Genug geimpft um aufzusperren – das findet die Regierung von Premier Boris Johnson.

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Maskenpflicht, Ade: Wenn England in vierzehn Tagen den letzten Schritt aus den Corona-Beschränkungen geht, wird auch das obligatorische Tragen eines Mund-Nasenschutzes in geschlossenen Räumen sowie in Bussen und Bahnen fallen. Es sei an der Zeit, dass der Staat den Bürgern nicht mehr individuelle Schutzmaßnahmen vorschreibe, sagte der britische Kommunalminister Robert Jenrick am Sonntag: "Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben und unsere persönliche Verantwortung wahrzunehmen."

Die konservative Regierung von Premierminister Boris Johnson stellt sich damit ausdrücklich gegen den Rat führender Ärzte und Wissenschafter. Diese hatten angesichts stark steigender Infektionsraten bereits vor großen Sport-Events mit Zehntausenden begeisterten Zuschauern gewarnt, nicht zuletzt vor den Spielen zum Abschluss der Europameisterschaft im Londoner Wembley-Stadion diese Woche. Dass Englands Fußballer am Samstag den Einzug ins Halbfinale schafften, hat die Euphorie im Land befördert.

"Wenn 60000 Fans ins Stadion dürfen, ohne dass von Risiko die Rede ist," fürchtet deshalb der Psychologieprofessor Stephen Reicher von der Universität St. Andrews, "lautet die Botschaft an 60 Millionen Fans daheim: Ihr könnt umarmen, wen und wann Ihr wollt." Dabei stehe der Wettlauf zwischen der hochinfektiösen Delta-Variante von Sars-CoV-2, die erstmals in Indien nachgewiesen worden war, und dem britischen Impfprogramm derzeit noch auf Messers Schneide, glaubt er.

Nicht Daten, "sondern Fakten"

Enttäuscht über das bevorstehende Ende der Maskenpflicht äußert sich der Chef des Ärzteverbandes BMA. Angesichts alarmierend anwachsender Infektionszahlen sei es "nicht sinnvoll, alle Beschränkungen aufzugeben", glaubt Chaand Nagpaul und weist auf einen Widerspruch hin: Bisher habe die Regierung stets beteuert, sie orientiere sich an "data, not dates", also an wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht Kalenderdaten.

Dieser Maxime folgte Premier Johnson zuletzt Mitte Juni: Da verzögerte er den letzten Öffnungsschritt aus dem Anfang Jänner verhängten Lockdown um vier Wochen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der rasch um sich greifenden Delta-Variante. Die gewonnene Zeit sollte zur beschleunigten Impfung jüngerer Engländer genutzt werden, erläuterte er.

Verbindung zwischen Krankheit und Tod geschwächt

Das Impfprogramm des Nationalen Gesundheitssystems NHS hat bis einschließlich Samstag 85,7 Prozent der Erwachsenen auf der Insel mit einer Dosis gegen Covid-19 immunisiert; 63,4 Prozent verfügen über den vollständige Impfschutz. Dass die verwendeten Vakzine von AstraZeneca, Biontech/Pfizer und Moderna dennoch keineswegs hundertprozentigen Schutz verleihen, machten in den vergangenen Tagen Berichte von doppelt geimpften, aber dennoch an Coronafolgen Verstorbenen deutlich. Immer deutlicher aber wird: Die Verbindung zwischen Ansteckung und tödlichem Verlauf ist mittlerweile stark geschwächt.

Nach den Mitte Mai in Kraft getretenen Öffnungsschritten für Theater, Kinos, Pubs und Restaurants sind die Infektionszahlen auf der Insel kontinuierlich nach oben gegangen; in der Woche bis Samstag lag die Steigerung bei 67 Prozent, die Infektionsrate pro 100.000 Einwohnern bei 199. Auch die Zahl der Patienten, deren Krankheitsverlauf eine Behandlung im Spital erfordert, stieg um 24 Prozent; hingegen verharrt die Zahl der Verstorbenen auf erfreulich niedrigem, in den vergangenen sieben Tagen sogar leicht rückläufigen Niveau. Zuletzt verzeichnete das Land im Wochendurchschnitt 18 Corona-Tote täglich.

Ob England also tatsächlich über die "Immunitätswand" verfügt, von der Johnson spricht? Nach monatelanger ausdrücklicher Vorsicht ist der Ton der für den weitaus größten Landesteil England Verantwortlichen – Nordirland, Schottland und Wales haben ihre je eigenen Vorschriften – zuletzt deutlich optimistischer geworden. Das dürfte mit der Person des neuen Gesundheitsministers Sajid Javid zusammenhängen.

Schelte für Vorsicht vom Gesundheitsminister

Der Multimillionär leitete fünf unterschiedliche Ministerien, ehe Johnson ihn im Februar 2020 aus dem Finanzressort feuerte. Seither fungierte Javid als Senior Fellow an der US-Universität Harvard. In einem vergangenen Dezember veröffentlichten Forschungsbericht bezichtigte der frühere Investmentbanker die globale Führungselite in der Covid-Pandemie des irrationalen "Herdenverhaltens", vergleichbar mit dem Panikkauf riesiger Mengen Toilettenpapier.

In einem Namensbeitrag für "Mail on Sunday" bezieht sich Javid nun ausdrücklich nicht nur auf die negativen Lockdown-Folgen für das Wirtschaftsleben. Auch für die Gesundheit der Bevölkerung sei die Lockerung unabdingbar, glaubt der Minister und führt den "schockierenden Anstieg häuslicher Gewalt" sowie die "schlimmen Auswirkungen" auf die mentale Verfassung vieler Briten ins Feld. Der endgültige Abschied vom Corona-Lockdown werde die Bevölkerung "nicht nur freier, sondern auch gesünder" machen. (Sebastian Borger aus London, 4.7.2021)