Immer gesellig und fidel? Edward Hoppers rätselhaftes ikonisches Bild "Nighthawks" von 1942 zeigt auch die Einsamkeit der Nacht.

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Höchstwahrscheinlich sind die, die die frohe Botschaft freuen wird, heute noch gar nicht aufgestanden. Aber sie werden es früher oder (eher) später mitbekommen: Die sogenannte Nachtgastronomie, also Clubs, Diskotheken, Bars, Beisl, Abstürzhütten wie Tschocherln und Bumsn (veraltet für "anrüchiges Lokal mit Tanzbetrieb"), darf nach eineinhalb Jahren Durststrecke wieder gelassen für Ausgelassenheit sorgen. Masken und Sperrstunde fallen weg, drei G weisen den Weg in die neue, alte Freiheit.

Aufatmen und einschenken heißt es also für all jene, die sich den sogenannten Nachtschwärmern zurechnen – ein Begriff, der ursprünglich den dämmerungs- und nachtaktiven Schmetterling Nachtfalter beschreibt. Was zeichnet sie also aus, diese Nachtschwärmer?

Sicherlich die nicht zu verachtende Erkenntnis, dass der Mensch zusammengerechnet ganze 24 Jahre seines Lebens verschläft, es also im Sinne der Kalenderspruchweisheit "Lebe dein Leben in vollen Zügen" durchaus lohnend sein kann, sich hin und wieder ein paar Stunden Nachaktivität zu gönnen. Freilich: Wohldosiert sollte alles sein, denn schon Epikur, der klassische Denker des Hedonismus, warnte vor dem schmalen Grat, auf dem die Nachteulen tanzen.

Von Rolling Stones bis Edward Hopper

Zeitlebens ein Lied davon gesungen haben zum Beispiel die Rolling Stones u. a. im Song Midnight Rambler. Edward Hoppers ikonisches Gemälde Nighthawks von 1942 beschreibt hingegen auf poetische Art auch die stille Einsamkeit, die einen in der doch so lauten, geselligen Nacht ereilen kann.

Paradoxerweise konnte die Kultur der Nacht erst erstehen, als mehr Licht in die Sache kam: Von der Aufklärung führt ein Weg über die Romantik bis in die Industriemoderne, die dank der Elektrifizierung der Städte dem nächtlichen Treiben zum endgültigen Durchbruch verhalf. Und klar ist auch: Ohne Sozialreformen, die dem arbeitenden Menschen mehr Tagesfreizeit und somit auch mehr Energie für die Nacht verschafften, wäre noch heute tote Hose.

Viele unserer gängigen Nachtvergnügungen haben ihre Wurzeln in den "Roaring Twenties" oder Goldenen Zwanzigerjahren, die damals den Ersten Weltkrieg vergessen machen sollten. Nicht wenige meinen daher, die pandemischen Nachholeffekte könnten uns nun Ähnliches bescheren.

Einen schönen Dokumentarfilm gibt es übrigens über Technonachtschwärmer. Er heißt Feiern, mit einem Untertitel, den aktuell niemand gerne hören wird: Don’t forget to go home.

(Stefan Weiss, 18.6.2021)