Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.

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Die Uefa ermittelt wegen rassistischer und homophober Vorfälle gegen Ungarns Fans. Mag sein, dass sie sich mit einem Urteil Zeit lässt, bis die EM vorbei ist.

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Die Uefa erlaubt sich derzeit die Unverschämtheit, Österreichs Aufwärmbeschallung vor dem Achtelfinale gegen Italien vorzugreifen. "Dei hohe Zeit / Is’ lang vorüber", wird es auch da wieder durch das Stadion schallen, wenn Rainhard Fendrichs alternative Nationalhymne I am from Austria läuft. Man könnte genau das auch über die europäische Fußballunion sagen.

Es gab Zeiten, da ging der Kontinentalverband als moralisch gefestigter Antagonist der korrupten Fifa durch. Doch jetzt singen nur mehr Länder wie Aserbaidschan, Russland und Ungarn einsam: "Sag mir wer / Zieht noch den Hut vor dir / Außer mir".

Causa Eriksen

Das erste große PR-Debakel der EM erlebte die Uefa nach dem Zusammenbruch von Christian Eriksen. Der Verband ließ die Spieler wählen, ob sie das Spiel am selben Abend nach einer fast zweistündigen Unterbrechung oder am nächsten Tag zu Mittag fortsetzen wollten. "Keine dieser Möglichkeiten war gut", sagte Stürmer Martin Braithwaite.

Das Match noch später zu Ende zu spielen wäre angesichts des dichten Terminplans sicher schwierig gewesen. Aber Trainer Kasper Hjulmand erinnerte an die Protokolle im Fall eines Corona-Ausbruchs: "Wegen Covid kann man ein Spiel für 48 Stunden verschieben, wegen eines Herzstillstands nicht." Die Uefa kommunizierte, das Match wurde "auf Wunsch der Spieler beider Teams" fortgesetzt. "Es war nicht unser Wunsch", sagte Braithwaite.

Causa Spielorte

Schon vor Turnierstart hatte die Uefa mehrfach fragwürdig agiert. Schon im späten Winter drängte – manche meinen: erpresste – sie Ausrichterstädte zu Zuschauergarantien, so verloren Dublin und Bilbao ihre Spiele. Solche Garantien mögen angesichts der gefallenen Zahlen nun sinnvoll scheinen, angesichts damals noch viel bedrohlicherer Corona-Zahlen hatte die Aktion aber ein G’schmäckle.

Nächster Kritikpunkt: Der Verband kassierte Sponsorengelder von Aserbaidschans staatlicher Energiegesellschaft Socar und vergab drei Gruppenspiele sowie ein Viertelfinale an die notorischen Menschenrechtsverletzer aus Baku. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin erbte die paneuropäische EM mitsamt Ausrichtungsorten von seinem Vorgänger Michel Platini – auch in seiner eigenen Amtszeit glänzte der Slowene aber eher nicht mit Berührungsängsten gegenüber kriegsführenden Autokraten.

Causa Regenbogen

Und jetzt noch die Posse um den Regenbogen. In aller Kürze nacherzählt: München wollte die Arena für Deutschlands Match gegen Ungarn in Regenbogenfarben strahlen lassen, um ein Zeichen der Solidarität mit Ungarns LGBTQI-Personen zu setzen, deren Rechte zusehends eingeschränkt werden

Die Uefa verweigerte das mit einer kreativen Begründung: Münchens Wunsch sei politisch gewesen, weil er sich auf das Gastspiel Ungarns bezog. Der vom Kontinentalverband sonst stets akzeptierte Regenbogen sei per se hingegen nicht politisch. Demonstrativ hinterlegte der Verband sein Logo in den Social Media mit einem Regenbogen.

Der Hintergrund der Entscheidung ist die immer engere Beziehung von Čeferins Uefa zu Orbáns Ungarn. Fußball ist eines der wichtigsten Zahnräder in der Propagandamaschinerie des ungarischen Ministerpräsidenten. "Es ist ein gesamteuropäisches, großartiges Spiel, und es ist eine enorme Leistung, dass Ungarn dabei ist", sagte er dem staatlichen Rundfunk. Der Fußball beweise trotz aller Angriffe auf den Rechtsstaat, trotz aller Verfahren der EU: "Wir gehören noch dazu."

Als während Corona wichtige Spiele verlegt werden mussten, war Ungarn der Uefa mit seiner Puskás Aréna zu Diensten. The show had to go on, das Fernsehgeld musste verdient werden – Orbáns Ausnahmeregelungen machten es möglich. Das verbindet. Hätte sich Großbritannien dem Uefa-Wunsch nach mehr Fans im Halbfinale und Finale nicht gebeugt, hätte Budapest wohl drei weitere EM-Spiele vor 60.000 Zuschauern bekommen.

Money, Money

Freilich hat die Pandemie die Uefa in eine schwierige Lage gebracht, niemand würde derzeit Events wie die EM oder die Champions League organisieren wollen. Und die Verantwortlichen müssen das Geld aufstellen, das auch viele, die den Kontinentalverband gerne kritisieren, gerne annehmen. Rund zwei Milliarden Euro soll die EM einspielen.

Nach dem Verhindern der Super League – wenn auch aus dem alternativlosen Mute der Verzweiflung – hatte die Uefa Rückenwind, konnte sich als Traditionserhalter und Anwalt der Fans darstellen. Doch nun zeigt sie wieder, dass sie im Kern ein Unternehmen mit völlig verquerem moralischem Kompass ist. Wie so viele Instanzen der modernen Gesellschaft kennt der nur die Richtung Profitmaximierung. Da singt Fendrich: "Ich kenn’ die Leut’" – die nächste Zeile sei hier weggelassen.

Wohl ohne Folgen

Aber, und das ist wohl der Knackpunkt: All das ist ein bisschen egal. Wenn Romelu Lukaku, Kylian Mbappé oder gerne auch Saša Kalajdžić am 11. Juli das Siegestor zum EM-Titel schießt, ist der Spuk vorbei. Maximal kommt ein, zwei Wochen später noch einmal Kritik auf, wenn sich die auf Uefa-Druck aufgeblasenen Halbfinale und das Finale als Superspreader-Events entpuppen.

Doch die Uefa ist Monopolist. Solange die Fans sich nicht abwenden, solange kein Sponsor aussteigt, solange die nationalen Verbände ihre Überweisungen bekommen, solange Mehr-oder-weniger-Alibiaktionen gegen Homophobie und Rassismus den Kniefall vor Orbán vergessen machen – so lange können die Verantwortlichen in ihren geldgefüllten Badewannen entspannt singen: "Und wenn ihr a wollt’s / Auch ganz alla / I am the Uefa."(Martin Schauhuber, 24.6.2021)