Europas längster Gletscher, der gewaltige Aletschgletscher im Schweizer Fieschertal, könnte selbst bei moderater Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts bis zu 45 Prozent seines Volumens verlieren.
Foto: AP/Laurent Gillieron/Keystone

Die alpinen Gletscher sind sehr empfindlich, wie eine aktuelle Studie zeigt. Ob sich die Erdatmosphäre bis zum Ende des Jahrhunderts um ein, eineinhalb oder um zwei Grad erwärmt, macht deshalb einen großen Unterschied: Laut Simulationen werden sie zwischen 40 und 80 Prozent ihres Eis-Volumens verlieren. Das Schweizer Team um den Glaziologen Loris Compagno von der ETH Zürich und der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) untersuchte, wie sich die Eismassen der Alpengletscher unter drei Klimaszenarien entwickeln.

Mehr als die Hälfte verschwinden

Demnach wird selbst im moderatesten Szenario bis zum Ende des Jahrhunderts etwa die Hälfte des heutigen Gletschervolumens verloren gehen, wie die Forscher im Fachmagazin "The Cryosphere" berichten. Der Aletschgletscher würde bis zu 45 Prozent seines Eis-Volumens einbüßen, der Rhonegletscher 55 Prozent. Rund 2.500 der insgesamt mehr als 4.000 Gletscher verschwinden ganz.

Erwärmt sich die Erdatmosphäre um eineinhalb Grad, gehen 3.000 Gletscher ganz verloren, bei nochmals einem halben Grad mehr sogar fast 3.300. Unter diesem Szenario von plus zwei Grad würde auch der Aletschgletscher rund achtzig Prozent seines Volumens einbüßen. Jede Bemühung, die Erderwärmung zu begrenzen, habe deshalb wichtige Auswirkungen auf die Gletscherwelt und damit auf die alpine Umwelt, schreiben die Forschenden.

Simulation der Entwicklung der Gletscher in den Alpen bis 2100 nach a) Volumen, b) Fläche, c) jährliche Abflussmenge und d) monatliche Abflussmenge bei Erwärmung um 1,0 Grad, 1,5 Grad oder 2.0 Grad Celsius.
Grafik: Glaziologie, D- BAUG/ETH Zürich

Wasserknappheit droht

Die schmelzenden Gletscher beeinflussen den Simulationen zufolge auch den Wasserhaushalt in den Bergen. Bisher fließt am meisten Schmelzwasser im Monat August in die Bäche und Flüsse. In Zukunft könnte dieses Maximum bereits im Juli oder Juni erreicht werden.

Zudem könnten die Abflussmengen bei einer Erwärmung um ein Grad im Jahresdurchschnitt um etwa ein Viertel sinken, bei plus zwei Grad um rund ein Drittel. Insbesondere in den Sommermonaten könnte Wasser knapp werden. Solche Veränderungen wirken sich laut den Forschenden nicht nur auf die Ökosysteme, sondern auch beispielsweise auf die Landwirtschaft und die Wasserkraft aus. (red, APA, 20.6.2021)