Die Liste an Long-Covid-Symptomen ist lang. Extreme Erschöpfung ist eines der häufigsten.

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Als vergangenen Sommer erstmals Berichte zu Long Covid aufpoppten, stellte der Neurologe Michael Stingl einen ungewöhnlichen Trend fest: Während auf den Intensivstationen mehr Männer als Frauen aufgrund einer akuten Covid-Infektion behandelt wurden, suchten ihn vor allem Frauen wegen Folgeerscheinungen der Erkrankung auf. Sie kamen mit extremen Erschöpfungssymptomen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Und sie kamen häufiger als Männer. "Inzwischen habe ich pro Patient fünf Patientinnen", sagt Stingl.

Nach wie vor stellt Long Covid Medizinerinnen und Mediziner vor eine Herausforderung. Weltweit berichten Patienten und Patientinnen von einer Vielzahl an Symptomen: extreme Erschöpfung, Atemnot, Herzrasen, Schwächeanfällen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Brustschmerzen, Furcht und Depression. Wie häufig solche Spätfolgen sind, ist nicht abschließend geklärt. Expertinnen und Experten schätzen, dass rund zehn bis 20 Prozent auch Monate nach der akuten Erkrankung gesundheitliche Probleme haben.

So unvollständig und fragmentiert das Wissen über Long Covid ist, so klar zeichneten Studien, Krankenprotokolle und Erfahrungsberichte in den letzten zwölf Monate das Profil einer lange unterschätzen Risikogruppe: Frauen im jungen und mittleren Alter.

Risikoprofil: Frau im mittleren Alter

Erhebung des französischen Krankenanstaltenverbunds Assistance Publique – Hôpitaux de Paris, Juli 2020: seit Mai wöchentlich 30 Long-Covid-Patienten, überwiegend Frauen um die 40, Geschlechterverhältnis Frauen zu Männer 4:1.

Post-Hospitalisation-Covid-19-Studie, März 2021: Sieben von zehn stationär aufgenommenen Patienten berichten auch fünf Monate nach der Krankenhausentlassung über Long Covid, mehrheitlich betroffen: Frauen im Alter von 40 bis 60 Jahren mit Vorerkrankungen wie Asthma und Diabetes.

Erhebung eines britischen Konsortiums von Ärzten und Wissenschaftern, März 2021: Mehr als die Hälfte von 327 hospitalisierten Covid-Patienten fühlten sich nach sieben Monaten nicht vollständig erholt, am höchsten lag diese Rate bei Frauen unter 50 Jahren: Ihre Wahrscheinlichkeit, sich komplett zu erholen, war fünfmal geringer; im Vergleich zu den Männern wiesen sie doppelt so oft schwere Erschöpfungssymptome auf, siebenmal häufiger Atemnot.

76 Prozent der Long-Covid-Erkranten am AKH sind Frauen

Auch in Österreich zeigt sich der Gender-Gap nicht nur in Praxis von Michael Stingl. Bisher mussten 1,7 Prozent der Corona-positiv getesteten Männer intensivmedizinisch betreut werden, unter Frauen waren es nur halb so viele. Nun aber sind es überwiegend sie, die wegen Folgeschäden der Erkrankung behandelt werden müssen.

"Das mittlere Alter unseres Patientenkollektivs ist 47 Jahre, 76 Prozent davon sind Frauen", sagt die Kardiologin Mariann Gyöngyösi, die am AKH Wien ein wissenschaftliches Register zu Long-Covid-Patientinnen und -Patienten führt. An Spezialkliniken in den USA, Großbritannien und Deutschland berichtet man ebenfalls von hohen Frauenanteilen. Woran liegt das?

"Teilweise wird es auf die erhöhte Bereitschaft von Frauen zurückgeführt, über ihre Krankheitssymptome zu berichten und Hilfe zu suchen", sagt die Internistin Alexandra Kautzky-Willer von der Medizinischen Universität Wien, die dort Professorin für Gendermedizin ist. "Ich glaube aber nicht, dass das allein den hohen Frauenanteil erklären kann." Vielmehr könnte sich bei Long Covid zeigen, was der Medizin bereits bekannt war – lange aber weder das Gesundheitssystem noch die Forschung ausreichend interessierte.

Überschießende Immunreaktion als Ursache

Seit bald einem Jahr suchen Wissenschafterinnen und Wissenschafter fieberhaft nach den Ursachen von Long Covid. Vor allem Symptome, die nicht durch posttraumatische Belastungsstörungen, Organschäden oder die körperliche Belastung aufgrund eines Intensivaufenthalts zu erklären sind, gaben Medizinerinnen und Medizinern lange Rätsel auf. Inzwischen wird dahinter eine überschießende Immunreaktion vermutet. Was genau sie auslöst, ist noch unklar. Es gibt aber mehrere Theorien.

Möglich wäre es etwa, dass auch nach der Erkrankung noch Restbestände des Virus im Körper bleiben, die das Immunsystem nach wie vor triggern. So wurden Restbestände des Virus im Zellgewebe fast aller Organe gefunden – von den Nieren bis zum Gehirn.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass sich infolge von Viruserkrankungen sogenannte Autoantikörper bilden, die bei manchen eine Autoimmunkrankheit auslösen. Sie richten sich dabei nicht gegen Viren, sondern den eigenen Körper. Im Blut einiger Covid-Patientinnen und -Patienten wurden solche Autoantikörper in erhöhten Mengen nachgewiesen.

In beiden Fällen würden die Symptome der Betroffenen nicht vom Virus selbst, sondern durch eine Überreaktion des Immunsystems verursacht werden. Das könnte erklären, warum die Beschwerden auch erst Wochen oder Monate nach der Infektion auftreten – und warum sie das bei Frauen häufiger tun.

Frauen haben ein stärkeres Immunsystem

"Frauen haben zwei X-Chromosome", sagt Willer-Kautzky. "Viele Gene für das Immunsystem befinden sich auf diesen Chromosomen. Das führt gemeinsam mit den weiblichen Sexualhormonen dazu, dass Frauen in der Regel ein stärkeres Immunsystem haben."

Die Wissenschaft geht zudem davon aus, dass Frauen im gebärfähigen Alter eine reaktivere Immunantwort auf Pathogene ausbilden, um ihr Baby während der Schwangerschaft zu schützen. Das starke und komplexe Immunsystem von Frauen dürfte der Grund sein, warum sie weniger häufig schwer an Covid erkranken. Es kommt jedoch mit einem Haken.

Weil Frauen stärker auf Erreger reagieren, könnten Virusreservoirs, die nach der einer Infektion bestehen bleiben, bei ihnen zu chronischen Entzündungen führen, die wiederum Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auslösen.

Auch sind Frauen von Autoimmunerkrankungen häufiger betroffen als Männer. "Wir wissen, dass rund 70 bis 80 Prozent der autoimmunerkrankten Patientinnen und Patienten Frauen sind", sagt Gyöngyösi. "Während Testosteron die Produktion von Autoantikörpern supprimiert, dürfte Östrogen ihre Produktion fördern." Manche Wissenschafterinnen und Wissenschafter bezeichnen Long Covid deshalb als eine östrogenassoziierte Autoimmunerkrankung.

Noch sind das Hypothesen. Sie sind aber keineswegs neu, sondern wurden bereits bei einer anderen Erkrankung diskutiert – auch sie betrifft Frauen häufiger als Männer.

Ist Long Covid eine Form von ME/CFS?

Die bleierne Erschöpfung, die Gedächtnisstörungen und die diffusen Muskelschmerzen, wegen denen Betroffene seine Praxis aufsuchten, erinnerten den Neurologen Stingl bald an ein Krankheitsbild, das er bereits gut kannte: ME/CFS, ausgeschrieben: myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom.

ME/CFS ist eine schwere Multisystemerkrankung. Leitsymptom ist eine allumfassende körperliche sowie kognitive Erschöpfung, die auch durch Ruhe nicht verbessert wird und sich durch Anstrengung deutlich verschlechtert. Die Lebensqualität von ME/CFS-Erkrankten sei im Schnitt niedriger als die von Multiple-Sklerose- oder Lungenkrebs-Patienten, schreibt die Österreichische CFS-Hilfe in einem Bericht. Ein Viertel aller Betroffenen könne das Haus oder Bett nicht mehr verlassen.

Weltweit leiden etwa 17 Millionen Menschen an ME/CFS, zwei Drittel davon sind Frauen. Möglicher Auslöser der Krankheit: ein viraler Infekt.

"ME/CFS tritt häufig nach Infektionen, beispielsweise mit dem Ebstein-Barr-Virus, dem Cytomegalovirus oder auch der Influenza, auf", sagt Stingl, der sich auf die Behandlung von ME/CFS spezialisiert hat. "Was wir nun nach Covid-Infektionen sehen, ist dem sehr ähnlich."

An der Berliner Charité wurde kürzlich eine Studie zu diesem Zusammenhang durchgeführt. Von 42 Long-Covid-Erkrankten, die auch nach sechs Monate noch an schwerer Erschöpfung litten, erfüllten knapp die Hälfte Kriterien für ME/CFS. Deutsche Expertinnen und Experten befürchten, dass die Zahl der ME/CFS-Patienten wegen Corona zunehmen wird. Für Deutschland rechnen sie damit, dass je nach Entwicklung der Pandemie im kommenden Jahr bis zu 100.00 Menschen neu an ME/CFS erkranken können. "Man hätte darauf vorbereitet sein können", sagt Stingl.

Lange bekannt, kaum erforscht

Die WHO erkennt ME/CFS seit 1969 als Erkrankung an. Trotzdem ist das Krankheitsbild kaum erforscht. Bis heute wurde kein Biomarker identifiziert, mit dessen Hilfe man ME/CFS eindeutig diagnostizieren könnte. Die Diagnose geschieht deshalb nach dem Ausschlussverfahren.

Für Betroffene bedeutet das lange Leidenswege. "Sie werden von Arzt zu Arzt geschickt, weil ihnen teilweise auch nicht geglaubt wird", sagt Stingl. Die meisten seiner Patientinnen und Patienten kommen mit ganzen Aktenordnern an Befunden und Überweisungen. Bis zur Diagnosestellung dauert es laut der Österreichischen CFS-Hilfe im Schnitt fünf bis acht Jahre.

In Österreich gibt es keine Anlaufstelle für Betroffene, im Medizinstudium kommt die Krankheit nicht vor. Fragt man Expertinnen und Experten, woran das liegt, dann nennen sie zwei Gründe.

Beschwerden von Frauen werden psychologisiert

Erstens lässt sich ME/CFS bisher nicht direkt im Körper nachweisen. "Im Fall von ME/CFS liefern Untersuchungen keine typischen Resultate, wie man sie in der Neurologie kennt", sagt Stingl. Zur Untermauerung der Diagnose von ME/CFS können Mediziner auf den sogenannten Nasa-Lean-Tests zurückgreifen. Mit diesem Test kann die Beeinträchtigung des autonomen Nervensystems, konkret Probleme mit der Regulierung des Kreislaufsystems, festgestellt werden. Nicht jedoch die Ursachen dafür – das führt zu einem Teufelskreis: Weil sich die Erkrankung nicht eindeutig nachweisen lässt, wird sie oft als psychisch abgetan. Weil sie als psychisch abgetan wird, gibt es kein Geld für ihre Erforschung.

Zweitens, der Teufelskreis, er wäre vielleicht schon durchbrochen, würde das Geschlechterverhältnis unter den Betroffenen anders aussehen. "Dass man diese Erkrankung bisher nicht ernst genommen hat, hängt auch damit zusammen, dass sie hauptsächlich Frauen betrifft", sagt Kautzky-Willer. "Es gibt eine Schieflage in der medizinischen Forschung: Bei Frauen werden Beschwerden schnell psychologisiert, anstatt dass nach einem biologischen Krankheitsprozess gesucht wird."

Auch seine Patientinnen, sagt Stingl, werden von Ärzten oft nicht ernst genommen, wenn sie von ihrer Erschöpfung erzählen. "Gerade bei jungen Frauen heißt es dann oft: Das ist nur eine depressive Verstimmung", sagt Stingl.

Die Aufmerksamkeit für Long Covid, so meinen Willer-Kautzky und Stingl, könnte nun eine Chance sein, etwas Licht in den toten Winkel der Forschung zu bringen. Für ME/CFS-Erkrankte könnte sie nach Jahrzehnten die Möglichkeit auf bessere Diagnose- und Therapieformen bedeuten.

Für die kommenden vier Jahre hat der US-Kongress 1,15 Milliarden Dollar für die Erforschung von Long Covid bereitgestellt, die EU will 90 Millionen Euro in Populationsstudien und klinische Prüfungen für Covid-19-Arzneimittel stecken – darunter auch Medikamente für Long Covid.

Fest stehe aber auch: "Würde man mehr über ME/CFS wissen, könnte man vermutlich bereits einem Teil der Long-Covid-Patientinnen und-Patienten helfen", sagt Stingl. (Eja Kapeller, 30.6.2021)