Die chinesischen Behörden stecken Uiguren und andere Minderheiten in Internierungslager, um sie auf Linie zu bringen. In der Provinz Xinjiang soll es – wie hier in der Stadt Artux – Hunderte dieser Camps geben.

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"Wir haben den Pulitzerpreis gewonnen." Textnachrichten wie diese erhält man nicht jeden Tag. Schon gar nicht, wenn man Österreicher ist. Christo Buschek ist das am Freitagabend in seiner Berliner Wohnung widerfahren: "Ich war zu Hause, habe zu Abend gegessen und hatte keine Pläne, was an einem Freitagabend wahrscheinlich eh traurig ist", sagt der 41-jährige Grazer und lacht. Buschek hatte nicht nur keine Pläne für die Abendgestaltung, sondern auch keinen Plan, im Rennen um den begehrten US-Medienpreis zu sein. Er wusste nichts von der Einreichung.

Die Textnachricht hat ihm seine Kollegin Alison Killing geschickt und blankes Staunen ausgelöst: "Ich hab das anfangs nicht verstanden, was sie meint, und es hat etwas gedauert, bis ich realisiert habe, dass das der Pulitzerpreis ist." Der Pulitzerpreis ist nicht irgendein Preis, sondern der renommierteste Journalismuspreis der Welt. Er wird seit 1917 vergeben, 2021 zum ersten Mal an einen Österreicher. Buschek lebt und arbeitet seit vielen Jahren als selbstständiger Softwareentwickler und Programmierer in Berlin.

Menschenrechte im Fokus und Journalismus im Visier: Christo Buschek erhielt den begehrten Pulitzerpreis.
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Gesucht und gefunden

Prämiert wurden die Recherchen über chinesische Internierungslager für Uiguren in der Provinz Xinjiang, veröffentlicht im August 2020 auf der Plattform "Buzzfeed News". Die vierteilige Reportage dokumentiert anhand der georteten Lager das Ausmaß systematischer Menschenrechtsverletzungen in der autonomen Region der Uiguren. Buschek programmierte die Werkzeuge für die Datensammlung und Aufbereitung, während seine britischen Kolleginnen Alison Killing und Megha Rajagopalan die Schicksale hinter den Camps recherchierten.

Missbrauch und Misshandlungen

Der Preis selbst ist für Buschek ein "Wahnsinn": "Ich hätte mir das nie erwartet und habe es auch nicht geglaubt, als es passiert ist", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD. Genauso wichtig ist ihm aber, dass das Thema wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückt: die Umerziehungslager, in die Uiguren und andere in Xinjiang lebende muslimische Minderheiten gesteckt werden. Denn was die chinesischen Behörden als "Berufsbildungszentren" und Kampf gegen den Terror zu verkaufen versuchen, ist in den Augen von Menschrechtsorganisationen kultureller Genozid und Folter. Uiguren und andere Minderheiten wie etwa Kasachen sollen rund ein Jahr festgehalten werden, um ihrer Religion abzuschwören und stattdessen die Ideologie der Kommunistischen Partei Chinas anzunehmen. Zur Indoktrinierung gehören Missbrauch und Misshandlungen.

Einige Lager waren bekannt

Ausgangspunkt für den preisgekrönten Artikel waren Recherchen der "Buzzfeed"-Journalistin Rajagopalan. Sie hat versucht, diese Camps vor Ort zu besuchen, erzählt Buschek: "Wir hatten gewusst, dass es diese Camps gibt, nicht aber, wo genau sie sind." Ein paar Lager waren bekannt: "So 25 bis 30", sagt Buschek. Da die chinesische Regierung nicht viel von Pressefreiheit hält, musste das Projekt außerhalb Chinas in Angriff genommen werden. Neben Rajagopalan war auch noch die Architektin Killing an Bord. Sie hat Buschek engagiert, um diese Internierungslager aufzuspüren.

Die Lücke führt zum Inhalt

Buschek hat sich mithilfe von Baidu Maps, dem chinesischen Pendant zu Google Maps, auf die Suche nach den geheimen Lagern gemacht: "Es findet sehr viel Zensur in China statt, und wenn Baidu Maps zensuriert, ist das womöglich interessant für uns." Zuerst habe er die Baidu-Karten mit den Lagern abgeglichen, die bereits bekannt waren. Auf den Karten fehlten sie. Nach der manuellen Suche wurde es automatisiert über die gesamte Provinz gemacht. "Wir haben eine Software entwickelt, die sich Baidu Maps ansieht und dort, wo ein Teil der Karte zensuriert ist, das registriert und die Daten dafür runterlädt."

Aktuelles und historisches Material

Der riesige Datensatz wurde nach Orten destilliert, die an Infrastrukturen angebunden sind, erklärt Buschek. Etwa Straßen oder Zugverbindungen: "Dann haben wir uns jeden dieser zensurierten Orte angesehen und das mit Google Maps, Google Earth und Satellitenbildern verglichen." Die Satellitenbilder wurden nach "architektonischen Merkmalen wie Zufahrtsstraßen, Wachtürmen, Befestigungsmauern und Baracken durchsucht". Diese Aufnahmen wurden noch mit historischen Satellitenbildern verglichen, um nachvollziehen zu können, wann diese Lager errichtet wurden: "So haben wir gesehen, dass es um das Jahr 2016 herum einen großen Push gegeben hat, sie aus dem Boden zu stampfen."

Eine Million Insassen

Am Ende der Recherche, die gut eineinhalb Jahre gedauert hatte, stand eine Liste mit rund 280 Internierungslagern, die in drei Kategorien der Verifizierung unterteilt wurden: von sicher vorhanden bis nicht sicher. Wie viele Leute in diesen Lagern interniert sind, sei schwer zu sagen: "Wir haben die Größe der Camps vermessen und darauf basierend versucht festzustellen, wie viele dort theoretisch untergebracht sein könnten." Die Schätzung geht in Richtung eine Million.

Kriegsverbrechen in Syrien

Buschek hofft, dass der Pulitzerpreis eine Art Türöffner ist, um das Zusammenspiel zwischen datengetriebenen Methoden und Investigativjournalismus weiter zu intensivieren. "Es ist noch eine Nische, weil es komplex ist und erst finanziert werden muss." Im Fokus von Buscheks Arbeit stehen neben dem Journalismus auch Menschrechtsprojekte. So hat er sich vor dem Uiguren-Projekt mit einer von ihm entwickelten Software dem Krieg in Syrien verschrieben: "Wir haben damit das größte Archiv aufgebaut, das den Krieg in Syrien dokumentiert. Teile sind etwa an die Uno gegangen oder wurden für Gerichtsprozesse verwendet, um Kriegsverbrecher anzuklagen." Diese Arbeit sei wichtig, aber sehr hart gewesen, sagt Buschek, vor allem emotional: "Krieg und Genozid zu abstrahieren ist nicht einfach."

Agieren im Hintergrund

Obwohl Buschek schon lange als selbstständiger Programmierer und Softwareentwickler arbeitet, hat er weder eine Visitenkarte noch eine Website. Warum nicht? "Ich habe immer versucht, nicht öffentlich zu sein, und wollte meine Arbeit im Hintergrund machen", sagt der Autodidakt: "Das entspricht meinem Charakter, und so kann ich auch unkonventionelle Ansätze verfolgen." Dazu kommt noch, dass er sich mit den Recherchen auch Feinde macht.

Die Aufträge seien über Mundpropaganda oder öffentliche Ausschreibungen gekommen. Er sei kein "öffentlicher Mensch". Mit dem Pulitzerpreis hat sich das geändert. Eine Visitenkarte hat er zwar immer noch nicht, dafür einen Eintrag auf Wikipedia. Das sei ohne sein Zutun passiert, betont er. Das würde auch nicht zu seiner Art passen. (Oliver Mark, 16.6.2021)