Durch den Dirigenten Josef Stránský wird überliefert, wie Gustav Mahler (1860–1911) gegen Ende seines Lebens darüber sinniert, wie sich wohl die Nachwelt an ihn erinnern werde. So wie Mozart gelegentlich als der "Sänger der Liebe" tituliert wird, so werde er dereinst als der "Sänger der Natur" gelten, soll der große Komponist und langjährige Direktor der Wiener Hofoper vermutet haben.

Diese Aufnahme des Komponisten Gustav Mahler wurde 1907 von Moriz Nähr in der Loggia des Hofoperntheaters Wien, dem Mahler zu dieser Zeit als Direktor vorgestanden ist, angefertigt und nachträglich koloriert.
Foto: Picturedesk

Selbst wenn die Anekdote nicht stimmen sollte, so wäre sie allemal gut erfunden. Dass das Verhältnis des Menschen zur Natur in Mahlers Gedankenwelt eine zentrale Rolle spielte, das zeigte sich nachdrücklich beim ersten Mahler-Forum für Musik und Gesellschaft, das am 3. und 4. Juli im Künstlerhaus Klagenfurt und in dem mitten im Wald am Wörthersee gelegenen Komponierhäuschen in Maiernigg stattfand, in dessen Abgeschiedenheit Mahler in den Sommermonaten von 1900 bs 1907 einige seiner wichtigsten Werke und großen Sinfonien schuf.

Grundfragen des Daseins

Von der Kuratorin und Kunsthistorikerin Felicitas Thun-Hohenstein und dem langjährigen Mahler-Forscher Morten Solvik ins Leben gerufen, soll mit dem Mahler-Forum an der Kärntner Wirkungsstätte des Komponisten ein jährlich wiederkehrendes Dialogformat entstehen, das sich zwischen wichtigen Fragen der Gegenwart, den Künsten, der Philosophie und der Wissenschaft bewegt. Statt ein weiteres Format der musikwissenschaftlichen Forschung zu schaffen, geht es den beiden Initiatoren dabei darum, Mahler der breiten Öffentlichkeit als einen Künstler zu präsentieren, der sich in seinem Werk mit Grundfragen des menschlichen Daseins befasst und uns darum noch heute viel zu sagen hat.

Denn Mahler sei mehr gewesen als ein Komponist, seine Musik mehr als tönende Kunst, ist Solvik überzeugt: "Seine Werke sind eine Auseinandersetzung mit der Conditio humana, die er sich nicht scheute, in ihrer ganzen Dramatik zu zeigen." Seine Musik habe Mahler nicht geschrieben, "um schön zu sein, sondern um wahr zu sein", fügt er hinzu: "Er ist ein ernstzunehmender Denker, der sich mit Fragen und Problemen auseinandersetzte, die uns noch in der Gegenwart beschäftigen."

Im Komponierhäuschen in Maiernigg mit Blick auf den Wörthersee sind in den Sommermonaten von 1900 bis 1907 einige von Gustav Mahlers wichtigsten Werken entstanden.
Foto: Mahler Forum/Gerhard Maurer

Ambivalente Beziehung

Allen voran rage dabei Mahlers Beschäftigung mit unserer spannungsreichen Beziehung zur Natur hervor, die heuer im Zentrum des Programms stand. Nicht nur war es ein zentraler Bestandteil von Mahlers künstlerischem Selbstverständnis, eine "Spur des Unendlichen der Natur" mit seiner Musik einzufangen, wie ihn Solvik zitiert. Vielmehr habe Mahler als Visionär, der seiner Zeit voraus war, bereits "die Verbindung von Mensch und Natur vor sich gesehen und sich bemüht, sie seinen Mitmenschen klarzumachen".

Diesen Faden griff der Biologe und Philosoph Andreas Weber mit seiner Keynote auf. Sich an karge Studienzeiten erinnernd, in denen er in Ermangelung anderer Tonträger wieder und wieder Mahlers sinfonisches "Lied von der Erde" hörte, zeigte Weber, wie in dessen Musik die Lebendigkeit selbst erklingt. Nicht nur wies Weber darauf hin, wie sehr der den Rückzug in die Natur liebende Mahler seiner Umgebung lauscht und von ihr Rhythmen und Themen empfängt, etwa wenn er zu einem Freund sagt, er habe die ihn umgebenden Gipfel in Toblach bereits alle "wegkomponiert".

Musikalisches Leben

Mahlers Musik sei auch insoweit selbst eine Naturerscheinung, als in ihr die innere Erfahrung sinnlich vergegenwärtigt wird, was es bedeutet, ein Lebewesen zu sein. Vom Rhythmus des Atmens durchzogen, dem Wege, auf dem alle Lebewesen miteinander stoffwechseln, sei das Leben selbst zutiefst musikalisch.

Die Entwicklung von Mahlers Naturverständnis lässt sich anhand seiner Stücke nachzeichnen. In der frühen Schaffensperiode begegnen wir in Liedern wie "Ging heut’ morgen übers Feld" einer idyllischen Natur, in dem ein beschwingter Wanderer mit Vöglein und Blumen einträchtig Zwiegespräche führt. Noch ganz in der romantischen Tradition eines Franz Schuberts stehend, galt Mahler die Natur dabei noch als ein Spiegel der Seele, nicht als selbstständiges Wesen.

Die Kuratorin und Kunsthistorikerin Felicitas Thun-Hohenstein und der Musikwissenschafter Morten Solvik beim ersten Mahler Forum in Klagenfurt.
Foto: Mahler Forum/Gerhard Maurer

Gottverlassene Welt

Dieser Harmonie jedoch sei bald das Bild der Natur als Sphäre des Kampfes gewichen, in dem gewaltige, erbarmungslose Kräfte miteinander ringen, wie Solvik betont. Der liebliche Klang von Liedern wie "Ablösung im Sommer" über den Tod eines Kuckucks, der noch an die Heiterkeit der frühen Periode erinnert, wird als Hülle einer Welt entlarvt, die von sinnlosem Leid durchzogen ist.

Neben biografischen Schicksalsschlägen wie dem frühen Tod seines Bruders Ernst und seiner Eltern wurde dieser Bruch von Mahlers intensiver Beschäftigung mit der materialistisch-darwinistischen Naturwissenschaft seiner Zeit herbeigeführt. Befeuert noch von den Schriften Friedrich Nietzsches und Sigmund Freuds sah sich Mahler wie viele seiner Zeitgenossen plötzlich einer gottverlassenen Welt gegenüber, die aus den Fugen geraten schien.

Versöhnung von Dies- und Jenseits

Mit Spätwerken wie dem "Lied von der Erde" schließlich gelangte Mahler zu einer Akzeptanz des menschlichen Schicksals, da er das Individuum nunmehr als Teil einer größeren Ordnung, eines allumfassenden Naturzusammenhangs sieht. Erschien der Tod in einer Welt, deren Prinzip die Gewalt ist, banal und sinnlos, erkennt Mahler in ihm nun die Form, in der das Individuum Anteil an der Ewigkeit hat: indem es sich auflöst und wieder Teil des Ganzen wird. Die Momente von Abschied und Trennung, die dieses Werk prägen, sind laut Solvik darum nicht als Weltschmerz oder Todesbesessenheit misszuverstehen, sondern als Versöhnung von Dies- und Jenseits.

In dieser musikalisch vermittelten Besinnung auf die tiefere Einheit alles Lebendigen, die starre Grenzziehungen von Natur und Kultur, Mensch und Umwelt durchbricht, sieht Thun-Hohenstein, Professorin am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien, einen wichtigen Beitrag zu einer Gegenwart, die sie als "Jahrhundert der Ökologie" beschreibt.

Die Kunst im Allgemeinen und die Musik Mahlers im Besonderen könne etwas fühlbar und evident werden lassen, das von keinem wissenschaftlich-technischen Wissen eingeholt werden kann: "Wir selbst sind Natur." Den vielstimmigen Dialog von Philosophie und Wissenschaft mit Musik und Kunst sieht sie darum als ein entscheidendes Mittel zur Schaffung einer "geteilten Existenz", eines solidarischen Miteinanders im Zusammenhang des Lebendigen, dessen wir im Angesicht der Klimakrise dringender denn je bedürfen. (Miguel de la Riva, 11.7.2021)