Macron bleiben zehn Monate bis zur Präsidentschaftswahl.

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Gleich fünf prominente Minister schickte Emmanuel Macron in die umkämpfte Nordregion Hauts de France, und zum Schluss des ersten Wahlgangs reiste er selbst hin. Vergeblich: Seine Partei La République en Marche (LRM) erhielt 9,1 Prozent der Stimmen und schied aus dem Rennen aus.

Auch seine Konkurrentin um die Präsidentschaft 2017, die Rechtsextremistin Marine Le Pen, wird enttäuscht sein. Keine einzige Region kann ihre Partei Rassemblement National erobern. Die Konservative gewannen sieben Regionen, die Sozialisten – teils mithilfe der Grünen – deren fünf. In den umstrittensten Regionen siegten meist Bürgerliche gegen die Lepenisten oder gegen die Linke: Renaud Muslier an der Côte d'Azur und in der Provence, Xavier Bertrand im Norden und Valérie Pécresse im Großraum Paris. Die Stimmenbeteiligung lag erneut extrem tief bei 34 Prozent.

Doch zurück zu Macron. Vor dem zweiten Wahlgang empfing der Staatschef den kanadischen Sänger Justin Bieber im Élysée-Palast und hob im ganzen Land die Maskenpflicht im Freien auf. Auch das half nichts: Am Sonntag hatten die wenigen verbliebenen LRM-Kandidaten keine Chance, auch nur eine der 13 französischen Landesregionen zu erobern.

Ohne Partner

Vor der Präsidentschaftswahl 2022 steht Macron mit leeren Händen da. Gewiss, eine Regionalwahl folgt eigenen Gesetzen: Sie beruht auf dem Proporzsystem, das Parteien ohne Allianzen benachteiligt. Und LRM hat keine Partner, wenn man von der kleinen Mittepartei Modem absieht. "Unsere lokale Verwurzelung braucht Zeit", versucht sich LRM-Sprecher Roland Lescure Mut zuzureden.

Bloß finden die alles entscheidenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich schon in zehn Monaten statt. Macrons Spindoktoren trösten sich mit dem Gedanken, dass diese "Königswahlen" nicht mehr auf eine Partei zugeschnitten sind, sondern ganz auf die Personen. In den Umfragen steht der 43-jährige Präsident besser da als seine Vorgänger François Hollande oder Nicolas Sarkozy, die das Élysée nach einem Mandat verlassen mussten.

Widerstand im Wahlkampf

Doch die Demoskopen haben sich schon in den Regionalwahlen massiv getäuscht: Sie sahen die Rechtspopulistin Marine Le Pen fälschlicherweise ganz vorn. Macrons Wunschgegnerin blieb indessen weit hinter den Erwartungen zurück – wie der Präsident. Bei seinen Ausflügen in die Provinz muss er mächtig einstecken: in der Drôme etwa eine Ohrfeige, im Zentralmassiv den Zuruf "Macron, für dich ist bald Schluss".

Zehn Monate bleiben ihm, um das Blatt zu wenden. Seine Strategie ist einfach: Er setzt voll auf ein Duell gegen Le Pen im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl – in der Annahme, dass die 52-jährige Rechtsradikale soziologisch nicht in der Lage ist, eine Mehrheit der Franzosen hinter sich zu scharen.

Reste der "Revolution"

Die Regionalwahlen zeigen nun aber, dass die beiden dominanten Figuren der Pariser Politik, Macron und Le Pen, in Wahrheit eine dürftige, wenn nicht flüchtige Wählerbasis haben. Macron hat seine dominierende Position plötzlich verloren und gerät in die Defensive. Die Pariser Medien erinnern mit einem Mal an all seine Versäumnisse: In der Covid-Krise versagte er über ein Jahr lang, nachdem er aus Mangel an Masken zuerst sogar vom Gebrauch derselben abgeraten hatte. Von seiner politischen "Revolution", die er 2017 in einem Wahlkampfbuch ausgerufen hatte, bleibt wenig. Nicht einmal seine wichtigste Reform – die des Pensionswesens – hat er durchgebracht; dafür lässt er die Staatsschuld von 100 auf 120 Prozent ausufern.

Die Linke wirft dem "Präsidenten der Reichen" ihrerseits vor, er habe schlechtergestellte Bevölkerungsgruppen wie etwa die Gelbwesten in die Armut getrieben. Und die Grünen bezeichnen seine Klimapolitik als "gadget", als Schnickschnack.

Fazit der Regionalwahlen: Die traditionellen Volksparteien, die Macron mit seiner lagerübergreifenden Politik richtiggehend zerzaust hatte, sind im Aufwind. Die Republikaner und die Linksgrünen hoffen wieder, das Duell Le Pen – Macron zu vereiteln. Mit den Regionalwahlsiegern Xavier Bertrand und Valérie Pécresse, aber auch dem Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier haben die Republikaner die Wahl zwischen drei Schwergewichten. Eine Art Umfrage-Primärwahl soll im Herbst zwischen ihnen entscheiden.

Keine rot-grüne Einheit

Für die Linke stehen die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, der Grüne Yannik Jadot oder der "Unbeugsame" Jean-Luc Mélenchon parat. Nur wollen sie alle gemeinsam antreten, weshalb eine rot-grüne Einheitskandidatur in die Ferne rückt. Bei den Regionalwahlen haben gemäßigte Sozialdemokraten in Paris sogar zur Wahl konservativer Kandidaten aufgerufen, um radikalere Parteigenossinnen zu verhindern.

Die Zerstrittenheit der anderen Lager ist Macrons einzige Chance. Sie ist nicht unrealistisch: So kann er es in die Stichwahl schaffen, und dort wird für ihn wieder alles möglich – wie 2017. Damals hatte der junge Strahlemann das Glück, dass die Wähler etwas Neues wollten. Doch das wollen sie wieder. (Stefan Brändle aus Paris, 27.6.2021)