Gut 58 Prozent aller Erwachsenen sind bereits vollständig geimpft, 67 Prozent zumindest mit einer Dosis.

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In Philadelphia waren es 70 Prozent. Als Belohnung gab es einen Auftritt von First Lady Jill Biden.

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Wenn das große Ziel verfehlt wird, feiert man eben den kleinen Sieg. Genau das tut Jill Biden, als sie in einem schattigen Park auf historischem Gelände von der Schwelle spricht, die ihre Stadt vor wenigen Tagen überschritten habe. Ihre Stadt, das ist Philadelphia. Philly. Die First Lady, geboren und aufgewachsen in einem wohlhabenden Vorort namens Willow Grove, bezeichnet sich gern und häufig als "Philly girl".

Hart im Nehmen, geradeheraus, oft ziemlich laut, sagt sie, so seien die Menschen hier. Man halte zusammen, denke an andere, nicht nur an sich selbst. "Dieser Gemeinschaftsgeist ließ uns die Pandemie überstehen. Und mit dieser Einstellung ist diese Stadt über sich hinausgewachsen, als es darum ging, ihre Bewohner gegen das Coronavirus zu impfen." Vor einer Woche habe man bei der Impfquote die 70-Prozent-Marke erreicht: "Danke dafür, Philadelphia!"

Pathos am Nationalfeiertag

Der kleine Park, in dem Jill Biden redet, grenzt an die Independence Hall, jenes Backsteingebäude, in dem die Gründer der amerikanischen Republik am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung signierten. Ein Teenager namens Cam Anthony, gerade erst bei der Castingshow "The Voice" zum besten Sänger gekürt, liest deren Schlüsselpassagen vom Blatt, genauer: von einer historisch anmutenden Pergamentrolle.

In der Kulisse ein Mann, der mit historischem Kostüm und einer Perücke aus langem, grauem Haar an den Lokalmatador Benjamin Franklin erinnern will, ein Multitalent des 18. Jahrhunderts, Verleger, Erfinder, Diplomat in einer Person. Ohne ein wenig Pathos ist er kaum denkbar, der Fourth of July. Und auch die First Lady ruft irgendwann voller Inbrunst in die Menge: "Fühlt sich dieser Tag nicht an wie die Revolution, die er feiert? Wie ein Ausbrechen aus der Verzweiflung, die wir alle viel zu lange empfanden?"

Im Zweifelsfall lieber tiefstapeln

Eigentlich wollte Jills Mann am Independence Day feiern, was er bereits vor Wochen die Unabhängigkeit vom Virus genannt hatte: 70 Prozent mindestens einmal Geimpfte, egal ob das nun Herdenimmunität bedeutet oder nicht. Das Ziel hatte Joe Biden ausgegeben, nachdem die Impfkampagne in Schwung gekommen war und an rekordverdächtigen Tagen mehr als vier Millionen Amerikaner eine Spritze bekamen. Es schien realistisch, eher bescheiden, passend zu einem Präsidenten, der im Zweifelsfall lieber tiefstapelt. Und doch ist man noch immer ein Stück davon entfernt.

Aktuell sind 58 Prozent der Erwachsenen vollständig gegen das Coronavirus geimpft, während 67 Prozent mindestens eine Dosis erhalten haben. Dass es nur noch langsam vorangeht, liegt weder an Nachschubproblemen noch an Organisationspannen. Vakzin ist überreichlich vorhanden, vielerorts locken zusätzliche Anreize, von Geldprämien über Lotteriegewinne und Urlaubsreisen bis hin zu Freibier. Es ändert nichts daran, dass die Impfbereitschaft je nach Region sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Das Schlusslicht der Tabelle, Mississippi, kommt gerade einmal auf 46 Prozent einmal Geimpfte, während es im Neuengland-Staat Vermont 85 Prozent sind.

Ein Drittel Impfskeptiker

Etwa ein Drittel derer, die sich bislang noch keine Nadel in den Oberarm stechen ließen, wird auch in Zukunft entweder definitiv oder mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf verzichten. Das haben Meinungsforscher im Auftrag von Washington Post und ABC News ermittelt, und herausgefunden haben sie auch, dass politische Differenzen, die die Pandemie von Anfang an begleiteten, heute kaum weniger ausgeprägt sind, als sie es vor Bidens Amtsantritt waren. Wähler der Demokraten sind demnach zu 86 Prozent, Anhänger der Republikaner nur zu 45 Prozent mindestens einmal geimpft.

Was ihm Sorgen mache, sagt Anthony Fauci, Amerikas bekanntester Epidemiologe, sei ein Szenario, in dem die Delta-Variante des Virus in Gebieten mit niedriger Impfquote die Fallzahlen wieder steil ansteigen lasse. Zumal dann, wenn es im Alltagsleben praktisch keine pandemiebedingten Einschränkungen mehr gebe. "Ich glaube nicht, dass wir landesweit die nächste Welle erleben, regional aber wird es ein Problem sein", prophezeit der Chef des Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten.

In Gegenden mit einem geringen Anteil an Immunisierten, betont er, würde er weiterhin einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Die Statistik scheint Faucis Warnungen zu bestätigen: In Staaten wie Arkansas, Mississippi und Kansas geht die Kurve der Corona-Ansteckungen wieder nach oben, zum Teil steil. In Mississippi, so die Seuchenschutzbehörde CDC, werden mittlerweile neun von zehn bestätigten Neuinfektionen durch die Delta-Mutante verursacht. (Frank Herrmann, 5.7.2021)