In ganz Frankreich kommt es seit Tagen zu spontanen Zusammenkünften und Partys.

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Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin, sonst eher für markige Worte bekannt, verordnete seinen Polizisten für ein Mal "Milde": Nach dem EM-Spiel Frankreich – Deutschland sollten die Uniformierten ein Auge zudrücken, wenn sich die Fußballfans nach erfolgtem Barbesuch nicht an die Ausgangssperre von 23 Uhr halten sollten.

In Wahrheit hatte die Regierung gar keine Wahl. Im ganzen Land kommt es seit Tagen zu spontanen Partys, Happenings und Gelagen. "Liberté!" (Freiheit) riefen ausgelassene Jugendliche um Mitternacht auf dem Vorplatz des Invalidendoms. Andere folgten am Wochenende den Seine-Ufern oder tanzten in der verkehrsberuhigten Rue de Rivoli den Pogo. "Tut das gut, Dampf abzulassen!", schrie einer dazu.

Terrasse statt "nationaler Depression"

In Frankreich hat die Stimmung binnen weniger Tage umgeschlagen. Vorbei die nationale Depression, die der Psychiater Serge Hefez diagnostiziert hatte, mit Selbstmorden und Sekteneintritten. Lieber sitzt man bei den hochsommerlichen Temperaturen bis spätabends auf den Terrassen, geht ins Kino oder Theater. "Wenn ich noch ihr Alter hätte, würde ich mich auch unter die Jugend mischen!", schrieb eine offenbar ältere Dame auf Twitter.

Auslöser des Umschwungs war der Präsident himself. "Entdecken wir wieder, was unsere Lebenskunst ausmacht!", begeisterte sich Emmanuel Macron auf einer Café-Terrasse, wo er den obligaten Nachsatz fast vergaß: "Natürlich unter Einhaltung der Distanzregeln." Als ein Halbfinalspiel am Tennisturnier Roland-Garros bis in die Covid-Sperrzeit nach 23 Uhr dauerte, gab ein Sprecher überraschend bekannt, die Gäste könnten auf Erlaubnis "von höchster Stelle" – zweifellos des Staatspräsidenten – bis zum Spielende bleiben.

Die Polizei hält sich auch andernorts zurück. Solange die Festfreude nicht in Alkoholexzesse umschlägt, versucht sie die Aufläufe mit gutem Zureden aufzulösen. Ein Jugendlicher kommentierte: "Ein bisschen Dialog, das ist doch besser als Tränengas."

Wählerstimmung kann umschlagen

Zugleich müssen die Behörden auf der Hut bleiben. Gesundheitsminister Olivier Véran rief am Dienstag wegen der Covid-Variante Delta zur allgemeinen "Vorsicht" auf. Bei den meisten Freiluftpartys sind Schutzmasken rar geworden. Covid-Regierungsberater Jean-François Delfraissy räumt ein, dass es "sehr schwierig sein wird, die Maskenpflicht im Freien über den Monat Juni hinaus aufrechtzuerhalten." Die sehr seriöse Zeitung "L’Opinion" applaudiert: "Die Maskenpflicht in den Läden und Zügen wird umso besser befolgt, wenn man sie gleichzeitig im Freien aufhebt."

Darmanin kann zwar nicht immer Milde walten lassen. Als nach dem Rugbyspiel Biarritz gegen Bayonne nahezu 10.000 Fans ohne jeden Abstand auf den Rasen strömten, ordnete er eine Strafuntersuchung an. Doch mit Bußen rechnet niemand. An den beiden kommenden Wochenende sind in Frankreich Lokalwahlen, und Macrons Partei "La République en marche" will es sich mit den Jungwählern nicht verderben. Einer hatte den Präsidenten vor einer Woche bei einem verkappten Wahlauftritt geohrfeigt. Zufall oder nicht – seither hat sich Macron nicht mehr über kritisch über die Lage im Land geäußert. Die Regierung hat am Dienstag die Impfung der Zwölf- bis 17-Jährigen – mit Einwilligung der Eltern – zugelassen. Aber sie dringt nicht speziell darauf, und der Andrang hielt sich am ersten Tag sehr in Grenzen.

Macron weiß, dass die fast schon euphorische Stimmung im Land schnell wieder umschlagen kann. Nicht alle Bürger sind in Fest- oder bereits in Ferienlaune. Im Großraum Paris sind die Verkehrstaus länger denn je – am Dienstag insgesamt 446 Kilometer. Denn wegen der Covid-Krise verzichten viele Pendler weiter auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Und auch die Rückkehr an den Arbeitsplatz wird nicht überall geschätzt, nachdem man sich an das Homeoffice zu Hause gewöhnt hatte.

Rückkehr der Wangenküsschen

Unzufrieden sind auch die Gegner einer gar nicht so nebensächlichen Sache – der Wangenküsschen. "Mit der Pandemie glaubten sie, dass das französische Ritual der 'bise' endgültig der Vergangenheit angehöre, wie früher das Rauchen im Zug", schreibt die Kolumnistin Guillemette Faure. 17 Monate lang habe man Kollegen und Freunde mit Verweis auf Covid-19 auf Distanz halten können. Höchstens noch am Ende ihrer Emails habe man ein vertrauliches "bises" hingesetzt.

Nun drohe die Rückkehr das Wangenküsschen, "und damit des schlechten Atems im Gesicht und der ineinander verhakten Brillen", schreibt Faure. Die Regierung ist nicht unschuldig an der Rückkehr der alten Gewohnheit: Schon im Jänner, als die Viruskrise grassierte, hatte Minister Véran seinen Landsleuten Mut zu machen versucht, indem er prophezeite: "Der Tag, an dem wir die Masken ablegen und uns wieder die Hand geben oder Wangenküsschen tauschen können – er wird in die Geschichte der Menschheit eingehen."

Das Comeback der "bise" ist aber noch nicht sicher. Laut dem Psychosoziologen Dominique Picard "müssen die Begrüßungsrituale erst wieder neu erfunden werden". Wer allergisch auf "la bise" ist, kann immerhin in die äußerste Bretagne auswandern: Im Departement Finistère (zu Deutsch: Ende der Welt), besteht der Brauch in einem Küsschen. Generell sind in Frankreich zwei üblich. In einzelnen Gegenden des Südens tauscht man aber sogar drei "bises" aus, nördlich der Loire sogar vier. Ungeklärt ist, wie viele Impfdosen dagegen nötig sind. (Stefan Brändle aus Paris, 16.6.2021)