"Ich werde mein Leben nicht umsonst geopfert haben": der etwas versonnene Marcel Proust (1871–1922) im Jahr 1896.

Foto: Picturedesk.com / Ulstein Bild

Am Ende stand: Ende. Wenige Monate, bevor der Pariser Romancier Marcel Proust am 18. November 1922 mit 51 Jahren starb, hatte er nach fünfzehnjähriger Arbeit an den sieben Romanen seines Opus À la Recherche du Temps perdu, deutsch Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, das Wort "Ende" geschrieben. "Jetzt kann ich", offenbarte er seiner Haushälterin Céleste Albaret, "sterben."

Gestorben wurde nicht. Noch nicht. Selbst am Morgen seines Sterbetags noch fügte er Korrekturen und Ergänzungen ins Typoskript der Gefangenen, des fünften Teilromans. Proust, der von Asthma geplagte Autor eines monumentalen Erinnerungs-Œuvres, konnte durchatmen: "Ich werde mein Leben nicht umsonst geopfert haben." Die verlorene, mit Hunderttausenden von Worten beschworene Zeit war zur wiedergefundenen, konservierten Zeit geworden.

Destillierte Zeit

Marcel Proust, "Der geheimnisvolle Briefschreiber". Frühe Erzählungen. Herausgegeben von Luc Fraisse. Übersetzt von Bernd Schwibs. 28,80 Euro / 176 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2021
Cover: Suhrkamp-Verlag

Dabei war am Anfang ganz anderes: das Fleisch von Pferden. Dieses hatte kulinarisch das von Rindern ersetzt und war doch im Spätherbst 1870 nur kurz auf Pariser Tellern zu finden. Die französische Hauptstadt war von preußischen Truppen umzingelt. Hunger grassierte.

Schon bald stürzte man sich zum Verzehr auf alles. Esel wurden geschlachtet, Hunde- und Katzenkoteletts kredenzt. Die Menschen zahlten horrende Summen für das Fleisch von Büffeln, Antilopen und Kängurus aus dem Jardin des Plantes.

Das Restaurant Voisin führte auf seiner Karte Elefantenblutwurst. In dieser Zeit schwanger zu sein – alles andere als leicht. Die junge Jeanne Weil war schwanger. Am 3. September 1870 hatte sie den aufstrebenden, ehrgeizigen Arzt Adrien Proust, einen Christen, geheiratet und war mit ihm, öffentliches Signum gesellschaftlichen Aufstiegs, vom 10. Arrondissement, in dem der Großteil ihrer weitverzweigten jüdischen Familie wohnte, in die Rue Roy gezogen, in ein neues, luftiges Viertel mit breiten, von Bäumen gesäumten Avenuen.

Marcel Proust, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Sonderausgabe der Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer. 45,30 Euro / 4325 Seiten. Reclam, Ditzingen 2020

Paris in Flammen

Kurz vor der Niederkunft sollte es noch schlimmer kommen. Ende Mai 1871, Jeanne war gerade 22 Jahre alt geworden, brachen schwere Kämpfe zwischen den aufständischen Kommunarden und der Regierung aus. Paris stand in Flammen. Überall explodierten Granaten. In den Straßen Flüchtende, Verletzte, Sterbende, Tote.

Der Terreur war nach Paris zurückgekehrt. Verhaftungen erfolgten willkürlich, Exekutionen ohne Gerichtsverhandlung waren an der Tagesordnung. Und dann verließ ihr 15 Jahre älterer Mann auch noch das Haus, weil medizinischer Beistand überall benötigt wurde.

Kaum verwunderlich, dass der Erstgeborene des Ehepaares bei der Geburt am 10. Juli 1871 in Auteuil fast gestorben wäre. Vielleicht überlebte der Bub nur, weil sein Vater, ein überzeugter Hygieniker, der sich den Kampf gegen die Cholera auf die Fahnen geschrieben hatte, die Hebamme dazu vergatterte, sich gründlich die Hände zu waschen, bevor sie Jeanne anfasste. Am 13. Juli wurde im Rathaus des 16. Arrondissements die Geburtsurkunde von Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust ausgestellt.

Leben als Training

Das Leben Prousts war Training. Training, um aus seinem Leben als umtriebig parlierender Dandy und Muttersohn, aus einer Stadt, einer Zeit, einer Ära seinen Monumentalroman zu destillieren. Die Verluste waren aufzuheben durch Zeit, in ausschweifend feinsinnigen, extensiv manieristischen Satzserpentinen aufgeschrieben. Und Prousts größter Verlust war der Tod der Mutter im September 1905.

Eine Erstausgabe von "In Swanns Welt" in einer Sonderedition auf japanischem Papier.
Foto: APA / AFP / Thomas Samson

Er zog sich in sein Schlafzimmer zurück, verharrte in Apathie – und fand wochenlang keinen Schlaf. Im Alter von 34 Jahren war er nun "Vollwaise" – sein Vater war im November 1903 an einem Schlaganfall gestorben. "Mein Leben hat fortan sein einziges Ziel verloren, seine einzige Süße, seine einzige Liebe, seinen einzigen Trost", war eine von vielen schriftlichen Auskünften aus dieser Zeit.

Die Hausangestellten, von seiner Mutter einst angehalten, sich auf Zehenspitzen zu bewegen, wenn ihr ältester Sohn arbeitete oder schlief, Ersteres pflegte er nachts zu tun und Letzteres bis tief in den Nachmittag, behielten diese Angewohnheiten bei. Der Kork an den Wänden von Prousts Schlaf-, das zum Schreib- und Lebenszimmer wurde, war für ihn elementar.

Geräuschirritativ

Marcel Proust, "Briefe an seine Nachbarin". Herausgegeben und mit Anmerkungen von Estelle Gaudry und Jean-Yves Tadié. Übersetzt von Bernd Schwibs. 14,40 Euro / 120 Seiten. Mit Abbildungen. Insel, Berlin
Cover: Insel Verlag

Wie geräuschirritativ er war, bezeugen die liebenswürdigen, aber entschiedenen epistolarischen Interventionen bei seiner Nachbarin am Boulevard Haussmann Nr. 102, ein "wahrer Roman" – Proust wurde schlechterdings alles zu Literatur –, nun im feinen, schmalen Büchlein Marcel Proust: "Briefe an seine Nachbarin nachlesbar.

Zwischen dem Tod der Mutter im Jahre 1905 und dem Beginn der Arbeit an der Recherche 1908 zog einst der englische Proust-Biograf Ronald Hayman eine einleuchtende Linie. 1907 hatte Proust im Figaro seinen Artikel Une grand-mère veröffentlicht, in dem er das geliebteste Wesen mit einem geistvollen und leidenschaftlichen Buch vergleicht.

Soll der Tod die Macht haben, die Buchstaben dieses Buches in Schriftzeichen zu verwandeln, die plötzlich nichts mehr bedeuten? Hayman: "Prousts Weigerung zu glauben, dass seine Mutter etwas Unlesbares geworden sei, wird sich als einer der Hauptgründe dafür erweisen, verlorene Zeit als rettbar zu schildern."

Extravagante Umstände

Es waren ja die extravaganten Umstände, aus denen das Riesenwerk hervorging und die in nicht wenigen Biografien, auch jener Haymans, lustvoll detailliert beschrieben wurden. Die Pelzmäntel, die der ewig Verfrorene im überheizten Zimmer umlegte, und die Pullover, die ihm von den Schultern rutschten und ebenso liegen blieben wie die Manuskriptblätter, die auf den Boden flatterten.

Die vom Rauch des Legras-Pulvers, mit dem Proust gegen das Asthma ankämpfte, stumpf gewordenen Messingstäbe des Bettes – heute im Pariser Musée Carnavalet ausgestellt –, in dem er in recht unbequemer Lage abertausende von Seiten füllte.

Marcel Proust auf dem Totenbett. Selbst an seinem Sterbetag fügte er in das Typoskript des fünften Teils der ,Recherche‘ Ergänzungen ein.
Foto: APA / AFP / Francois Guillot

Die um den Preis subkutaner Demütigung erarbeiteten Freundschaften mit Herzögen und Prinzessinnen, die er ins Ritz einlud, und die Dienstboten, die er über ihre Herrschaften aushorchte. Oder die Rattenquälerei in dem von ihm finanzierten Männerbordell.

Dabei verachtete er, lebenslang sehr selten glücklich, von seinen vielen Ichs neben dem jüdischen das sexuelle am stärksten, seine homosexuellen Liebesgefühle, aus denen Freundschaften wurden, so zum Komponisten Reynaldo Hahn, was Lorenza Foschini in dem Buch Und der Wind weht durch unsere Seelen. Marcel Proust und Reynaldo Hahn nachzeichnet, wobei sie fatal unentschieden blieb: informierendes Sachbuch oder sentimentaler seicht unterbelichteter Roman?

Lorenza Foschini, "Und der Wind weht durch unsere Seelen. Marcel Proust und Reynaldo Hahn. Eine Geschichte von Liebe und Freundschaft". Übersetzt von Peter Klöss. 22,70 Euro / 256 Seiten. Nagel & Kimche, Zürich 2021
Cover: Nagel & Kimche

Kranke Zeit

Über Anthropologie und die Pathologien der Jahre der Belle Époque beugt sich der Berliner Journalist Lothar Müller in Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt, einem Porträt Adrien Prousts, des Vaters, seines Zeichens Arzt, Epidemiologe und angesehener Hygieniker.

Anregend lässt Müller in den medizinisch-wissenschaftlichen Diskursen der Zeit eine "kranke" Zeit sich spiegeln, neurologisch angegriffen, moralisch unterhöhlt. Eine interessante außenlebensweltliche Spiegelung des Riesenwerks des Sohnes, das sich ganz auf das Innen ausrichtet.

"Aufruhr im Detail, Beruhigung im Ganzen": Francis Ponge war einer jener französischen Dichter, die die Welt im Wort bannen wollten. Diesen Kernauftrag notierte er 40 Jahre nach dem Tod Prousts, von dem nun unter dem Titel Der geheimnisvolle Briefschreiber erstmals auf Deutsch frühe Erzählungen vorliegen, die, nun ja, eben frühe Gehversuche sind Richtung anfangs noch selbstverlegtes Riesenwerk.

Zehn Jahre

Der Reclam-Verlag indes fasst die Einzelbände der Recherche-Übersetzung Bernd-Jürgen Fischers dieser titanischen Epopöe in einer schmucken Kassette zusammen. War denn aber eine Neu-Eindeutschung überhaupt vonnöten? Durchaus. Ist doch die Übertragung von Eva Rechel-Mertens in den 1950er-Jahren binnen vier Jahren erstellt worden. Zehn Jahre arbeitete Bernd-Jürgen Fischer an seiner kritisch kommentierten Ausgabe.

Lothar Müller, "Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt". 22,70 Euro / 224 Seiten. Wagenbach, Berlin 2021
Cover: Wagenbach

Sie ist partiell genauer. Das fängt bereits mit dem grammatikalisch wenig logischen Titel an. Du côté du chez Swann heißt bei Rechel-Mertens zu frei In Swanns Welt, bei Fischer Auf dem Weg zu Swann. Dafür erlaubt er sich an anderen Stellen gelegentlich semantische Freiheiten, die bewusst gesetzte herausstechende Begriffe zu stark glätten oder satirische Überzeichnungen historisieren.

Fischers Proust-Übertragung hat jene von Eva Rechel-Mertens, die 1994 bis 2002 editorisch revidiert wurde, nicht ersetzt. Sie behauptet sich aber gut neben dieser. Und lädt zum Immerwiederlesen ein.

Augenwandernlassen

Zum Augenwandernlassen verführt Bernd-Jürgen Fischers Proust-Album Auf der Suche nach Marcel Proust. Ein Album in Bildern und Texten. Und zum aufwärmenden Promenieren durchs Proust-Multiversum das Proust-ABC der in Konstanz lehrenden Romanistin Ulrike Sprenger. Mit A wie Abraham und der Académie française beginnt es, setzt sich von Badeanzug und Dreyfus zu Film, Geld, Konversation, Pflastersteine fort und endet mit Traum, Weißdorn und Z wie Zimmer.

Vor Jahren schrieb Martin Walser einen Essay, Leseerfahrungen mit Marcel Proust. Wenn "Proust ein Industrieartikel wäre", schrieb Walser 1958, würde er zum Slogan "Proust-Leser sind im Vorteil" raten. Wieso das? Weil, wer Proust aufmerksam gelesen hat, genauer hinsieht, präziser hinhört, mehr durchschaut und, tatsächlich, nicht nur intensiver liest, sondern intensiver lebt. Immerhin unterscheidet Lesen sich von Leben nur durch einen Buchstaben. (Alexander Kluy, ALBUM, 3.7.2021)

Cover: Reclam

Bernd-Jürgen Fischer (Hrsg.), "Auf der Suche nach Marcel Proust. Ein Album in Bildern und Texten". 28,80 Euro / 280 S. Mit 140 Abb. Reclam, Ditzingen 2020

Ulrike Sprenger (Hrsg.), "Das Proust-ABC". 20,50 Euro / 320 Seiten. Reclam, Ditzingen 2021.