Sommer, Sonne und Lesen gehören zusammen.

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Ein SOMMER voll Hass und Verständnis

Tatiana Țîbuleac, "Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte". Übers. aus dem Rumänischen: Ernest Wichner. 22,– Euro / 190 Seiten. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2021
Cover: Schöffling & Co

Aleksy hasst die Welt wie die Pest. Das Einzige, was er noch mehr hasst als die Welt, ist der Mensch, der ihn in diese Welt gebracht hat, seine Mutter: "Sie war klein und dick, dumm und hässlich. Die nutzloseste Mutter, die es je gab." Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte, ein Roman der in Moldawien geborenen und in Paris lebenden Schriftstellerin Tatiana Țîbuleac, ist nicht das, was man eine unbeschwerte Strandlektüre nennen würde.

Nach und nach entpuppen sich die sozialen und persönlichen Kindheitskatastrophen, aus denen sich Aleksys Furor nährt. Seine zornglühende Erinnerungsarbeit nimmt plötzlich eine Wendung, als die Mutter es schafft, den Sohn mit einer Art Bestechung zu einer gemeinsamen Sommerreise nach Nordfrankreich zu bewegen: Wenn er mitkommt, kriegt er nachher ihr Auto geschenkt.

Es wird die letzte Reise der Mutter sein, denn ihr Körper ist vom Krebs zerfressen, ihre Tage sind gezählt. Und in Aleksys großen Hassgesang mengen sich zunehmend auch verständnisvolle, empathische Töne. Țîbuleac hat für ihre Beziehungsgeschichte eine Sprache gefunden, die dem Buch einen mächtigen Sog gibt: ein an der surrealistischen Tradition geschulter Fluss von kühnen, überraschenden Sprachbildern, die sich in lakonisch-realistische Elendsschilderungen eingebettet finden. Ein wildes Buch, das schnurgerade auf das emotionale Wahrnehmungszentrum seiner Leser abzielt, und dies erfolgreich. (Christoph Winder)

Christoph Winder ist STANDARD-Kolumnist. Als Sommerlektüre empfiehlt er heuer "Pong am Abgrund" von Sibylle Lewitscharoff und "Lachen und Sterben" von Franz Schuh.


Der SOMMER, der eine Pause brachte

Siri Hustvedt, "Der Sommer ohne Männer". 20,60 Euro / 256 Seiten. Rowohlt-Verlag, 2011
Cover: Rowohlt

Als 2011 von Siri Hustvedt Der Sommer ohne Männer auf Deutsch erschien, war das eine tröstliche Lektüre. Zumindest für mich, weil es mich abholte, und das gleich mit dem ersten Satz: "Eine Weile nachdem er das Wort ,Pause‘ ausgesprochen hatte, drehte ich durch und landete im Krankenhaus." Ich landete zwar nicht im Krankenhaus, aber ich erkannte mich irgendwie in dieser Geschichte wieder, die die New Yorker Schriftstellerin, Jahrgang 1955, in diesem traurigen wie amüsanten Buch aufschreibt.

"Die Pause war eine Französin mit schlaffem, aber glänzend braunem Haar", schreibt Hustvedt. "Sie hatte einen signifikanten Busen, der echt nicht künstlich war, eine schmale Rechteckbrille und einen exzellenten Verstand." Dass Hustvedts Protagonistin, der das alles widerfährt, zudem Mia heißt, war ein zusätzlicher schöner Zufall.

In Der Sommer ohne Männer ist der Titel Programm. Es geht um den Erfahrungsschatz älterer Frauen, die Tatsache, dass man mit fünfundfünfzig irgendwie immer noch ein Kind ist, die sprichwörtliche Entdeckung der Klitoris (1559 durch Renaldus Columbus!) und Mias Dasein als Heulsuse, das Vergessen und Vergeben. Und, vielleicht das Wichtigste: dass Altwerden schön ist! "Das einzige Problem ist, dass dein Körper in die Binsen geht", schreibt Hustvedt in diesem Frauenbuch, das Männer unbedingt lesen sollten. (Mia Eidlhuber)

Mia Eidlhuber ist Ressortleiterin des ALBUM. Als Lesestoff empfiehlt sie dieses Jahr "Daheim" von Judith Hermann und "Die zitternde Welt" von Tanja Paar.


Wiener SOMMER der 1910er-Jahre

Petra Hartlieb, "Sommer in Wien". 18,90 Euro / 176 Seiten. Dumont-Buchverlag, 2019
Cover: Dumont

Marie im Mittelpunkt der Handlung. Die von einer schweren Kindheit auf dem Land geprägte Katholikin kommt über Umwege als Kindermädchen in den Haushalt des berühmten Dichters Arthur Schnitzler.

Schauplatz ist das Wien der 1910er-Jahre, vor allem der 18. Bezirk, mitsamt der realen Buchhandlung Friedrich Stock, die heute Hartliebs Bücher heißt. Ebendiese Buchhandlung und der junge Angestellte Oskar verändern das Leben der Anfang 20-jährigen Marie schlagartig.

Auch ohne die anderen Teile der Buchreihe zu kennen, hinterlässt der Roman keinerlei Fragezeichen. Rückblenden geben Aufschluss über die Vergangenheit der Protagonisten, also kann man auch mit dem "Sommer-Band" einsteigen und sich anhand realer Ereignisse wie des Untergangs der Titanic und des Attentats in Sarajevo orientieren.

Das Werk ist für jeden, der sich an der Nostalgie der Belle Époque und einer Liebesgeschichte zwischen Angehörigen verschiedener Stände erfreut.

Wie sich der Beginn des Ersten Weltkriegs auf das Leben und vor allem die Liebe von Marie und Oskar auswirkt, verrät Hartlieb diesen September in Herbst in Wien. (Anna Caroline Kainz)

Anna Caroline Kainz ist Redakteurin im Videoressort und empfiehlt, für den Thriller "Wolfssommer" von Hans Rosenfeldt Platz im Koffer übrigzulassen.


SOMMERlicher geht es nicht

Adalbert Stifter, "Der Nachsommer". 18,90 Euro / 784 Seiten. dtv-Verlag, 2017
Cover: dtv

Man muss sich beinahe unbeschränkt Zeit nehmen, um das schönste Spätsommerbuch deutscher Zunge auch wirklich zu durchmessen. Ist man erst einmal in Adalbert Stifters Heckenrosenwelt eingetaucht, möchte man diesen lieblichsten Aufenthaltsort der Welt nicht mehr verlassen.

An Der Nachsommer scheiden sich bis heute die Geister. Man hat Stifter für die Umständlichkeit seines Erzählens posthum gemaßregelt: ihn einen Langweiler genannt, als Vielfraß gescholten und ihn eines vermeintlichen Kapitalverbrechens überführt. Er, Stifter, habe, in Stellvertretung für uns alle, die politische Wirklichkeit nicht nur des 19. Jahrhunderts frech verleugnet.

Die gleichsam konzentrische Anlage einer geregelten Welt, in der vom kleinsten Kieselstein bis zum höchsten Gebirgspass alles von vornherein seinen wohlbegründeten Platz findet: Dieses Konzept der Gliederung weist den Landesschulrat freilich als Konzeptkünstler "avant la lettre" aus. Stifter ist ein narrativer Anästhesist, der Unterschiede verschleift.

Hierin und im betörenden Sound dieser Prosa, die an die Ausdehnung später Morton-Feldman-Kompositionen erinnert, beweist sich eine Meisterschaft, die zugleich eine Krise anzeigt. Wer verreist ist, sollte den Nachsommer im Gepäck dabeihaben: Der schönste Strand der Welt verblasst gegenüber den Heckenrosen im Garten des Freiherrn von Risach. (Ronald Pohl)

Ronald Pohl ist Autor und Redakteur im Kulturressort. Seine Empfehlung für den Urlaub: der Gedichtband "No Art" von Ben Lerner, samt Vorwort von Alexander Kluge.


Junge SOMMERtage

Ewald Arenz, "Der große Sommer". 20,90 Euro / 320 Seiten. Dumont-Buchverlag, 2021
Cover: Dumont

Es ist wohl der perfekte Jugendsommer, den Ewald Arenz in seinem Roman Der große Sommer beschreibt. Auch wenn nicht alles glattgeht – im Gegenteil.

Protagonist Friedrich Büchner muss in die Nachprüfung. Die wohlverdienten Sommerferien kann er sich also abschminken, und damit auch den Urlaub mit der Familie. Stattdessen wird er zum strengen und ungeliebten Großvater geschickt, um das nachzuholen, was er das Jahr vorher verpasst hat.

Gleichzeitig lernt der Teenager aber Beate auf dem Sprungturm des örtlichen Freibads kennen – und ist sofort Hals über Kopf verliebt. Von hier aus entspinnt sich eine wunderbar leicht zu lesende Sommergeschichte über die erste Liebe, Freundschaft, Jugendsünden und den Tod.

Immer wieder erwischt man sich dabei, wie man beim Umblättern der Seiten an ähnliche Geschichten aus der eigenen Jugend denken muss. Der Blick in die grün-gelben Augen der ersten Liebe, das nächtliche Einbrechen ins Freibad, zu viel Alkohol für solch junge Lebern.

Arenz schafft es, das alles in einer wenig kitschigen Art und Weise zu vermitteln. Und wenn es doch manchmal kitschig wird, dann diese gute Art von Kitsch, die man für diesen Augenblick toleriert und tief im Inneren sogar gar nicht schlecht findet!

"Wir würden nie sterben. So fühlte sich das an". Das stimmt nun mal einfach. (Thorben Pollerhof)

Thorben Pollerhof ist unter anderem Redakteur im ALBUM und empfiehlt für entspannte Stunden am Strand den Bob-Dylan-Roman "Jokerman" von Stefan Kutzenberger.



Ein SOMMER im Garten

Beat Sterchi, "Capricho. Ein Sommer in meinem Garten". 24,70 Euro / 272 Seiten. Diogenes, 2021
Cover: Diogenes

Der Ginster blüht, die Freude über die Arbeit im Gemüsegarten ist mindestens ebenso aufgegangen: "Kartoffeln wollte ich setzen! Zum ersten Mal!" So begrüßt uns Beat Sterchi in seinem Buch Capricho. Ein Sommer in meinem Garten.

Beziehungsweise in seinem "huerto", wie man Gemüsegärten in Spanien nennt. Apfel-, Mandel- und Olivenbäume haben den Winter gut überstanden, doch der Nachbarin hat ein Marder alle Hühner weggefressen.

Der 62-jährige Berner Autor ist der Gegend um Valencia seit langem verbunden. In Capricho will ein Schriftsteller, der Sterchi ähnelt, eigentlich ein Buch schreiben, doch das klappt nicht recht. Die Land(wirt)schaft bietet Ablenkung.

Sterchis Buch ist Nature-Writing und Tagebuch. Es passiert darin aber nicht viel, vor allem Kleinigkeiten: Sein Held mäht Unkraut, düngt mit Schafmist, zähmt Brombeergestrüpp, hält Mittagsschlaf, isst gut.

Wasser plätschert, Schafe suchen fressbare Kräuter, freundliche Menschen grüßen und helfen einander. Die ländliche Idylle ordnet er in Kapitel wie "Die Axt, der Rasenmäher und der Lumpen" oder "Die Hoffnung, der Spatz und das Knacken der Mandeln". Ein Fuchs stört spät die Idylle, indem er den Garten verwüstet, auch eine Maus bringt Unruhe.

So viel Langsamkeit steckt an. Kartoffeln "wie Goldkugeln" gibt es übrigens reichlich. (Michael Wurmitzer)

Michael Wurmitzer ist Redakteur im Kulturressort und kann Helen Macdonalds "Abendflüge", Nachfolgeroman ihres Erfolgs "H wie Habicht", jedem ans Herz legen.


Klischeelose SOMMERliebe

Maureen Daly, "Siebzehnter Sommer". 24,90 Euro / 308 Seiten. Edition Anna Jeller, 2017
Cover: Edition Anna Jeller

Zwei Menschen verlieben sich, es fließen Tränen, sie gehen getrennte Wege.

Die Geschichte wurde oft erzählt. Aber jene der 17-jährigen Angie Morrow, die in den USA der 1940er-Jahre einen Sommer lang mit Jack Duluth ausgeht, ist besonders. Der Roman geriet hierzulande in Vergessenheit, bevor ihn die Wiener Buchhändlerin Anna Jeller neu übersetzen ließ und in ihrer Edition herausbrachte.

Die Leserin ist dabei, als sich Angie das erste Mal verliebt und mit Jack ausgeht. Es ist ein Sommer, wie es ihn zumindest in Büchern früher gegeben hat.

Die Tage sind gefüllt mit süßem Nichtstun und stiller Sehnsucht. Abends fährt man zum See.

Es gibt auch Krisen: Jack fühlt sich anfangs bloßgestellt, als Angie mit einem anderen ausgeht. Dafür ist ihr peinlich, dass Jack beim Essen mit dem Löffel an seine Zähne schlägt. Auch das Erwachsensein wirft Schatten voraus, etwa in Gestalt von Angies älterer Schwester, die an den falschen Mann gerät.

Man kann Siebzehnter Sommer veraltet finden – oder als die Erzählung einer Frau lesen, die am Ende dieses langen Sommers nicht klischeehaft die erste Liebe heiratet, sondern in die Großstadt zieht und damit Erwartungen und Moralvorstellungen zurücklässt.

"Vielleicht ist es ja Unsinn", meint sie anfangs. Und fügt hinzu: "Ist es aber nicht." Recht hat sie. (Franziska Zoidl)

Franziska Zoidl ist Redakteurin im Immobilien- und Gesundheitsressort. Ihre Empfehlung zum Faulenzen auf der Liege am Sandstrand: "Tiger" von Polly Clark.


Das Tagebuch des Corona-SOMMERS

Wladimir Kaminer, "Der verlorene Sommer". 16,– Euro / 192 Seiten. Goldmann, 2021
Cover: Goldmann

Eigentlich will man ja von all dem nichts mehr hören, von Covid und Lockdown, von Inzidenzen und wann und wo wieder aufsperren. Und eigentlich hatten uns ja alle, die etwas auf sich halten, versprochen, nie und nimmer ein Buch darüber zu schreiben. Denkste!

Wladimir Kaminer, Russendisko-Erfinder und umtriebiger Hansdampf, schrieb jede Woche einen Song während des ersten Lockdowns, und dann führte er auch noch Tagebuch.

Viele der Einträge kommen einem bekannt vor beziehungsweise hat man das alles selbst irgendwie erlebt, Stichwort: Klopapier. Oder das Händewaschen in fünf Schritten.

Aber dann gibt es natürlich andere Länder mit anderen Covid-Sitten, und was Russland angeht, sind Kaminer und seine Mutter richtige Experten.

Wir erfahren: In Moskau retteten Polizisten einen jungen Mann, der im 15. Stock auf einer Fensterbank ein Selfie machen wollte, dabei ausrutschte und an der Außenmauer hängen blieb. Sie zogen ihn herein und stellten ihm einen Strafzettel aus, wegen Verletzung der Ausgangssperre.

Oder es schimpfte der Pressesprecher der Regierung Putin über zu dichtes Gedränge in der U-Bahn: "Wie idiotisch ist das denn, dass ihr alle zur gleichen Zeit in die Arbeit fahren müßt?"

Ein leidlich lustiges Erinnerungsbuch an eine gar nicht so lustige Zeit. (Manfred Rebhandl)

Manfred Rebhandl ist Autor ("Sommer ohne Horst") und empfiehlt für den (hoffentlich) kommenden Sommerurlaub "Heiße Fracht" von Dan Kavanagh.

(ALBUM, 19.6.2021)