Der angeklagte Ex-Polizist Derek Chauvin (re.) im Gerichtssaal.

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"Meine Aufgabe ist es, das Gesetz anzuwenden", sagt der Richter Peter Cahill, bevor er das Strafmaß verkündet. Seine Entscheidung beruhe nicht auf Emotionen, nicht auf Mitgefühl und auch nicht darauf, wie die Öffentlichkeit den Fall sehe. Es gehe allein um die korrekte Anwendung geltenden Rechts. Nach der Vorrede verurteilt er Derek Chauvin, den Polizisten, der sein Knie länger als neun Minuten in den Nacken George Floyds drückte, zu 22 Jahren und fünf Monaten Gefängnis.

Damit bleibt er deutlich unter der 30-jährigen Haftstrafe, die die Staatsanwaltschaft forderte, während die Verteidigung dafür plädierte, Chauvin lediglich auf Bewährung zu verurteilen. Bereits im April hatte eine Geschworenen-Jury den ehemaligen Beamten in allen Anklagepunkten für schuldig befunden. Der schwerstwiegende, "second-degree murder", wörtlich übersetzt Mord zweiten Grades, kann theoretisch mit Freiheitsstrafen von bis zu vier Dekaden geahndet werden. Nach den Statuten des Bundesstaats Minnesota, in dem der Tatort Minneapolis liegt, handelt es sich dabei um eine Attacke, die mit dem nicht beabsichtigten Tod des Attackierten endet – zu vergleichen mit fahrlässiger Tötung. War der Angreifer bis dahin nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten, was auf Chauvin zutrifft, kann das Strafmaß allerdings niedriger ausfallen. Legt man die unverbindlichen Richtlinien Minnesotas für nicht Vorbestrafte in solchen Fällen zugrunde, hätte die Haftzeit bei zwölf Jahren und sechs Monaten gelegen. Indem Cahill sie weit höher ansetzt, folgt er zumindest teilweise den Argumenten der Anklage.

Milde ausgeschlossen

Keith Ellison, der Generalstaatsanwalt Minnesotas, einst der erste muslimische Abgeordnete im US-Kongress, hatte bereits vor Wochen in vier Punkten begründet, warum Milde aus seiner Sicht nicht infrage kam. Der Jurist Matthew Frank, der die Staatsanwaltschaft am Freitag vor Gericht vertritt, ruft sie noch einmal in Erinnerung. Erstens habe Chauvin die Macht missbraucht, die man Polizeibeamten zugestehe. Er habe er ignoriert, was man ihnen während der Ausbildung beibringe, etwa, dass sie Gewalt nur angemessen anwenden dürften und im Notfall medizinische Hilfe zu leisten hätten. Zweitens habe er besonders grausam gehandelt, als er Floyds Flehen kalt ignorierte und sein Knie auch dann nicht vom Hals des Gefesselten nahm, als der schon kein Lebenszeichen mehr von sich gab. "George Floyd wurde erdrosselt, anders kann man es nicht beschreiben." Allein das sei brutaler, als man es bei einem Mord zweiten Grades normalerweise erlebe. Drittens, so Frank, habe Chauvin sein Verbrechen zusammen mit drei anderen begangen, mit den Streifenpolizisten Alexander Kueng, Thomas Lane und Tou Thao. Und viertens habe er Floyd im Beisein von Minderjährigen gequält: Vier der Umstehenden, die vor dem Lebensmittelladen Cup Foods im Süden von Minneapolis Zeugen der Tortur wurden, waren Ende Mai 2020 noch nicht achtzehn. Ein Mädchen war gerade mal neun Jahre alt.

Verteidiger Eric Nelson begründet seine Forderung nach Milde unter anderem damit, dass Chauvin 19 Jahre lang Polizist war und seinen Beruf liebte. Er habe stets getan, was man von ihm verlangte: Hätte man ihm befohlen, acht Stunden lang einen Graben auszuheben, hätte er auch das gemacht, ohne sich zu beschweren. An jenem 25. Mai 2020, einem Feiertag, Memorial Day in den USA, sei er eingesprungen, um Personallücken zu stopfen. Er wisse, so Nelson, dass dieser Prozess eines der Epizentren der kulturellen und politischen Spaltung des Landes bilde. Wie immer der Richter entscheide, viele würden das Urteil für zu nachsichtig halten, während es genauso viele als zu hart, als drakonisch empfänden.

Worte der Mutter

Chauvins Mutter, Carolyn Pawlenty, charakterisiert ihren Sohn als ruhigen, hilfsbereiten, großherzigen Menschen, den die breite Öffentlichkeit so nie kennengelernt habe. "Wenn Sie ihn verurteilen, verurteilen Sie auch mich", sagt sie. "Wenn er aus dem Gefängnis entlassen wird, sind sowohl sein Vater als auch ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben." Es ist im Laufe des Verfahrens das erste Mal, dass Angehörige Chauvins das Wort ergreifen. Bei der eigentlichen Verhandlung war der Stuhl im Saal, der ihnen zugedacht war, stets leer geblieben, während ein anderer, für die Hinterbliebenen Floyds reserviert, praktisch die ganze Zeit besetzt war.

Kurz nach Beginn der Sitzung am Freitag hatte sich Terrence Floyd, einer der Brüder des Getöteten, angereist aus New York, bei einem hochemotionalen Auftritt direkt an den Ex-Polizisten gewandt. "Warum? Was haben Sie gedacht? Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie Ihr Knie im Nacken meines Bruders hatten? Wieso sind Sie nicht aufgestanden? Warum haben Sie weitergemacht?" Und davor hatte George Floyds Tochter Gianna in schlichten, zu Herzen gehenden Worten von der Sehnsucht nach ihrem Vater gesprochen. "Ich will mit ihm spielen, Spaß haben, Flugzeug fliegen. Wir haben jeden Abend vor der Schlafenszeit zusammen gegessen. Mein Daddy hat mir immer beim Zähneputzen geholfen." Als das Video abgespielt wird und sich die Kameras des Gerichtssenders Court TV auf Chauvin richten, scheint auch der gerührt. Eine Frau, im Film nicht zu sehen, fragt die Siebenjährige, ob sie wünschte, dass ihr Vater noch am Leben wäre. "Ja, aber das ist er doch", lautet die Antwort. "Durch seinen Geist?" "Ja."

Chauvin wiederum, der vor den Geschworenen darauf verzichtet hatte, etwas in eigener Sache zu sagen, bricht schließlich doch noch sein Schweigen, bevor der Richter das Strafmaß bekannt gibt. Wegen eines schwebenden Gerichtsverfahrens des amerikanischen Bundes könne er derzeit keine vollständige Stellungnahme abgeben, schränkt er ein. "In aller Kürze, ich möchte der Familie Floyd mein Beileid aussprechen", sagt er, ohne in Ton oder Körpersprache so etwas wie Reue erkennen zu lassen. Kryptisch fügt er hinzu, dass "einige Informationen in der Zukunft" von Interesse sein würden. "Ich hoffe, die Dinge werden Ihnen etwas innere Ruhe geben." (Frank Herrmann aus Washington, 26.6.2021)