In die Ausarbeitung neuer Maßnahmen sollen Erfahrungen aus dem Distance-Learning fließen.

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Barrierefreiheit ist mehr als nur Rampen für Rollstuhlfahrer und Leitsysteme für Sehbehinderte. Barrierefreiheit bedeutet genauso Lernunterlagen in Braille-Schrift oder eine Gebärdendolmetscherin im Hörsaal. Oder angepasste Prüfungsmodalitäten und Ansprechpersonen für Betroffene.

Wie es um die Inklusivität der Hochschulen steht, hat Angela Wroblewski vom Institut für Höhere Studien im Auftrag des Wissenschaftsministeriums erhoben. Der Bericht, der vergangene Woche vorgestellt wurde, zeigt, dass mittlerweile alle Unis eine Ansprechperson für Behinderte haben. Die meisten haben auch eine Diversitätsstrategie oder sind bei deren Umsetzung.

Anders sieht es an den Fachhochschulen aus: An 18 von 21 FHs ist eine Stelle oder Ansprechperson für Gender und Diversität eingerichtet, die in einigen Fällen auch für Beeinträchtigungen zuständig sind. Nur an sechs FHs gibt es einen Behindertenbeauftragten, an 15 eine Diversitätsstrategie. "Die Unterstützung ist zum Teil stark von einzelnen Personen abhängig", sagt Wroblewski.

Diese Unterschiede haben mitunter rechtliche Gründe: Im Unigesetz (UG) ist festgelegt, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung berücksichtigt werden sowie niemand vom Studium ausgeschlossen wird. Im FH-Studiengesetz finden sich keine vergleichbaren Regelungen. Lediglich – wie im UG – das Recht auf alternative Prüfungsmodi. Das müsse angeglichen werden, fordert Wroblewski.

Mehr Commitment

Manche Hochschulen ohne strukturelle Angebote begründen das mit der geringen Zahl an Betroffenen, für die individuelle Lösungen gefunden würden. Für gutes Diversitätsmanagement sei das zu wenig, sagt Wroblewski: "Es geht nicht darum, auf gewisse Anforderungen zu reagieren, sondern aktiv einen Strukturwandel zu schaffen." Ebenso reflektierten und adaptierten Best-Practice-Hochschulen ihre Angebote – auch mit Betroffenen. Zudem müsse das Commitment stärker kommuniziert werden, sagt Wroblewski. Lebt eine Uni Inklusion, trauten sich Betroffene eher, Hilfe zu suchen. Nicht einmal die Hälfte von ihnen tut das.

Neben Hochschulanlaufstellen seien auch überregionale Angebote, wie die Psychologische Studierendenberatung, und regionale Kooperationen wichtig. Kleine Unis hätten oft nicht die Ressourcen oder Expertise, um etwa technische Formeln in Braille-Schrift für eine blinde Studentin aufzubereiten. Sie kooperieren dafür etwa mit dem Zentrum Integriert Studieren in Graz.

In die Ausarbeitung der Maßnahmen sollten laut Wroblewski die Erfahrungen aus dem Distance-Learning fließen. Während virtuelle Vorlesungen für Mobilitätseingeschränkte erleichternd sind, kann etwa die Isolation für psychisch Kranke oder Onlinekurse ohne Untertitel für Gehörlose erschwerend sein. Es sei wichtig, diese Unterschiede auch auf Hochschulebene zu reflektieren. (set, 7.7.2021)