Laura Sachslehner (27) ist Vize-Chefin der Wiener ÖVP.

Foto: Heribert Corn

Hört man Laura Sachslehner zu, dann könnte man meinen, sie sei in einem Krisengebiet: "Es ist mittlerweile fast alltäglich, dass linke und rechte Extremisten am Wochenende aufeinanderprallen und unsere Stadt verwüsten", sagt sie, steht aber nicht im Krisengebiet, sondern im Sitzungssaal im Wiener Gemeinderat.

Die 27-jährige Laura Sachslehner ist so etwas wie der neue Stern am ÖVP-Himmel – ein türkises Politikphänomen, das es ohne immer heftiger werdende Polarisierung auf Twitter und Instagram wohl nicht geben würde. In den letzten Wochen war sie auffallend präsent und vor allem auffallend auf Parteilinie. Mehr noch: Sachslehner ist, so sieht das von außen aus, eher am rechten Rand der ÖVP daheim. Sie stellt linke Aktivisten mit Islamisten und Nazis auf eine Stufe, bringt das Thema Integration aufs Tapet, wann immer es geht, und ist dagegen, dass andere EU-Länder Flüchtlinge aus Italien aufnehmen.

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Gleichzeitig aber macht sie den Spagat zu Jugend und Urbanität, man sieht sie in Videos blödeln und tanzen, sie postet Zeichnungen ihrer Nichte und Fotos der Familie. Und: Sie bringt sich ganz offensichtlich für die Partei in Stellung. Doch wer ist diese Frau, wie sieht sie Wien und vor allem: Wo geht ihr Weg hin?

Herz erobert

Sachslehner ist augenscheinlich zufrieden damit, mit 27 konservativ zu sein und so auch wahrgenommen zu werden. Im Café Prückel – ihre Wahl – streift sie den beigen Blazer trotzdem schnell ab. Jeder Satz sitzt, ganz in ÖVP-Manier, das klingt dann so: "Ich bin gewählt von den Menschen in der Landstraße, und ich sehe es als meine Aufgabe, für sie Politik zu machen." Nur ein kleines Detail fällt aus dem geradlinigen Auftreten: Am Handgelenk trägt sie ein schmales Armband aus Plastik, "ROAR" steht da drauf, wie der Ruf einer Löwin. Ihre Schwester hat es gemacht, erzählt Sachslehner, sie trägt es als Talisman.

Sachslehner kam nach der Wien-Wahl mit einem Grundmandat aus dem dritten Bezirk in den Wiener Gemeinderat, außerdem ist sie ÖVP-Landesgeschäftsführerin-Stellvertreterin. Berufspolitikerin also, auch wenn sie das nach eigenen Angaben nicht geplant hatte.

Mit 15, so erzählt sie, hätte sie nie gedacht, dass sie in die Politik gehen würde. Erstens war sie politisch desinteressiert, und zweitens hatte sie ein Bild von "weißhaarigen, älteren Männern, die in irgendwelchen Hinterzimmern sitzen" im Kopf. Bei der ersten Wahl setzte sie das Kreuz bei den Grünen. Den Plan, Innenpolitik-Journalistin zu werden, verwarf sie im Laufe eines Publizistik- und eines Kultur- und Sozialanthropologie-Studiums. Politisches Engagement kam dazwischen, genauer die Junge ÖVP. Obwohl eigentlich Donaustädterin – immer noch – landete Sachslehner bei der JVP Landstraße. "Wenn man es zugespitzt formulieren will, dann hat die Politik einfach mein Herz im Sturm erobert", sagt sie.

Hardlinerin mit Sachpolitik

Spricht man mit Mitgliedern anderer Parteien, dann können oder wollen nicht viele etwas über Sachslehner verraten. Selbst Abgeordnete, mit denen sie in Ausschüssen für Wohnen und Kultur sitzt, sagen, sie hätten wenig oder kaum Kontakt zu ihr. Sie sei in den Sitzungen brav anwesend und aufmerksam, auch wenn man durch die Wortprotokolle der Gemeinderatssitzungen blättert, fallen eine gründliche Vorbereitung und ein Fokus auf Sachpolitik auf. Auffällig sei, so meinen Beobachter, ein gewisser Hang zu Law and Order.

So fordert Sachslehner wegen der Graffitis in Wien allen voran eine stärkere Videoüberwachung an Hotspots. Kolleginnen der Parteikonkurrenz glauben, dass Sachslehner sich nicht nur konservativ gebe, um sich bei der ÖVP anzubiedern oder mit durchaus brachialen Positionen Bekanntheit zu generieren, das sei schon alles echt. In der Partei sieht man Sachslehner freilich nicht als Hardlinerin, sondern als offene, liberale Person, die keine Berührungsängste hat.

Ihre politische Themensetzung in Wien ist zuweilen nischig, das sagt sie selbst. Zum Beispiel, wenn es eben um Graffitis geht. Ihr medienwirksamer Einsatz dagegen führte gar dazu, dass an der ein oder anderen Wand in Wien der Schriftzug "Saxlehna" auftauchte.

Nur einen Steinwurf vom Café Prückel entfernt steht das Lueger-Denkmal, das Wort "Schande" wurde mehrmals und großflächig darauf gesprüht – ein Statement von Aktivisten dazu, dass Karl Lueger nicht nur Wiens Bürgermeister, sondern auch Antisemit war. Wie es ihr geht, wenn sie das sieht? Es sei "vollkommen in Ordnung, wenn historische Persönlichkeiten kritisch betrachtet werden", sagt Sachslehner, "aber da jede Woche Denkmäler zu beschmieren, das geht zu weit".

Man traut ihr alles zu

Und da wäre noch die Frauenpolitik. Grundsätzlich kein Nischenthema – in der Kontextualisierung, wie Sachslehner sie betreibt, aber schon eher. Sieht man sich ihre politische Arbeit und ihren Social-Media-Auftritt an, ist klar, dass es ihr um das geht, was man in rechten Parteien "importierte Probleme" nennt: Genitalverstümmelung, Zwangsheirat. Da ist Sachslehner ganz die Oppositionelle, da landet sie – wie in vielen Fällen – schnell bei der Wiener SPÖ, die in der Integration versagt habe.

Das waren die vergangenen Jahre, das ist die Gegenwart, doch was kommt nun? Immerhin wäre sie nicht die erste hohe Funktionärin in der JVP, die rasch an der Spitze der Bundespolitik landet. Als Sebastian Kurz seine dortige Obmannschaft zurückgelegt hatte, wurde Sachslehner Generalsekretärin des nächsten JVP-Chefs und Kanzler-Intimus Stefan Schnöll. Als der Jungpolitiker in den Salzburger Landtag einzog, schupfte Sachslehner in Wien das JVP-Bundesbüro.

Aber was, wenn der Kanzler nun sagen würde: "Laura, wir brauchen dich im Bund"? Auf die hypothetische Frage kommt eine diplomatische Antwort: "Ich bin sehr happy in Wien. Ich habe da keine Ambitionen aktuell." Innerhalb der Türkisen traut man Sachslehner allerdings alles zu.

Ministerinnen-Wording

So fällt auf, wenn man Sachslehners politische Arbeit beobachtet, dass sie den Fokus mitunter – und zunehmend – auf bundespolitische Themen legt. Da unterstützt sie die umstrittene Islamlandkarte, und wenn sie darüber redet, unterscheidet sich ihr Wording kaum von dem der Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP): "Es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, es geht um Transparenz", sagt Sachslehner. Und da formuliert sie Postings, in denen es heißt: "Die SPÖ will auf einen Schlag eine halbe Million Staatsbürgerschaften verschenken."

Das sorgte besonders für Aufsehen, zumindest in der polit-medialen Twitter-Bubble. Immerhin, so wurde sofort kritisiert, würden ihre Eltern selbst aus Polen stammen, wie könne ausgerechnet sie so denken? Von Zynismus war da prompt die Rede, "shame on you", twitterte einer. Sachslehner sieht das anders.

Erstens seien familiäre Hintergründe das eine, politische Ansichten das andere. Und außerdem hält sie fest, dass nicht ihre Eltern, sondern ihre Mutter aus Polen stamme, der Vater sei ein Niederösterreicher. Darum, dass ein Ehepartner nach einer gewissen Zeit die Staatsbürgerschaft bekomme, gehe es beim Vorschlag der SPÖ ja nicht, sondern um "Willkommensgeschenke". Und die Stadt Wien, die würde ohnehin die Augen vor Problemen verschließen, meint Sachslehner.

Was Probleme in der eigenen Partei betrifft, so bleibt Sachslehner aber bedingungslos loyal: Selbst ein Schuldspruch gegen den unter Verdacht der Falschaussage im Untersuchungsausschuss stehenden Kanzler, sagt sie, ohne herumzudrücken, geradeheraus, wäre in ihren Augen kein Grund für einen Rücktritt. (Jan Michael Marchart, Gabriele Scherndl, 20.6.2021)