Kaum in der Ferienidylle angekommen, beginnen beim Vater der Icherzählerin die gesundheitlichen Probleme.

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Es hätte noch einmal ein unbeschwerter Sommer am Balaton werden sollen. Die Icherzählerin fährt mit ihren Eltern wie jedes Jahr nach Ungarn ins Sommerhaus der Familie. Kaum in der Ferienidylle angekommen, beginnen bei ihrem Vater die gesundheitlichen Probleme, er ist schwer krebskrank und muss sofort in ein Krankenhaus; erst Eisenstadt, dann Hainburg, schließlich wird er in Mistelbach operiert.

Bald weiß die Familie, es war der letzte gemeinsame "Ungarnsommer", der Vater wird sein Heimatland, aus dem er, wie seine spätere Frau, 1956 geflohen ist, nicht wiedersehen, im Jahr darauf wird auch das Sommerhaus aufgegeben.

Zsuzsa Bánk, neun Jahre nach der Flucht ihrer Eltern in Frankfurt geboren, hat ein autobiografisches Erinnerungsbuch geschrieben, das ganz von der Trauer bestimmt ist, ja geradezu suggestiv von ihr in Besitz genommen wird. Das Sterben, das die ganze Familie belastet, und alle damit zusammenhängenden Schritte, angefangen vom Stress im Krankenhaus bis zu der mit jedem Todesfall verbundenen Bürokratie, den üblichen Formalitäten, ergeben ein schmales Handlungsgerüst.

Dazwischen ist viel Raum für Reflexionen, und zwar so dicht, dass die Trauerarbeit zum eigentlichen Thema wird. Allerdings bleibt das so individuell, dass sich der Leser damit schwertut, warum ihn das berühren muss. Denn über die Ebene des Persönlichen, einer reinen Befindlichkeitsgeschichte ohne jede Verallgemeinerung kommt das Buch nicht hinaus.

Die Wucht des Schmerzes

Dabei hätte die Geschichte Relevanz: Es gäbe viel über den Vater, seine Herkunft, die Migration zu erzählen; doch nicht sein Leben oder die Vater-Tochter-Beziehung steht hier im Mittelpunkt, es ist ausschließlich die Geschichte seines Sterbens, die zwar die emotionale Bindung an das einstige Heimatland reflektiert, doch diese wird von der Autorin im Sentiment ihrer Eltern und in der Unmittelbarkeit des Todes mehr tränenreich verinnerlicht und bleibt gesellschaftspolitisch unreflektiert.

In der jüngeren Literatur gibt es mittlerweile einen eigenen Kanon von meist sehr bedeutenden Abschiedsbüchern, die dadurch überzeugen, dass sie vor einem sozialgeschichtlichen Hintergrund erzählt werden. Man denke an das wunderbare Buch des kürzlich verstorbenen Ludwig Fels, Der Himmel war eine große Gegenwart, das er vor mehr als dreißig Jahren über das Sterben seiner Mutter geschrieben hat und das gerade auch in der Sparsamkeit seiner Mittel besticht.

Um so viel anders ist Sterben im Sommer: eine Spur zu gekonnt die poetische, rhythmische Sprache mit ihren Molltönen, die immer um dasselbe kreist und irgendwann eintönig wird. Und wie schon in Bánks letztem Roman Schlafen werden wir später wird auch hier viel geweint, was freilich noch kein Anlass ist, dieses Buch als tränenselig und sentimental abzutun – aber die Sprache ist allzu prätentiös, und davon scheint am Ende auch die Autorin überwältigt.

Nicht nur die Wucht des Schmerzes drückt sie nieder, es ist auch die Ästhetik dieser bilderreichen, redundanten Sprache, die die Trauer in eine Endlosschleife drückt. Die notwendige Distanz blieb leider verabsäumt, doch gerade die würde ein so privates, emotionales Buch sehr brauchen. (Gerhard Zeillinger, ALBUM, 19.6.2021)