Der Papa ist arbeiten

Geht es um eine gleichberechtigte Verteilung der Fürsorgearbeit, hapert es oft bei der Vorbildwirkung der Eltern. Elias (8) erzählt, dass sich Mama und Papa zwar beim Kochen abwechseln und er sogar selbst seine eigene Wäsche wäscht. Doch das Putzen "übernimmt die Mama, und wir haben eine Putzhilfe. Der Papa versucht, sobald er kann, Zeit mit mir zu verbringen", erzählt der quirlige, fußballbegeistere Bub. "Über männliche Verwandte oder ihre Väter sagen Buben schon öfter, dass sie abwesend sind", erzählt Schweiger.

Mama und Papa sind die ersten Vorbilder, wenn es darum geht, wer den Haushalt macht und wer arbeiten geht.
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Viele Burschen würden erleben, dass ihre Väter viel arbeiten und müde sind, wenn sie nach Hause kommen. Und dass es ihre Mütter sind, die das Kochen und Putzen übernehmen. Das hinterlässt Spuren. "Wenn wir die Jugendlichen fragen, wie sie das später machen möchten, dann hören wir zwar oft den Wunsch nach einer gleichberechtigten Partnerschaft – gleichzeitig wissen sie aber oft nicht, wie sie das machen sollen." Sie hätten einfach niemanden, an dem sie sich orientieren können.

Buben sind also nicht einfach Buben, sie werden zu Buben. Nicht immer ist das schön, und häufig leiden sie darunter. Denn wenn sie nicht bieten, was von ihnen erwartet wird, draufgängerisch und stets tapfer sind, wird das schnell sanktioniert, und es kommen blöde Sprüche. Spätestens wenn sie "neue Väter" sein sollen, müssen sie wieder in eine neue Rolle schlüpfen. Was den Burschen helfen könnte, sind Vorbilder. Denn sie machen Mut, sagen die Expertinnen und Experten. Es brauche Väter, die sich öffnen und Verletzlichkeit zulassen. Nicht nur zu Hause, auch in den Schulen und Kindergärten brauche es mehr männliche Role-Models.

Die Gespräche zeigen auch: Pädagoginnen und Pädagogen, ebenso wie Eltern, sollten aufmerksamer für die Probleme der Buben sein. Sie sollten sich nicht scheuen, mit ihnen über ihre Gefühle zu sprechen. So könnten sie lernen, auch andere Seiten an sich zuzulassen, die sensiblen, weichen Seiten. Und zu Männern und Vätern werden, die Wut und Trauer nicht in sich hineinfressen, die zuhören, mitfühlen und trösten. (Lisa Breit, Beate Hausbichler, 13.6.2021)