Russland, Sommer 1941. Dem militärischen Vormarsch folgten unmittelbar die "Einsatzgruppen" mit Massenerschießungen.

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Der Krieg gegen die Sowjetunion – oder, in der Umgangssprache, Russland – war das prägende Erlebnis einer ganzen Generation. Millionen sind davon nicht zurückgekehrt, und die es doch konnten, verfielen entweder in Schweigen, oder sie versuchten mit fahnengeschmücktem Traditionsgetöse in den Kameradschaftsbünden oder am Wirtshaustisch dem "Völkerringen" einen Sinn zu geben.

Über "den Iwan" und seine Brutalität, Verschlagenheit, aber auch seine Zähigkeit und Opferbereitschaft konnte man sich stundenlang auslassen. Dass Hitler von Anfang an einen Vernichtungskrieg geplant hatte, in dem Millionen "slawische Untermenschen" dem Tod oder der Sklaverei überantwortet werden sollten und auch wurden, in dem die "Ausrottung" der Juden fixer Bestandteil war, hat sich erst langsam und relativ spät im Bewusstsein der Menschen festgesetzt.

Inzwischen ist durch die historische Forschung der Charakter des Russlandfeldzuges als rassistischer Raub- und Vernichtungskrieg bis ins aktenmäßige Detail belegt.

Steigerung der Inhumanität

Auch diejenigen, die keine Schuld auf sich geladen hatten, flüchteten in die Verdrängung. Der Vater des Autors dieser Zeilen war Funker der Wehrmacht im Russlandfeldzug gewesen. Lange, lange erzählte er nur bizarre Anekdoten aus der absolut fremden Welt der Kalmückensteppe.

Dann, auf dem Höhepunkt der Waldheim-Affäre, wo es darum ging, dass der Präsidentschaftskandidat im Krieg nur "seine Pflicht getan" haben wollte, brach beim Vater die Erinnerung an die hunderten Erschossenen durch, die er bei der Fahrt durchs Hinterland gesehen hatte.

Der Russlandfeldzug war innerhalb des nationalsozialistischen Wahnsystems noch einmal eine gewaltige Steigerung an Inhumanität. Dabei mitgemacht haben Millionen Deutsche und Österreicher. In diesem Sinn ist das, was vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941, begann, noch relevant für heute. Es gibt auch keine Aufrechnung mit den unleugbaren Verbrechen Stalins.

Putins Russland ist heute ein systemischer Gegner des demokratischen Westens, obwohl die Sowjetunion längst zerfallen ist. Putin glaubt an ein autoritäres und antidemokratisches System für Russland und betrachtet die Nachbarschaft der EU, also einer Ansammlung von teilweise fragilen Demokratien an seinen Grenzen, als existenzielle Bedrohung.

Dem begegnet er mit einer unablässigen politisch-geheimdienstlichen Kriegsführung. Das kann und muss man wissen, darf aber gleichzeitig doch nicht vergessen, dass es auch unser Vernichtungskrieg war, bei dem wir mitgemacht haben.

Vernichtung war das Ziel

Bereits in seinem 1924 erschienenen programmatischen Buch Mein Kampf sprach Hitler von "Lebensraum im Osten". Mit diesem (ökonomisch unsinnigen) "Lebensraum"- Gedanken war aber auch untrennbar eine rassistische Herrenmenschen-Ideologie verbunden.

Für Hitler waren das kommunistische wie gleichzeitig auch das kapitalistische System jüdisch dominiert, im Fall der Sowjetunion aber der "jüdische Bolschewismus" die unmittelbare Gefahr. Es ging ihm nicht nur um Eroberung und Ausbeutung, sondern ganz konkret um Vernichtung.

Seine Absichten umschrieb Hitler in seinen "Tischgesprächen", seinen Monologen, die er regelmäßig im kleineren Kreis hielt: "Der Jude muss aus Europa heraus (…). Ich weiß nicht, ich bin kolossal human (…). Ich sage nur, er muss weg. Wenn er dabei kaputtgeht, da kann ich nicht helfen. Ich sehe nur eines: die absolute Ausrottung, wenn sie nicht freiwillig gehen" (am 25. 1. 1942 in der "Wolfsschanze", Hitlers Befehlsstand in Ostpreußen). Dabei hatten Massenerschießungen von russischen Juden längst begonnen.

Schicksal für die Russen

Auch über das geplante Schicksal für die Russen ließ er seine Zuhörer nicht in Zweifel: Am 18. September 1941, also nach den gewaltigen ersten Erfolgen des Angriffs auf die Sowjetunion, erklärte er im Führerhauptquartier: "Der russische Raum ist unser Indien, und wie die Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir diesen unseren Kolonialraum regieren. Es wäre verfehlt, die Eingeborenen erziehen zu wollen (…). Die slawischen Völker sind zu einem eigenen Leben nicht bestimmt (…). Wir bringen ihnen das Lesen besser nicht bei. Sie lieben uns gar nicht, wenn wir sie mit Schulen quälen; es wäre schon falsch, sie auch nur auf eine Lokomotive zu stellen. Wir finden in ihnen die Menschen zur Bearbeitung des Bodens, der uns heute abgeht."

Die Führungseliten des Dritten Reiches wussten Bescheid. Spätestens am 30. März 1941, als Hitler vor rund 250 höheren Offizieren zum bevorstehenden Kampf zweier Weltanschauungen", zur "Ausrottung des Kommunismus für alle Zeiten" und zur "Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und kommunistischen Intelligenz" aufrief.

Der Zeitpunkt ist wichtig. Hitlerdeutschland war Anfang 1941 der Herr Europas. Im August 1939 hatte Hitler mit Stalin noch den "Teufelspakt" geschlossen, der ihm überhaupt erst den Rücken für den Kriegsbeginn freihielt.

Polen war überwiegend erobert (den Ostteil hatte sich Stalin geholt), Frankreich im Frühsommer 1940 im Blitzkrieg besiegt, die Briten auf ihre Insel zurückgejagt. Wer aber von den Deutschen und Österreichern glaubte, nun würde man die Früchte des Sieges in Ruhe genießen können, hatte sich getäuscht. Herrenmenschen-Ideologie braucht immer neuen Krieg.

Rassenwahn als Weltanschauung

Die Slawen waren für Hitler – und die Führungseliten des Dritten Reiches – hauptsächlich ein "minderrassiges" Objekt der Ausbeutung, Verluste einkalkuliert. Die Juden waren aber nach dem US-Historiker Timothy Snyder in Hitlers Vorstellungswelt "keine minderwertige oder höherwertige Rasse, sondern eine ‚Nicht-Rasse‘ oder ,Gegenrasse‘", die komplett vernichtet werden musste.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion wurde auch sofort begonnen, diese beiden Säulen von Hitlers weltanschaulichem Programm umzusetzen. Ein ganzes Bündel von eindeutig kriegsverbrecherischen Befehlen der Wehrmacht und der SS legte sozusagen den organisatorischen und weltanschaulichen Grundstein.

Der "Generalplan Ost" des "Reichsführers SS", Heinrich Himmlers, bedeutete Zwangsarbeit, Ausbeutung, Beraubung, Verhungernlassen der russischen Bevölkerung – und Ansiedlung deutscher "Wehrbauern", die aber nicht über Anfänge hinauskam.

Judenmord hinter der Front

Der Judenmord begann unmittelbar im Sommer 1941. Hinter der Front tobten sich sogenannte "Einsatzgruppen" aus, bestehend aus Polizeieinheiten ("ganz normale Männer") und der Waffen-SS. Die Wehrmacht war manchmal direkt, meist indirekt beteiligt. Allein 3,3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener ließ die Wehrmacht umkommen.

Die "Einsatzgruppen" führten laufend Massenerschießungen durch, keineswegs nur an "kommunistischen Kommissaren" oder Partisanen, sondern jüdischen Zivilisten, Männern, Frauen, Kindern. Insgesamt wurden so rund 500.000 Zivilisten erschossen.

Mit dabei war in der 1. (Waffen-)SS-Infanteriebrigade der spätere FPÖ-Obmann Friedrich Peter im Rang eines Unteroffiziers. Er hat geleugnet, getötet zu haben. Unwahrscheinlich, aber nicht ganz unmöglich; und er behauptete, nichts davon gewusst zu haben. Unmöglich (obwohl Kreisky ihm das offenbar abgenommen hat).

Stalininsmus hereingeholt

Insgesamt sind in diesem Krieg 27 Millionen Sowjetbürger getötet worden, davon mehr als die Hälfte Zivilisten. Die NS-Propaganda, dass dies alles nur notwendig gewesen sei, um "den Bolschewismus" abzuwehren, verfing noch lange nach Kriegsende. In Wirklichkeit hat aber Hitlers wahnwitziger Krieg den Stalinismus nach Mittelosteuropa hereingeholt. Es dauerte über 40 Jahre, bis man sich davon befreit hatte.

Es war und ist offizielle österreichische Politik, dass man es sich mit "den Russen" nicht verderben solle. Das ist auch vernünftig, nicht zuletzt angesichts der eigenen Verbrechen der Vergangenheit. Der Vernichtungskrieg Hitlers ist keine Rechtfertigung der Putin’schen Machtpolitik von heute. Aber, und das bleibt ewig, er war singulär in seiner Monstrosität.(Hans Rauscher, 19.6.2021)