Schon kleinste Anstrengungen führen bei Long-Covid-Betroffenen zu totaler Erschöpfung. Viele leiden am Fatigue-Syndrom.

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Erkrankt man an Corona, ist es mit der Genesung nicht unbedingt vorbei. Immer öfter berichten Betroffene von Langzeitfolgen wie extremer Erschöpfung, Schwindel, Schmerzen, Konzentrationsproblemen und mehr. Immerhin zehn bis 20 Prozent sind davon betroffen, oft kommen die Probleme erst Wochen oder sogar Monate nach der Genesung. Besonders häufig trifft es Frauen, das Verhältnis zu den Männern ist etwa 3:1.

Wie sich ein Alltag mit Long Covid anfühlt, ist für alle, die fit und gesund sind, nur schwer nachvollziehbar. Und auch für die Patienten ist es extrem schwer, mit dieser Energielosigkeit umzugehen, sind es doch meist jüngere, fitte Menschen. DER STANDARD hat fünf Long-Covid-Patienten um einen Einblick in ihr Leben gebeten.

Totale Erschöpfung

Eigentlich ist Isabelle Köster recht sportlich. 15 Kilometer laufen war bis vergangenen Herbst kein Thema. Im November kam dann die Corona-Infektion, drei Wochen dauerte sie. Danach ging die 38-Jährige, die in der Langzeitpflege tätig ist, zwar wieder arbeiten, aber sie hat sich immer wieder kränklich gefühlt. Beim Laufen machte sie nach zwei Kilometern schlapp. Der Zusammenbruch kam dann im März: "Ich war völlig erschöpft, hatte keine Energie mehr für irgendwas. Mein damaliger Hausarzt meinte, ich habe wohl Depressionen, und hat mir Antidepressiva verschrieben. Aber ich wusste, das ist nicht das Problem."

Weitere Zusammenbrüche folgten, Köster wechselte den Hausarzt. Der schickte sie zur Abklärung zu Kardiologe und Neurologe, und schnell war klar, sie leidet unter Long Covid und Chronic Fatigue Syndrome (CFS). Seither befindet sich ihr Leben im Stillstand: "Mir fehlt die Kraft für alles. An guten Tagen schaffe ich es, den Geschirrspüler auszuräumen, an schlechten geht gar nichts. Im Moment macht alles mein Mann. Ich wohne im dritten Stock und schaffe es zweimal pro Woche in den Garten, weil ich nicht weiß, wie ich danach wieder raufkomme. Mein Alltag besteht derzeit Großteils aus Sitzen und Liegen. Das ist total unbefriedigend, der Tag ist so lang, aber ich kann einfach nichts machen."

Das Schlimmste für sie: "Die Krankheit macht einsam. Meine Freunde würden kommen, aber selbst Besuche strengen mich an. Nach zehn Minuten habe ich oft schon solche Konzentrationsprobleme, dass ich dem Gespräch nicht mehr folgen kann." Und auch in ihrer Rolle als Ehefrau ist sie nicht zufrieden: "Die Frau ist von heute auf morgen in keiner Rolle mehr existent, das ist auch für den Partner eine Herausforderung. Ich bin froh, dass wir keine Kinder haben, ich wüsste nicht, wie das gehen sollte."

Reha ist derzeit noch keine Option für Köster: "Dafür habe ich derzeit einfach nicht genug Kraft. Sehr oft ist das Reha-Angebot auf die Lungenfunktion ausgelegt, aber nicht auf das Fatigue-Syndrom. Ich kenne Menschen, die sind auf Reha gegangen, haben dort Ausdauer- oder Krafttraining gemacht und sind dann zusammengebrochen. Hier muss noch viel passieren."

Im Rollstuhl

Dreimal wurde Klaus Einzinger im November 2020 negativ getestet. Als er dann vor Schmerzen stöhnend im Bett lag, nicht einmal mehr richtig reden konnte, schlug auch der Test an. Ins Spital ging er trotzdem nicht, der 37-jährige Alleinerzieher wollte seine ebenfalls infizierten Kinder nicht zu seinen Eltern schicken. Fünf Wochen war er krank, danach begann Einzinger wieder zu arbeiten, im Homeoffice, ab und zu fuhr er in die Firma. Das ging bis Februar ganz gut.

Dann begannen die Muskelschmerzen, vor allem in den Beinen, ab und zu auch in den Armen. "Die kommen wellenförmig und sind immer anders. Manchmal sticht es, ein anderes Mal pocht oder brennt es. Das macht mich völlig kraftlos, mir knicken einfach die Beine ein. Ich kann nicht einmal gehen. An guten Tagen schaffe ich 20, 30 Meter am Stock, sonst kann ich mich nur mit dem Rollstuhl fortbewegen." Das Schwierige dabei: die eigene Leistungsgrenze zu erkennen. "Die liegt jeden Tag woanders. Brauchen meine Kinder in der Früh einmal mehr von mir, kann das gutgehen. Beim nächsten Mal liege ich danach den Rest des Tages flach. Manchmal bin ich so schwach, dass ich nicht einmal das Handy zum Ohr halten kann."

Wie der Alltag da funktioniert? "Es ist ein Zusammenhalt von allen Familienmitgliedern. Meine Kinder sind mit acht und zwölf extrem selbstständig geworden, meine Eltern, meine Tante und auch Freunde springen regelmäßig ein. Aber Dauerzustand ist das keiner." Das gilt auch für die Arbeit: "Mein Arbeitgeber ist sehr verständnisvoll. Ich bin auch nicht permanent im Krankenstand, wenn es geht, sitze ich am Computer und arbeite. Das tut auch meiner Psyche gut, ich denke dann weniger an die Schmerzen. Drum nehme ich, wann immer es geht, an Meetings teil oder schreibe Mails. Aber manchmal kann ich die Hände gar nicht über der Tastatur halten."

Auf der Suche nach Hilfe für die Schmerzen ist Einzinger auf CBD gestoßen: "Ich habe alle Schmerzmittel ausprobiert, die keine Opioide sind, keines davon hat wirklich geholfen. Irgendwann bin ich dann auf CBD-Öl und -Tabletten gestoßen. Das sorgt wirklich für Erleichterung. Allerdings muss man es selbst bezahlen, und das ist auf Dauer relativ teuer." Seine größte Freude: wenn er endlich wieder Muskelaufbautraining machen kann. Wann das passieren wird, kann aber niemand sagen.

Zurückschrauben

Eher zufällig wurde Corona bei Manuela T. im April 2020 festgestellt. Es fing ganz harmlos an und wurde laufend schlechter, bis die 30-Jährige sogar ins Krankenhaus musste. Nach fünf Wochen war sie so weit wieder gesund. Aber richtig fit hat sie sich nie gefühlt: "Ich hatte von Anfang an bei jeder Kleinigkeit Herzrasen und war total schnell erledigt, nach fünf Metern gehen konnte ich nicht mehr. Ich habe schlecht Luft bekommen und hatte immer wieder sehr starke Kopfschmerzen."

Eine neunwöchige Reha im Sommer 2020 hat nur bedingt Besserung gebracht, danach musste sie wieder in Krankenstand gehen: "Ich hatte mich total gefreut auf die Reha, hatte große Erwartungen. Aber leider habe ich meine Ziele weit verfehlt." Im Frühjahr 2021 konnte die Physiotherapeutin eine zweite Reha machen, seither geht es langsam bergauf: "Wenn ich vorher auf 100 Prozent Leistungsfähigkeit war, bin ich jetzt bei etwa 40 Prozent. Ich komme immer noch viel schneller an meine Grenzen, die Fortschritte sind deutlich langsamer, als ich es mir wünsche."

Es ist deshalb eine bewusste Entscheidung von ihr, derzeit nur vier Stunden pro Tag als Physiotherapeutin zu arbeiten. "Das klappt im Moment gut. Aber ich hoffe, im Herbst wieder aufzustocken." Manuelas Wunsch: mehr Anlaufstellen für Patienten wie sie: "Ich war bei verschiedensten Ärzten, aber keiner hat mich als Ganzes gesehen, jeder nur aus seiner Fachrichtung. Da braucht es mehr spezialisierte Zentren."

Zu wenig Energie

In erster Linie verspürte Stefan Bergmann eine große Müdigkeit, als er im März 2021 an Corona erkrankte. Dazu war ihm schwindlig, er konnte kaum aufstehen. Insgesamt zwei Wochen war er krank, abgesehen von den Kreislaufproblemen war der Verlauf nicht schlimm, die Symptome hatten sich nach einer Woche verflüchtigt. Doch Mitte Mai kehrten sie zurück. Bergmanns erster Gedanke: "Ich habe mich wieder angesteckt." Doch er war negativ, und seine Ärztin diagnostizierte recht rasch Long Covid.

Seither leidet der 42-jährige Sprecher und Schauspieler am Fatigue-Syndrom: "Ich habe immer wieder Kreislaufprobleme, komme nicht in die Gänge, habe schwere Glieder und auch Konzentrationsschwierigkeiten." Beschreibt man diese Symptome einem Arzt, denken dabei auch viele an Depressionen oder psychische Erschöpfung. Doch Bergmann betont: "Das ist komplett anders. Ich hatte in meinen Zwanzigern Depressionen, und ich kann mit absoluter Gewissheit sagen, das ist was komplett anderes. Diese Zustände kann man nicht miteinander vergleichen."

Das tägliche Leben funktioniert für Bergmann im Moment recht gut. Da er sehr zentral wohnt, hat er die für ihn nötige Infrastruktur quasi vor der Haustür. Auch beruflich ist es (noch) kein Problem: "Ich bin selbstständig und kann mir viele Projekte selbst einteilen. Wenn ich kurzfristig verschieben muss, ist immer viel Verständnis da. Aber demnächst bin ich an einem größeren Projekt beteiligt, mit anderen Schauspielern. Ich hoffe wirklich, dass das klappt. Denn wenn ich da ausfallen sollte, hängen da ja auch andere Menschen dran." Dazu kommt, dass er, wie die meisten Künstler, selbstständig ist. Ein bezahlter Krankenstand ist deshalb für ihn nicht möglich. Bergmann hofft jetzt, dass ausreichend Zeit wieder Besserung bringt.

Ständiger Schwindel

Sieben Monate nachdem Doris Kern (Name von der Redaktion geändert) im August 2020 an Corona erkrankt war, hatte sie immer noch täglich Fieberschübe. Warum, das konnte niemand erklären. "Ich war sogar bei einem Tropenarzt, aber niemand hat was gefunden. Als dann noch ein Tinnitus dazukam, habe ich selbst zu recherchieren begonnen und bin auf die Facebook-Gruppe von Long Covid Austria gestoßen. Dort habe ich das erste Mal über den Zusammenhang von Long Covid und meinen Symptomen gelesen, und es gab auch Info zu Behandlungsansätzen. Das hat mich enorm erleichtert, weil auf einmal klar war, ich bin nicht die Einzige. Ich bilde mir das nicht ein."

Ein besonderes Phänomen bei der 34-jährigen, abgesehen von chronischer Erschöpfung: "Ich kann ein bisschen gehen, aber ich kann nicht stehen. Fahre ich mit der Straßenbahn zu einem Arzt, muss ich mich immer hinsetzen. Erst zehn Monate nach der Krankheit wurde diagnostiziert, dass ich POTS habe." Das steht für Posturales Tachykardiesyndrom. Wechseln Betroffene vom Liegen in einer aufrechte Körperhaltung, bekommen sie erhöhten Puls, Schwindel, fühlen sich manchmal benommen. Immer mehr Long-Covid-Betroffene berichten davon.

Derzeit ist Kern auf Reha: "Mir wurde aufgrund der Diagnose Long Covid eine Lungen-Reha verordnet, obwohl ich gar keine Lungenschäden habe. Untersucht, was ich wirklich brauche, wurde nicht. Ich fühle mich eigentlich fehl am Platz, weil der Rehatyp nicht für mich passt." Ihr Wunsch an Politik und Institutionen deshalb: rasch ein Reha-Angebot, das genau auf diese Erschöpfungssymptome abgestimmt ist. (Pia Kruckenhauser, 30.6.2021)