Wien – Die Schwimmbäder waren geschlossen. Der Sportunterricht entfiel. Wer vor Ausbruch der Corona-Krise noch nicht schwimmen konnte, dem boten sich in den vergangenen Monaten kaum Möglichkeiten, es zu lernen. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) macht angesichts dessen darauf aufmerksam, dass immer weniger Kinder und Jugendliche in Österreich schwimmen können.

Einer Umfrage des Kuratoriums zufolge sind 160.000 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre des Schwimmens nicht mächtig – davon mehr als 130.000 im Alter bis neun Jahre. Auf eine ähnliche Zahl kam man zwar schon vor Corona-Zeiten, jene, die sich damals als mäßig gute Schwimmer einschätzten, konnten ihr Können seither aber nicht verfestigen, warnt Johanna Trauner-Karner, Leiterin des Forschungsbereich Sport- und Freizeitsicherheit im KFV. Schwimmen brauche aber Zeit, es zu lernen Übung und Erfahrung.

DER STANDARD

Jeder Fünfte unsicher

Das KFV hat im April und Mai 2.300 Österreicherinnen und Österreicher befragt und die Ergebnisse auf die Bevölkerung hochgerechnet. Dabei kam heraus, dass zwischen sieben und acht Prozent der österreichischen Bevölkerung über fünf Jahre – das sind zwischen 600.000 und 700.000 Personen – nicht schwimmen können. Jeder fünfte Befragte schätzt sein Schwimmkönnen als (sehr) unsicher bis mittelmäßig ein.

Ein Drittel der Kinder war laut KFV-Umfrage voriges Jahr überhaupt nie schwimmen, vor Corona lag dieser Wert bei nur 14 Prozent. Unter den Erwachsenen waren 44 Prozent nicht schwimmen – im Jahr 2019 gab dies nur ein Fünftel an.

"Überlebenstechnik"

"Wenn man einen Ball ins Gesicht bekommt, erleidet man blaue Flecken, aber Schwimmen ist eine Überlebenstechnik", sagt Trauner-Karner. In Österreich sterben jährlich zwischen 22 und 47 Personen an den Folgen eines Ertrinkungsunfalles. Zuletzt lag die Zahl bei rund 40. Bei tödlichen Kinderunfällen ist Ertrinken die zweithäufigste Todesursache. Im Langzeitvergleich ist die Zahl der tödlichen Schwimmunfälle aber stark rückläufig: Die Statistik Austria verzeichnete 1970 noch 247 Tote durch Ertrinken. Allerdings passieren in etwa gleich viele schwere Schwimmunfälle mit Langzeitfolgen aufgrund von Sauerstoffmangel wie tödliche Zwischenfälle.

Schwimmunterricht, wie er im Rahmen der Sportstunden in den Schulen vorgesehen ist, kommt sozial Schwächeren besonders zugute, die sonst gar keinen Schwimmkurs besuchen würden.
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Schwimmenlernen ist laut KFV seit Jahren ein strukturelles Problem, insbesondere in sozial schwachen Familien fehle das Geld für die Teilnahme an Schwimmkursen. Umso wichtiger sei die Verankerung im Schulunterricht. Von den rund 6,2 Millionen Schwimmstunden pro Semester, die vor Pandemiebeginn stattgefunden haben, fielen laut KFV mehr als zwei Drittel pro Halbjahr ins Wasser.

Schulen entscheiden autonom

Länder und Bund müssten nun entsprechende Möglichkeiten schaffen, das Versäumte nachzuholen. "Es sind sicher mehrere Generationen von Schülerinnen und Schülern betroffen. Nicht nur die Anfänger, sondern auch die wenig Geübten hinken nun nach", sagt Trauner-Karner. Aus der Bildungsdirektion in Wien heißt es dazu, in der Bundeshauptstadt biete man unter anderem Schwimmkurse im Rahmen der Summer City Camps an. Welche Schulstufe nächstes Schuljahr Schwimmunterricht habe, entscheide jeder Schulstandort autonom. Daher könne beispielsweise eine Direktorin oder ein Direktor entscheiden, dass dann jene an der Reihe sind, die vergangenes Schuljahr nicht zum Zug gekommen sind.

Je nach Alter andere Gefahren

Gefahren sind beim Schwimmen je nach Altersgruppe ein bisschen anders gelagert: Die Zwei- bis Dreijährigen seien aufgrund ihres Entdeckergeists und ihrer Unbedarftheit besonders gefährdet, gänzlich ohne Schwimmkenntnisse unbemerkt ins Wasser zu stürzen, sagt Peter Spitzer, Generalsekretär von "Große schützen Kleine" in Graz. Im Vor- und Volksschulalter, wenn Kinder in der Regel bereits schwimmen können, aber noch wenig Übung haben, bestehe insbesondere die Gefahr, dass sie ihr Können überschätzen. Außerdem könnten unvermittelte Wellen oder ein plötzliches Ins-Wasser-Stürzen noch wenig gefestigte Schwimmkenntnisse außer Kraft setzen. Gruppendynamiken oder das Verlangen, einen Kick zu spüren, lasse hingegen oft Jugendliche in der Pubertät waghalsige Sprünge, Tauch- oder Schwimmmanöver ausprobieren.

Erwachsene oft in der Nähe

Das öffentliche Schwimmbad mit Pools ist im Vergleich ein relativ sicheres Terrain. Schlechter schneiden private Schwimmbecken und -teiche ab, besonders tückisch – wegen schlechter Sicht und etwaiger Strömungen – ist das Schwimmen in Seen und Flüssen. "Die Rettungskette ist bei den öffentlichen Bädern in der Regel sehr schnell", sagt Spitzer. Wenn ein Kind in den privaten Pool falle, sei zwar oft ein Erwachsener nicht weit weg, das allein kann aber noch keinen Unfall verhindern. "Kinder ertrinken leise", warnt Spitzer – und gibt zu bedenken: 90 Prozent der Ertrinkungsunfälle von Kindern passieren, wenn Erwachsene nur zehn Meter entfernt sind. (Gudrun Springer, 23.6.2021)