Andreas Schleicher leitet die Bildungsdirektion der OECD und hat u. a. die Pisa-Studie konzipiert.

Foto: imago images

Corona sorgt in der Schule für Mehrarbeit.

Foto: Reuters / Luis Cortes

Ob die Schulen geschlossen waren, hatte im vergangenen Jahr nichts mit der Höhe der Infektionszahlen im jeweiligen Land zu tun. Zu diesem Ergebnis kommt die OECD-Studie "The state of school education". Vielmehr gibt es einen Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit des Bildungssystems: Je besser ein Land bei der Pisa-Studie abschneidet, umso weniger Schließtage gab es während der Corona-Pandemie.

Andreas Schleicher, Direktor der Bildungsabteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris, erklärt sich diese Ergebnisse mit dem Stellenwert der Bildung in den jeweiligen Ländern. "Wer Bildung wertschätzt, sperrt nicht erst Kaufhäuser, sondern Schulen auf", sagt der deutsche Bildungsforscher im STANDARD-Gespräch.

Krisenfeste Freiräume

Die Studie, für die Schulen aus 34 Industrienationen im Jahr 2020 untersucht wurden, habe vor allem gezeigt, dass jene Bildungssysteme krisenresistenter waren, die auf Freiräume direkt am Schulstandort setzten. Schulleiterinnen und Schulleiter, die bereits viel Erfahrung mit hoher Verantwortung hatten, konnten leichter mit schwierigen Entscheidungen umgehen, wie sie während der Corona-Pandemie notwendig waren. Und sie konnten auch schneller reagieren.

Krise als Lehrmeister

Welche Lehren lassen sich daraus für das österreichische Bildungssystem generell für die Zukunft aus der Krise ziehen? OECD-Bildungsdirektor Schleicher skizziert vier zentrale Reformbereiche:

  • Digitalisierung weiterdenken Die meisten Industriestaaten habe die Corona-Krise "kalt erwischt", heißt es in der Studie der OECD. Vorreiter, die bereits an die digitale Lehre gewohnt sind, konnten schneller auf Fernlehre umstellen. In Tschechien gab es etwa digitale Lernpakete für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung schon vor der Pandemie. Bei der Digitalisierung gehe es aber nur in einem ersten Schritt um die Ausstattung mit Endgeräten, sagt Schleicher. Am wichtigsten sei die Umstellung der Pädagogik. Die Technik ermöglicht es, Aufgaben an einzelne Schülerinnen und Schüler anzupassen, davon müssten die Lehrkräfte auch Gebrauch machen, betont der Bildungsforscher.
    Die Industriestaaten und hier allen voran auch Österreich müssten zudem mehr Druck auf die großen Hard- und Softwareproduzenten ausüben, um die Programme und Geräte mit so vielen Systemen wie möglich kompatibel zu machen, meint Schleicher. Der digitale Unterricht soll also nicht daran scheitern, das gute Lernprogramme von Start-ups auf den Tablets der Schülerinnen und Schüler nicht funktionieren.
  • Die Roboter überholen Das große Thema der Zukunft sei die künstliche Intelligenz, sagt Wissenschafter Schleicher. Das gelte auch für die Schulen. Die Kinder und Jugendlichen sollten also nicht so, wie es derzeit auch in Österreich passiere, löffelweises Wissen vorgekaut bekommen und es dann auswendig lernen und wiedergeben, sondern selbstständig lernen und mit anderen gemeinsam Wissen erarbeiten. Nur so könne sich der Mensch von künstlicher Intelligenz abheben, sagt Schleicher. Oberflächliche Reformen würden da nicht reichen.
  • Weniger nach oben, mehr nach außen schauen Während der Corona-Pandemie waren die Direktorinnen und Direktoren in Österreich auf die Entscheidungen der Behörden angewiesen. Es gibt eine strikte Hierarchie. Schleicher empfiehlt hier, wesentlich größere Freiräume vor Ort zu schaffen. "In Finnland verbringen Schulleiter zwei Drittel ihrer Zeit in der Schule und ein Drittel der Zeit in den Bildungsbehörden. Sie entscheiden also selbst mit, welche Politik umgesetzt wird", gibt der Bildungsforscher ein Beispiel. Voneinander lernen könnten auch Lehrkräfte viel mehr, als das in Österreich derzeit passiert. Als Vorbilder nennt Schleicher Japan und China: "Die Lehrkräfte verfolgen einmal pro Woche die Stunde eines anderen Kollegen und unterstützen sich gegenseitig."
  • Silicon Valley für Bildung Schulen brauchen mehr Raum für Innovationen, sagt Bildungsforscher Schleicher. Diese könne den Schulen aber nicht oktroyiert werden, sie müsse von innen kommen – von den Pädagoginnen und Pädagogen selbst. Funktionieren solle das wie im Silicon Valley: Der Staat solle Förderungen zu Verfügung stellen und so Kreativität, Zusammenarbeit und Innovation im Bildungssystem ermöglichen, aber nicht selbst die Reformen am Reißbrett entwerfen. (Lisa Kogelnik, 21.6.2021)