"Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" von Annalena Baerbock ist so etwas wie die schriftliche Bewerbung um die Nachfolge von Angela Merkel.

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Ganz nahe schon ist Annalena Baerbock an diesem Donnerstag dem Berliner Kanzleramt. In der Sommerhitze sitzt sie, einen Steinwurf nur entfernt, auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt. Näher wird sie dem Kanzleramt auch nicht mehr kommen, lästert jemand im Publikum. Baerbock hört es nicht, sie ist gekommen, um ihr erstes Buch zu präsentieren.

"Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" (Ullstein-Verlag) heißt es, und es ist so etwas wie die schriftliche Bewerbung um die Nachfolge von Angela Merkel. Man kennt das aus dem politischen Betrieb: Wer etwas werden will, sollte ein Buch schreiben. Inhaltlich ist nichts Überraschendes drin. Baerbock kämpft für höhere CO2-Preise, die aber finanziell Schwachen über ein "Energiegeld" wieder erstattet werden sollen, für mehr Geld für Kinder und die Aufnahme von Flüchtlingen bei gleichzeitiger Grenzkontrolle.

Doch im Buch menschelt es auch. Erstmals lässt Baerbock, der ein Hang zur Perfektion nachgesagt wird, ein paar private Einblicke zu, um daraus politische Handlungsanweisungen abzuleiten. Sie beschreibt, wie sie als Jugendliche in Niedersachsen babysittete und in der Bäckerei jobbte, um sich Markenjeans und Interrail-Touren leisten zu können. Jetzt macht sie sich für die Kindergrundsicherung stark. Die 40-Jährige zitiert auch ihren Vater, der ihr und den beiden jüngeren Schwestern das Reifenwechseln beigebracht hat – mit den Worten: "Ihr wollt doch nicht blöd am Straßenrand stehen und hoffen, dass euch ein Mann hilft."

Treffen mit Jesidinnen

Es ist auch von Opa Waldemar die Rede, von Oma Alma und von einem Treffen im Irak mit jesidischen Frauen, die von der Terrormiliz IS entführt und vergewaltigt worden waren. "Mir rannen Tränen über die Wangen. Beim Schreiben tun sie das noch heute", heißt es im Buch.

Nicht zu kurz kommt der Sport, Baerbock betrieb früher Trampolinspringen als Leistungssport und hat heute noch im Garten ein Gerät stehen, das sie nutzt. Sie beschreibt einen Trümmerbruch kurz vor den deutschen Meisterschaften 1994 und konstatiert: "In einem Moment bist du voll im Plan, Sekunden später ist alles dahin." Ob es, nach den Aufregungen um ihren korrigierten Lebenslauf, Parallelen zur Politik gibt, blieb bei der Buchpräsentation jedoch offen.

Apropos Lebenslauf: Das Nachrichtenportal t-online weist auf eine Lücke in jenem von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet hin. Er habe seine Lehrtätigkeit an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen 1999 bis 2015 nicht angegeben. 2015 war bekannt geworden, dass Laschet Noten aus Aufzeichnungen rekonstruiert hatte, nachdem Klausuren auf dem Postweg verloren gegangen waren. (Birgit Baumann aus Berlin, 17.6.2021)