Weil ihre Stieftochter die Allerschönste ist, will die Königin sie mit einem giftigen Apfel ermorden. Schneewittchen wird von einem Prinzen gerettet und die gemeine Königin muss zur Strafe mit glühenden Eisenpantoffeln tanzen, bis sie tot ist. Ist das wirklich noch zeitgemäß?

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Märchen seien wichtige Lehrmeister für Kinder, argumentierte der renommierte Erziehungswissenschafter Bruno Bettelheim in "Kinder brauchen Märchen". Das Buch ist 1976 erschienen, also vor 45 Jahren. Wie aktuell ist das, was er damals schrieb?

Viele Eltern zweifeln heutzutage, ob sie ihren Kindern Märchen vorlesen sollen. Sie finden, dass traditionelle Märchen realitätsfremd und voll von alten Rollenbildern sind. Schließlich geht es darin häufig um Gehorsam und Anpassung der Kinder an patriarchalische Strukturen. Ein weiterer Kritikpunkt: Brutale und dramatische Szenen werden vielfach kompromisslos dargestellt. Da ist zum Beispiel die Mutter von Peter Pan, die ihren Sohn vergessen will und durch ein anderes Kind ersetzt, da ist die Hexe in Hänsel und Gretel, die in den brennenden Ofen geschubst wird. Oder die sechs Geißlein, die vom Wolf gefressen und dann aus dem Bauch wieder herausgeschnitten werden. Diese Inhalte sorgen für Spannung, können aber auch Angst machen. Dass sie kontrovers diskutiert werden, ist kein Wunder.

Zur Geschichte von Märchen ist vorauszuschicken: Sie waren ursprünglich ein Unterhaltungsmedium für Erwachsene. Kinder wurden damals aus dem Zimmer geschickt, bevor sie erzählt wurden. Die Originalfassungen der Märchen waren auch häufig mit erotischen Inhalten angereichert. Erst mit der Zeit bekamen die Geschichten für Kinder immer mehr Bedeutung und wurden dem jüngeren Publikum angepasst.

Können Märchen also wirklich als zeitlose Klassiker gelten? Oder sind sie brutal, rückständig und schaden Kindern damit?

Zeitlose Werte wie Gerechtigkeit

Es stimmt, dass Märchen wenig über differenzierte Rollenbilder in einer modernen Gesellschaft lehren. Auch dass sie brutal sind, ist nicht abzustreiten. Dafür geben sie ihren kleinen Zuhörerinnen und Zuhörern andere wichtige Dinge mit. Sie vermitteln ihnen zeitlose Werte wie Sinn für Gerechtigkeit, Selbstvertrauen und einen offenen Zugang zu Emotionen wie Angst oder Trauer. Märchen haben schwierige Themen zum Inhalt, die durchaus Bestandteil des realen Lebens sein können – beispielsweise der Umgang mit Verlusten, Freundschaft, Eifersucht, Liebe und das Meistern von schwierigen Lebenssituationen. Die spannenden Geschichten aktivieren auch die bildliche Vorstellungskraft des Kindes, die Erzählform begünstigt die sprachliche Entwicklung, die Kreativität wird angeregt und die Konzentration gefördert. Die Gänsehautmomente aktivieren das emotionale Zentrum im Gehirn, und die Identifikation mit dem Protagonisten oder der Protagonistin fördert Empathie.

Der Kampf Gut gegen Böse, die Darstellung menschlicher Abgründe und das Auftauchen von Retterinnen und Rettern sind ein charakteristisches Merkmal von traditionellen Märchengeschichten ebenso wie die Wendung ins Positive. Durch diese wiederkehrenden inhaltlichen Muster wird vermittelt, dass mit Mut, Stärke und mit der Hilfe anderer eine vermeintlich ausweglose Situation gemeistert werden kann. Kinder lernen so, sich selbst und anderen zu vertrauen.

Der Sinn für Gerechtigkeit wird mit der Auseinandersetzung mit Sieg und Niederlage angeregt. Durch die fantastische Darstellung gelingt es dem Kind, auf eine unbewusste Weise diese Differenzierung zu verinnerlichen. Es lernt dabei implizit, dass Ängste überwunden werden können und dass für Gerechtigkeit gesorgt wird.

Auch was die Brutalität von Märchen angeht, gibt es eine gute Nachricht: Die Grausamkeit, die Erwachsene in die Märchengeschichten interpretieren, nehmen Kinder nicht so ausgeprägt wahr. Die bildliche Vorstellung der in den Ofen geschubsten und verbrennenden Hexe ist objektiv gesehen durchaus ein grausamer Akt. Jedoch empfinden Kinder dies im situativen Kontext der Geschichte eher als gerecht. Die Tatsache, dass Hänsel und Gretel von den eigenen Eltern im Wald ausgesetzt werden, ist weitaus bedrohlicher für Kinder, da hier das Urvertrauen verletzt wird, das nachweislich die Grundlage für eine gesunde Kindesentwicklung darstellt.

Märchen schaden Kindern nicht

Dass sich Kinder mit der eigenen Angst auseinandersetzen, die solche Geschichten auslösen, ist jedoch wertvoll. Sie setzen sich so mit ihrem eigenen Bewusstsein und ihren Gefühlen auseinander. Natürlich kann es vorkommen, dass starke Ängste oder negative Emotionen aufkommen. Das muss aber nicht nachteilig sein. Im Gegenteil werden emotionale Vorgänge, die kleine Kinder noch nicht in Worte fassen können, durch diese Geschichten etwas greifbarer. Wenn sich nach all den angsterfüllten Gedanken dann ein gutes Ende darbietet, ist dies ein Erfolgserlebnis für das Kind. Bleiben Eltern dabei im Dialog mit den Kindern und reflektieren gemeinsam über die kindliche Gefühlswelt, so werden die ausgelösten Gefühle und Gedanken durch das Kind immer wieder neu überprüft. Dies stellt einen weiteren wichtigen Aspekt der kindlichen Entwicklung dar und ist die Basis des Erwerbs sozial-emotionaler Kompetenz.

Viele Kinder müssen sich oft rückversichern, dass die Geschehnisse und die bösen Figuren in der Realität nicht vorkommen, aus Angst, es könne ihnen Ähnliches widerfahren. Sobald sie den Rückhalt durch die Eltern wahrnehmen, ist diese Vorstellung immer weniger bedrohlich. Dieser Reflexionsprozess ist eine wichtige Voraussetzung dafür, das Leben, in dem es auch Schmerz, Trennung und Tod gibt, immer besser erfassen zu können.

Es ist zudem wichtig, dass die Märchen mit den berühmten einleitenden Sätzen "Es war einmal ..." beginnen und mit dem charakteristischen Schlusssatz "... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" beendet werden. Diese kleinen Nuancen tragen zu einer gewissen Distanzierung bei, die dem Kind hilft, die bedrohlichen Geschehnisse im Märchen zu abstrahieren und von der Wirklichkeit zu trennen.

Märchen für welches Alter?

Spannende Geschichten können in jedem Alter bereichernd sein. Insbesondere aber in der Phase des sogenannten "magischen Denkens", die im Kindergartenalter auftritt. In dieser Phase verschwimmen Realität und fiktive Gedanken des Kindes, und da sind Märchengeschichten eine optimale Gelegenheit zum Abtauchen in eine Traumwelt.

Sich bei den Eltern, Großeltern oder Bezugspersonen anzukuscheln und von spannenden und fantasievollen Geschichten berieselt zu werden kann eine intensive Bindung fördern. Im späteren Leben gehört es vielleicht zu den schönsten Kindheitserinnerungen. (Dagmar Zahradnik, 19.6.2021)