Im London von Charles Dickens und Vivienne Westwood: Die junge Estella (Emma Stone) legt sich mit der exzentrischen Baroness von Hellman an und rutscht mehr und mehr ins Doppelleben ab.

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Über Frau Cruella de Vil lässt sich nicht viel Gutes sagen. Der Name verrät ja schon das Wesentliche: eine grausame Person, die vielleicht sogar vom Teufel abstammt, mindestens aber mit Graf Dracula weitschichtig verwandt ist. In dem Roman 101 Dalmatiner von Dodie Smith, in dem sie 1956 zum ersten Mal auftrat, zählt das Trinken von Tinte zu ihren lässlicheren Sünden. Die gravierenden sind so heftig, dass man Cruella de Vil zu den markantesten Schurkinnen im Disney-Universum stellen muss: Welpenkidnapping, Pelzfetischismus, Kettenrauchen. Und das noch vor der Zeit, in der man sich als Trägerin von Kleidung aus Tierhaaren so richtig unmöglich machen konnte.

Walt Disney Studios

Als Zeichentrickfigur ging sie in die populäre Kultur ein, nun hat Disney sie zum "richtigen" Leben erweckt: Cruella von Craig Gillespie erzählt die Vorgeschichte der Figur, die bisher nur in Andeutungen existierte. Die Schauspielerin Emma Stone hat es auf sich genommen, der Cruella de Vil ihre Erscheinung zu verleihen. Mit dem moralischen Monster wollte sie aber offensichtlich möglichst wenig zu tun haben. Denn Cruella erzählt über seine Titelfigur fast nur Gutes.

Vibrierende Nobelkleider

Bis 2013 reicht das Projekt zurück. Das Drehbuch wurde mehrfach überarbeitet, bei der Regie kam Craig Gillespie (I, Tonya) erst relativ spät an Bord. Der Kinostart von Cruella fällt in Österreich nun mit der Wiedereröffnung der Multiplexe zusammen, auf dem VoD-Portal Disney+ ist der Film schon seit Mai zu sehen, allerdings gegen einen satten Aufpreis. Irgendwie müssen die gut 200 Millionen Dollar, von denen bei den Produktionskosten die Rede ist, ja wieder hereinkommen. Das Geld ging vor allem in eine stark digitalisierte Ausstattung, die das London von Charles Dickens mit dem vom Vivienne Westwood zusammenzuführen versucht.

In einer der spektakulärsten Einstellungen lässt Gillespie eine wahrlich entfesselte Kamera durch einen Warentempel sausen, dass selbst die steifsten Nobelkleider zu vibrieren beginnen. In dieser Welt, von der zuletzt auch Paul Thomas Anderson mit dem großen Melodram Der seidene Faden erzählt hatte, steht die junge Modebegeisterte Estella (so Cruellas Name vor ihrem Wandel) für neue Ideen. Sie gewinnt das Vertrauen der imposanten Designerin Baroness von Hellman (gespielt von Emma Thompson). Die Kreationen dieser Grande Dame verdanken sich allerdings weniger ihrer brillanten Kreativität als einer konsequenten Ausbeutung ihrer Mitarbeiterschaft. Die Baroness ist exzentrisch, schnippisch, größer als das Leben und auch immer wieder grausam – mit einem Wort, sie ist die Schurkin in Cruella, neben der Estella zu einer positiven Identifikationsfigur werden kann.

Die Rivalität der beiden Frauen nimmt dann bald zerstörerische Züge an, aber erst unter dem Druck der despotischen Baroness entwickelt die patente Estella ein Doppelleben, das sie ihrer Bestimmung als Cruella de Vil näherbringt. Emma Thompson geht mit ihrer Darstellung auf das Ganze einer sehr britischen Schauspielarroganz, während die junge Amerikanerin Emma Stone dagegen die Energie von der Straße verkörpert. Schritt für Schritt arbeitet sich Cruella dabei vor allem mit dem Soundtrack auf die eigentliche Pointe dieser biografischen Vorgeschichte zu: Cruella de Vil ist nämlich Punk.

Figuren als Investment

Mit einer "Interpretation" des Stooges-Klassikers I Wanna Be Your Dog wendet sich das Motiv der Fellverwerterin geradezu ins Gegenteil: Nun ist sie selbst es, die aus einem Hundeleben heraus polemisch zu einer Umwertung aller bisher geläufigen Vorstellungen von Prunk und Schönheit ansetzt. So räudig wie das Riff dieser großen Nummer ist Cruella aber in keiner Sekunde, stattdessen kokett: "I was born bad and a little bit mad", das Böse und das leicht Verrückte bleibt eher eine Behauptung.

Es passt zu der Logik eines Unterhaltungskonzerns, der seine Figuren wie Investments begreift, dass Cruella de Vil am Ende von Cruella erst ganz am Anfang einer Verwandlung steht, die mindestens noch eine Fortsetzung erforderlich machen wird. (Bert Rebhandl, 15.6.2021)