Neulich an der Autostrada: Nur über diese Erfrischungsstätte führt der Weg in jenes Land, in dem die Zitronen blühen.

Foto: Reuters/Rossi

Früh erwacht in jedem Heranwachsenden das Bedürfnis, allein zu verreisen. Kaum regt der süße Vogel Freiheit seine Schwingen, wird dem pubertierenden Kinde das eben noch so bequeme Familienleben zur beschämenden Last.

In den Aufbruchsjahren der Ära Kreisky galt die Fahrt gen Süden als Ausweis von Kaufkraft und Regsamkeit. Prompt wälzten sich endlose Blechkolonnen durch die Nadelöhre von Mur- und Kanal-Tal: immer hübsch blind dem nächsten Lastauto hinterher. Beim ersten "Autogrill", etwa am oberen Stulpenrand des italienischen Stiefels, das alljährliche Ritual: der unvermeidliche Mokka, den die Erzeuger mit Lauten der Verzückung zu sich nahmen, als genösse Methusalem sein Viagra.

Die Tage im adriatischen Seebad nahmen mit furchterregender Vorhersehbarkeit ihren Lauf. Ich, ein kleiner Babyboomer mit natürlichem Schwimmreifen um die Hüften, stand pünktlich am Morgen bis zur Brust in der Adria. Dies Gewässer war kaum erfrischender als die Minestrone unserer Pensionswirtin. Die pflegte die verwegene Frau – Gemahlin eines kommunistischen Lokomotivführers – unter Zuhilfenahme stärkender Zigaretten anzurühren; die Kippen hielt sie fest im Mundwinkel arretiert. Nach und nach brach die Aschenspitze ab und plumpste in die Brühe.

Eheliche Zwietracht

Muss ich noch erwähnen, dass Wolken der Zwietracht nicht nur den Eltern, sondern auch den Zimmerwirten den Himmel über Rimini regelmäßig verfinsterten?

Wenige Jahre später, und mein bester Freund und ich genossen Ferialfreiheit. Zusammen lagen wir nächtens im Zwei-Mann-Zelt. Sogar die Käuze schwiegen überm Wörthersee. Nur im Wohnzelt nebenan regte sich allabendlich das pralle Leben: Der holländische Camper, tagsüber mit der Entleerung einer Kiste Bier beschäftigt, legte zur Schlafenszeit hörbar gereizt die züchtigende Hand an seine Gemahlin. Die wetterte, dass sich die Zeltplanen blähten. Doch siehe da: Am nächsten Morgen bereitete sie ihrem Peiniger engelsgeduldig das Frühstück. Sie entkorkte dem Herzallerliebsten sein erstes Bier. (Ronald Pohl, 16.6.2021)