Geschlossene Fitnessstudios und Restaurants, Lockdown-Frust, Langeweile und Homeoffice am Küchentisch – in unmittelbarer Nähe zum prallgefüllten Kühlschrank: "Man gönnt sich ja sonst nichts", dachten sich im letzten Jahr viele und langten bei Speis und Trank kräftig zu. Das Resultat: Mehr als jeder Dritte hat in der Pandemie kilomäßig zugelegt.

Nur die wenigsten haben während des Lockdowns den Appetit verloren. Und auch Bewegungsmuffel hatten im letzten Jahr Hochkonjunktur.
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Hierzulande haben 34 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher im Schnitt bis zu sechs Kilo zugenommen. Auch bei Kindern konnte einer Studie des Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE) zufolge eine Gewichtszunahme von mehr als 4,5 Kilogramm binnen sechs Monaten beobachtet werden. Doch wie konnte es so weit kommen? Und warum wäre eine ausgewogene, gesunde Ernährung gerade jetzt für das Immunsystem wichtig?

Neue Essgewohnheiten

Die Bedeutung von Essen hat im Corona-Alltag einen neuen Stellenwert erlangt. Es wurde häufiger eingekauft, gekocht und gegessen. Nachvollziehbar ist die Veränderung des Essverhaltens aus psychologischer Sicht allemal. Denn Verzicht auf breiter Front schafft das Bedürfnis nach Trost und unaufwendigem Genuss.

Einer Studie der TU München zufolge ist ein enger Zusammenhang zwischen seelischer Belastung und verändertem Essverhalten erkennbar, erläutert Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der TU München. Die Tendenz zu mehr Essen geht vor allem in Richtung ungesunder Produkte wie Süßigkeiten, Knabbereien und Fastfood – was vor allem bei Menschen im Alter zwischen 18 und 44 Jahren und einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30 zu beobachten ist.

Neben den irrationalen Ängsten vor Versorgungsengpässen, die zu Hamsterkäufen von Lebensmitteln führten, erfüllen Mahlzeiten zahlreiche psychologische Funktionen: als Strukturierung des Alltags, sozialer Kontakt mit der Familie, ein Gefühl von "Urlaub zu Hause" oder zur Selbstprofilierung in neuer Form, lautet das Resultat einer Studie des Rheingold-Research-Instituts zum Thema Coronavirus und Esskultur.

Überall wurde mehr gegessen

Tatsächlich wurde weltweit mehr gespeist als je zuvor. Zwar ernährten sich einer US-amerikanischen Studie zufolge 21 Prozent der Männer zu Beginn der Pandemie noch gesünder, das allerdings nicht sehr lange. Bereits im Herbst gab etwa ein Drittel der Amerikaner an, mehr zu snacken als vor der Pandemie.

Vergleichbar ist die Lage in Europa: Während in Italien fast 50 Prozent der Befragten im Zuge der Pandemie Gewicht zulegten, waren es in Frankreich etwa 35 Prozent, die seit dem Lockdown im April und Mai rund 1,8 Kilogramm mehr auf die Waage brachten.

Immerhin haben 20 Prozent der Franzosen begonnen, mehr Sport zu treiben, und so durchschnittlich zwei Kilo wieder abgespeckt. Allerdings ist der erhöhte Nahrungsmittelkonsum kein Phänomen der westlichen Industrieländer. Auch im afrikanischen Simbabwe haben 45 Prozent der Menschen an Gewicht zugenommen.

Risikofaktor Übergewicht

Von der Gewichtszunahme sind besonders Menschen betroffen, die bereits vor der Pandemie ein Gewichtsproblem hatten: "Corona befeuert die Adipositas-Pandemie", so Hauner. "Und mit steigendem BMI steigt wiederum das Risiko, schwer an Corona zu erkranken." So entstehe ein Teufelskreis, denn schon vor der Covid-Krise hatte der Anteil Übergewichtiger stetig zugenommen.

In Österreich sind 660.000 Männer und 580.000 Frauen von Fettleibigkeit betroffen. Mit zunehmendem Lebensalter tritt Adipositas immer häufiger auf: So ist in der 15- bis 29-jährigen Bevölkerung nur ein geringer Prozentsatz stark übergewichtig (8 Prozent), während bei den 60- bis 74-Jährigen jede vierte Person betroffen ist. "Der Kollateralschaden durch die Fokussierung auf Corona ist daher im Bereich der vielen lebensstilbedingten Krankheiten enorm", meint Hauner.

Kranke Kinder

Aber nicht nur Erwachsene haben ihr Essverhalten verändert. Auch Kinder essen durch Corona anders. Eine Studie der TU München stellte fest, dass Kinder bis 14 Jahren in Deutschland vermehrt zu Knabberzeug, Süßigkeiten und Softdrinks greifen. Das sei besonders bei zehn- bis zwölfjährigen Kindern zu beobachten, bei Buben übrigens doppelt so häufig (27 Prozent) wie bei Mädchen (14 Prozent).

"Aktivität und Bewegung sind wichtig, um unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden zu stärken", sagt Renate Oberhoffer-Fritz, Dekanin der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften in München. Erwachsene sollten mindestens 150 Minuten pro Woche mit moderater bis hoher Intensität aktiv sein, lautet zumindest die Empfehlung. Klassische Ausdauersportarten wie Radfahren, Laufen und Schwimmen würden sich hier anbieten.

In Corona-Zeiten ist eine ausgewogene, gesunde Ernährung besonders wichtig, raten Mediziner.
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"Homeoffice, Homeschooling, Lockdowns, aber auch die Angst vor der Ansteckung und somit dem Rausgehen führten zu einer deutlichen Bewegungsarmut", attestiert Susanne Kaser von der Uniklinik für Innere Medizin in Innsbruck. Gerade dieser Mangel an ausreichender Bewegung scheint das eigentliche Problem in der Pandemie gewesen zu sein.

Während im ersten Lockdown noch eine Renaissance des Spazierengehens und des Outdoorsports zu beobachten war, stellten Münchner Wissenschafterinnen und Wissenschafter nun fest, dass sich die Hälfte der Studienteilnehmer im Lauf der vergangenen Monate sogar weniger bewegt haben als noch vor der Krise.

Ernährung beeinflusst Covid-Verlauf

Auch im Fall von Covid-19 zeigt sich, wie entscheidend eine ausgewogene Ernährung bei Krankheitsverläufen sein kann: Adipositas, Typ-2-Diabetes, atherosklerotische Erkrankungen und Hypertonie gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren für schwere Infektionsverläufe. Alle diese Faktoren sind Konsequenz eines ungesunden Lebensstils, der durch Bewegungsmangel und Ernährungsfehler geprägt ist.

Einer Publikation in der Fachzeitschrift BMJ Nutrition Prevention & Health zufolge erleiden Menschen mit einer pflanzenbasierten Ernährung, also Vegetarier und Veganer, zu 73 Prozent seltener einen mittelschweren bis schweren Covid-19-Verlauf als Fleischesser. Warum das so ist, ist noch nicht geklärt. Forscherinnen und Forscher vermuten, dass pflanzliche Nahrung reicher an Nährstoffen ist, wodurch das Immunsystem gestärkt wird. Bei Pescetariern – also Fischessern – waren es nur noch 59 Prozent. Das allgemeine Erkrankungsrisiko und die Dauer einer Infektion lassen sich allein durch die Essgewohnheiten nicht beeinflussen.

Wer sich also ausgewogen, fettarm und überwiegend pflanzlich ernährt sowie sich regelmäßig bewegt, hat mehr vom Leben – "und dies gilt nicht nur in Corona-Zeiten", resümiert Ernährungsmediziner Hauner. (Julia Palmai, 3.7.2021)