Das Gespräch mit Getachew Reda, einem Mitglied des neunköpfigen Führungsstabs der "Tigray Verteidigungsarmee" (TDF), fand Anfang vergangener Woche in einem kleinen Restaurant in Samre im Südosten der Bürgerkriegsprovinz statt. Der 45-jährige ehemalige Informationsminister, der zu den zehn meistgesuchten Personen Äthiopiens zählt, trank während des über einstündigen Gesprächs zwei Flaschen Bier und war entspannt. Mittlerweile kündigte Addis Abeba eine Waffenruhe für Tigray an, nach Angaben der Rebellen soll die Regionalhauptstadt Mekelle wieder unter ihrer Kontrolle sein.

STANDARD: Herr Getachew, die TDF hat eine Offensive gegen die eritreischen und äthiopischen Streitkräfte begonnen. Ist sie erfolgreich?

Getachew: Sehr sogar. Wir haben in den vergangenen vier Tagen zwei Brigaden der 31. und zwei Brigaden der 11. äthiopischen Division aufgerieben. Die Soldaten waren bis an die Zähne bewaffnet und verfügten über schwere Artillerie, Haubitzen und Mörser. Wir nahmen mehr als 2.000 Soldaten gefangen: Weil das Verhältnis zwischen gefangen genommenen und getöteten Soldaten gewöhnlich eins zu drei ist, gehen wir davon aus, dass wir über 6.000 Soldaten getötet haben.

STANDARD: Und wie viele Kämpfer haben Sie verloren?

Getachew: Mehrere Dutzend. Seit Beginn der Kämpfe im vergangenen November hat unsere 4. Armee lediglich 160 Leute verloren, aber zehntausende von Abiy Ahmeds Soldaten getötet. Der Kommandeur unserer 4. Armee sagte mir kürzlich, selbst Töten werde irgendwann ermüdend. Die numerische Überlegenheit unserer Gegner besteht zwar noch immer: Wir verfügen über mehrere zehntausend Kämpfer, denen 1,1 Millionen eritreische und äthiopische Soldaten gegenüberstehen.

STANDARD: Was wollen Sie militärisch erreichen?

Getachew: Wir werden Tigray zurückerobern und sicherstellen, dass keiner unserer Gegner uns erneut angreifen kann.

STANDARD: Das hört sich ehrgeizig an.

Getachew: Wir können auf die Unterstützung der Bevölkerung setzen und wissen, wie man kämpft. 99 Prozent der äthiopischen Kriege wurden hier in Tigray ausgetragen.

STANDARD: Noch nie haben Zivilisten so sehr unter den Kämpfen gelitten wie heute. Daran ist die TDF nicht unbeteiligt. Wann immer Sie angreifen, rächt sich die Gegenseite an der Bevölkerung.

Getachew: Unser Katz-und-Maus-Spiel stellte das erste Kapitel der Befreiung dar. Wir werden diese Taktik ändern. In Zukunft werden wir die Kontrolle über die Regionen, die wir eingenommen haben, behalten. Und Samre, wo wir uns gerade befinden, wird unser Zentrum werden.

STANDARD: Und Ihr Feind muss das schlucken?

Getachew: Abiy Ahmeds Truppen machen uns kaum Kopfzerbrechen. Die rennen nach den ersten Schüssen davon.

STANDARD: Und die Eritreer?

Getachew: Für sie ist dieser Konflikt ein Überlebenskampf. Wenn die Eritreer in Tigray verlieren, werden sie auch zu Hause verlieren. Wir müssen sie dermaßen schwächen, dass sie für uns keine Gefahr mehr darstellen. Sollte dabei auch ihr Präsident Isaias Afwerki ums Leben kommen, kann uns das nur recht sein. Und wenn sie Tigray verlassen, werden wir ihnen folgen.

STANDARD: Bis zu eritreischen Hauptstadt Asmara?

Getachew: Wenn das nötig ist, um ihre militärische Kapazität zu zerstören, warum nicht? Ich glaube aber, dass die Eritreer den Konflikt hier ausfechten wollen.

STANDARD: Selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, Ihre beiden Feinde militärisch zu bezwingen, wird die Lage Tigrays ziemlich aussichtslos sein. Eingeklemmt zwischen zwei feindlichen Mächten, ohne Chance auf wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Getachew: Deswegen müssen wir dafür sorgen, nicht eingepfercht zu sein. Selbst wenn wir dafür die gesamten Streitkräfte Abiy Ahmeds zerstören müssen. Unser Volk muss hier in Sicherheit leben können.

STANDARD: Irgendwann müssen Sie mit Abiy Ahmed und Isaias Afwerki allerdings auch sprechen. Nur militärisch lässt sich ein derartiger Konflikt nicht lösen.

Getachew: Die politische Lösung ist unsere Selbstbestimmung. Sie könnte durch unsere Unabhängigkeit gewährleistet werden. Ich war bis vor kurzem ein überzeugter Anhänger der äthiopischen Idee, auch als Minister in Addis Abeba. Doch inzwischen sind wir nicht mehr daran interessiert, die Geschicke Äthiopiens mitzubestimmen. Es geht uns um unsere eigene Sicherheit.

STANDARD: Glauben Sie, dass Abiy Ahmed diese irgendwann garantieren wird?

Getachew: Wenn Sie wüssten, wie Politik in Addis Abeba funktioniert, würden Sie diese Frage nicht stellen. Ist die militärische Kapazität der äthiopischen Streitkräfte erst einmal dezimiert, gibt es keinen Grund mehr für eine Fortsetzung der Regierung Abiy Ahmeds. Seine Raison d'Être ist dann vorbei.

STANDARD: Der Konflikt um Tigray ist nicht der einzige, der Äthiopien zu zerreißen droht. Die bestehenden Spannungen zwischen Oromo und Amhara könnten sich noch viel verhängnisvoller auswirken. Manche sehen Parallelen zu Jugoslawien …

Getachew: … genau so könnte es enden.

STANDARD: Gibt es eine ausländische Macht, die das noch verhindern kann?

Getachew: Wir erwarten von der internationalen Gemeinschaft keine Rettung. In erster Linie muss Tigrays Regierung wieder eingesetzt werden. Und dann müssen wir die Verantwortlichen der in den vergangenen Monaten begangenen Verbrechen zur Rechenschaft ziehen.

STANDARD: Ihrer Partei, der TPLF, wird vorgeworfen, zweieinhalb Jahrzehnte lang ein ziemlich autoritäres Regime in Äthiopien geführt zu haben.

Getachew: Die TPLF war nicht die einzige Regierungspartei. Es gab auch den oromischen, den amharischen und somalischen Koalitionspartner. Wir sind jedoch bereit, uns den Gerichten zu stellen, falls es Beweise für unser Fehlverhalten gibt. Ich bin tatsächlich der Überzeugung, dass die Regierung den Massenprotesten der Oromo-Jugend in den Jahren 2015 und 2016 auf friedlichere Weise hätte begegnen sollen. Dass wir das nicht taten, dafür sollten wir die Verantwortung übernehmen.

STANDARD: Wie konnte der Hass zwischen Eritreern und Tigray so gnadenlos werden?

Getachew: Afwerki regierte Eritrea jahrzehntelang wie ein mittelalterlicher Fürst mit eiserner Faust. Gegenüber seiner Bevölkerung hat er uns für deren bittere Armut verantwortlich gemacht. Den Eritreern fehlt der Mut, ihren Führer für ihr Elend zur Rechenschaft zu ziehen. Jetzt lassen sie ihre Wut an uns aus, wofür mir jegliches Verständnis fehlt.

STANDARD: Die TPLF hat beim Rest der äthiopischen Bevölkerung ein ernsthaftes Reputationsproblem. Ihr wird vorgeworfen, die Politik des Landes dominiert und die wichtigsten Posten in der Regierung und dem Militär für Tigray reserviert zu haben.

Getachew: Das sagt die Elite der Amhara.

STANDARD: Auch viele Oromo sagen das.

Getachew: Wir sind Äthiopiens Sündenbock geworden. Alle Fehler der Regierung, auch diejenigen der Oromo oder Amhara, werden uns angelastet. Wir können keinen zwingen, uns zu mögen. Wenn die Amhara Probleme haben, mit uns zusammenzuleben, dann werden wir eben auf unserer Unabhängigkeit bestehen. Wir sind sehr fleißige Leute. Selbst unter der Militärherrschaft der Derg lebten in Tigray die meisten Geschäftsleute. Unter Abiy Ahmed hat sich die Zahl der amharischen Geschäftsleute vervielfacht. Sind sie erfolgreich, sehen die Amhara das als ihr Verdienst. Scheitern sie, sind wir Tigray schuld.

STANDARD: Wann haben Sie Abiy Ahmed zum letzten Mal gesehen oder gesprochen?

Getachew: Er rief mich im vergangenen September an und sagte: Wenn Ihr die Umwandlung der EPDLF-Koalition zur Prosperity-Partei nicht akzeptiert, dann kann ich Euch alle umbringen. Als ich lachte, sagte er: Warum lachst Du? Ich müsste Euch nicht einmal erschießen, ich kann euch alle vergiften. Das hat er wörtlich gesagt.

STANDARD: Wird Äthiopien die derzeitige Krise überleben?

Getachew: Vielleicht ist Äthiopien tatsächlich zu groß, um zu überleben. Der Gedanke, dass der Staat, für den ich mein Leben eingesetzt habe, womöglich gar nicht existenzfähig ist, schmerzt mich sehr. Vor einigen Jahren war Äthiopien noch weltberühmt für das Wirtschaftswunder, das wir in die Wege leiteten. Heute wird von dem Land nur noch im Zusammenhang mit Krieg und Krise gesprochen. (Johannes Dieterich, 29.6.2021)

Foto: Reuters/Negeri