Mehrere Ortschaften wurden in Tschechien fast vollständig zerstört. Ministerpräsident Andrej Babiš will den EU-Krisenfonds anzapfen.

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Der Ort Hrusky wurde schwer getroffen.

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Zeugenaussagen und offizielle Meldungen beschrieben die Auswirkungen des Tornados in Tschechien mit recht drastischen Worten. Innenminister Jan Hamáček sprach am Freitag bei einem Besuch vor Ort von einer "gewaltigen Katastrophe". Ministerpräsident Andrej Babiš, der aufgrund der Unwetterlage nicht mit dem Flugzeug aus Brüssel zurückfliegen konnte, setzte die Windhose mit einer "Apokalypse" gleich. Und ein Bewohner einer betroffenen Gemeinde sagte zur Zeitung Právo, dass die "Hölle losgebrochen" sei.

Mindestens fünf Menschen starben durch die schweren Unwetter und den Tornado über dem Südosten Tschechiens. Etwa 200 Personen wurden verletzt, 60 von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Durch den schweren Sturm, der offenbar mit einer Geschwindigkeit von mehr als 300 km/h übers Land fegte, wurden mehrere Dörfer zerstört. Am Freitag gab es in etwa 75.000 Haushalten keinen Strom. Wegen einer defekten Hochspannungsleitung wurde der zweite Block des AKW Temelín heruntergefahren, wie es in einer Aussendung des oberösterreichischen Umweltlandesrats Stefan Kaineder (Grüne) heißt.

Für ihn sind die Umstände für die Notabschaltung des grenznahen Atomkraftwerks unklar. Er fordert eine "umfassende Aufklärung zum Vorfall". Er zitierte zu Temelín Berichte der lokalen Medien, wonach die abführende 400-kV-Hochspannungsleitung zwischen dem Kraftwerk und der Schaltanlage Kocín aufgrund von schweren Gewittern beschädigt worden sei – drei Strommasten wurden demnach zerstört. Der zweite Block in Temelin sei daraufhin automatisch heruntergefahren worden. Der oberösterreichische Antiatom-Beauftragte Dalibor Strasky erläuterte, dass in solchen Fälle n der betroffene Block normalerweise ins Regime "Leistung für die Eigenversorgung" übergehe. Er schalte sich nicht automatisch ab.

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DER STANDARD

Suche und Hilfe

Die genaue Opferbilanz der verheerenden Unwetter ist noch unklar, denn auch am Freitagnachmittag wurden noch Menschen unter den Trümmern vermutet. Die hunderten Einsatzkräfte waren mithilfe von Spürhunden und schwerer Technik vor Ort, um Verschüttete zu befreien.

Ministerpräsident Babiš will den Betroffenen möglichst rasch auch finanzielle Hilfe zukommen lassen. Dafür sollen auch Gelder aus dem EU-Krisenfonds angezapft werden, die etwa Kroatien nach dem schweren Beben im Jahr 2020 geholfen haben. Internationale Unterstützung kommt auch aus der Slowakei, Ungarn und Österreich. So flogen etwa zwei Christophorus-Hubschrauber schwerverletzte Personen in Spitäler nach Wien. "Einer der Schwerverletzten ist nach einer Notoperation mittlerweile stabil, um das Leben einer zweiten Patientin wird zur Stunde noch gerungen", sagte Michael Binder, medizinischer Direktor des Wiener Gesundheitsverbunds, zur APA.

Blaulicht im Hagel

In Österreich gibt es nach den massiven Unwettern zwar keine Toten und Verletzten zu beklagen, die Sachschäden gehen aber in die Millionenhöhe. Die vierte Unwetternacht in Folge bescherte etwa in Oberösterreich den Einsatzkräften arbeitsintensive Abendstunden: 104 Feuerwehren mit rund 1800 Helfern waren bei 952 Notfällen im Einsatz. Am schlimmsten traf es die Bezirke Grieskirchen, Urfahr-Umgebung, Rohrbach und Freistadt. Die Helfer mussten zu Überflutungen, Sturm-und Hagelschäden ausrücken, zerstörte Dächer provisorisch eindecken und Straßen von umgestürzten Bäumen befreien. Hart getroffen hat es vor allem die Bauern. Allein in dieser Woche entstand laut Hagelschutzversicherung ein Schaden in der Höhe von mehreren Millionen Euro.

Ähnlich dramatisch war die Situation Donnerstagabend in Niederösterreich: Die Hotspots lagen im Wald- und im Weinviertel. Laut Landesfeuerwehrkommando Niederösterreich wurden mehr als 300 Hausdächer durch den Hagel zerstört. Starkregen setzte zahlreiche Objekte unter Wasser, orkanartige Böen entwurzelten dutzende Bäume und rissen Telefon- und Stromleitungen zu Boden.

Bis zu 500 Tornados pro Jahr

Prinzipiell sind Tornados in Europa keine Seltenheit. Laut Experten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geologie (ZAMG) und der Ubimet werden pro Jahr etwa 300 bis 500 registriert. Vor allem in den flachen Regionen von Nordwestfrankreich über Benelux bis nach Norddeutschland und Nordostitalien, an der Küste Süditaliens oder auch Südostrumänien kommen sie immer wieder vor. Die meisten von ihnen finden in Europa allerdings über Wasser statt.

Die Stärke der tschechischen Windhose – das Wort stammt übrigens vom Englischen "hose" für "Schlauch" und nicht vom Kleidungsstück – war aber dennoch außergewöhnlich. Mit ihrer Geschwindigkeit von um die 300 km/h war sie ein Tornado der Stärke F3. Das F steht für die 13-teilige Fujita-Skala – wobei auf der Erde bisher nur bis zu F5-Tornados registriert wurden. Die Stärke wird erst nachträglich rekonstruiert, wenn man die Schäden begutachtet, sagt Georg Pistotnik von der ZAMG im STANDARD-Gespräch.

Die Rolle des Klimawandels

Wie ein Tornado entsteht, ist im Detail noch nicht restlos geklärt. Fest steht, dass dafür ein Gewitter notwendig ist. Die Gewitterwolken müssen rotieren, und selbst dann entsteht nur in einem von 100 Fällen ein Tornado, denn dafür müssen auch noch spezielle Feuchtigkeitsvoraussetzungen in Bodennähe herrschen.

Ob der Klimawandel die Entstehung von Tornados in Europa begünstigt, ist ebenfalls noch Gegenstand der Forschung. Laut Pistotnik ist dafür die Datenlage einfach noch zu dünn: "Um eine valide Aussage treffen zu können, müssen sicher noch jahrzehntelang Daten gesammelt werden." Man weiß aber, dass Gewitter durch den Klimawandel in Mittel- und Nordeuropa zunehmen werden. Dadurch, dass sie eine Voraussetzung für Tornados sind, könnte man folgern, dass auch die Windhosen häufiger werden. Nikolas Zimmermann von der Ubimet sagt, dass man "davon ausgeht, dass die Häufigkeit im Mittel gleich bleibt, es aber eine höhere Variabilität von Jahr zu Jahr geben wird". (Bianca Blei, Markus Rohrhofer, 25.6.2021)