Ganze 1000 Milliarden Bäume hätten es werden sollen: Das Projekt "Plant for the Planet" schrieb sich auf die Fahnen, eine enorme Menge an Bäumen zu pflanzen. Gepriesen als Wunderwaffe gegen den Klimawandel, ist das Resümee 15 Jahre nach Beginn der Aktion ernüchternd: Die zugehörigen Zonen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán wurden durch Hurrikans geflutet. Viele der 6,3 Millionen dort gepflanzten Bäume überstanden das nicht.

Bis eine Eiche dickstämmig genug ist, um selbst widrige Bedingungen gut überstehen zu können, kann es Jahrzehnte dauern. Dafür müssen auch Temperatur und Feuchtigkeit stimmen.
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Die prinzipielle Idee der Aufforstung hat gewaltiges Potenzial: Die Ausweitung von Waldflächen könnten ein Viertel des benötigten Kohlenstoffs speichern, um die globale Erwärmung auf unter 1,5 Grad im Vergleich zu präindustriellen Levels zu halten – so die Szenarien des Weltklimarats IPCC. Dafür müssten bis 2030 jedes Jahr 24 Millionen Hektar Wald gepflanzt oder bewahrt werden.

Doch das ist nicht immer so einfach, sagt Karlheinz Erb, Sozialökologe und Professor für Landnutzung und globalen Wandel an der Universität für Bodenkultur in Wien. Die erste große Frage, die sich bei Bewaldungsprojekten stellt, dreht sich um den Standort. Während sich der englische Begriff "reforestation" auf Flächen bezieht, die bereits Wald getragen haben, ist das bei "afforestation" nicht zwingend der Fall. "In der Wüste kann man durchaus Bäume pflanzen. Aber es ist einleuchtend, dass ich dafür viele Betriebsmittel brauchte", sagt Erb.

Zu heiß oder zu kalt

Vor allem Hitze in Kombination mit Trockenheit ist in vielen Fällen ein limitierender Faktor. Sieht man sich an, wie viele Orte weltweit überhaupt das Potenzial dafür hätten, verringert sich die Fläche stark. Denn um das Energiesystem kohlenstoffneutral zu bekommen, brauchte man laut IPCC-Szenarien eine Verdopplung des heutigen Ackerlands. "Da muss man sich schon fragen: Wo will man diese Flächen herkriegen?", fragt der Wissenschafter.

Er und seine Kollegen berechneten, dass rund drei Viertel der terrestrischen Landoberfläche von Menschen genutzt werden. Der Großteil des restlichen Viertels ist entweder zu heiß, etwa in Wüsten, oder zu kalt, wie in den Polarregionen. Und die unberührten Teile des tropischen Regenwalds eignen sich freilich nicht für Aufforstungsprojekte. Also bleiben landwirtschaftlich genutzte Regionen. Um Flächenkonflikte zu vermeiden, müsste man die Nutzung intensivieren – vor allem in Afrika.

Doch selbst damit ist es nicht getan: "Waldfläche ist nicht Waldfläche. Wir brauchen Wälder, die groß und dickstämmig sind sowie resilient – also wenig anfällig für Störungen", sagt Erb. Bis ein Baum sein Potenzial entfaltet, Kohlenstoff zu speichern, dauert das 50 Jahre. Stirbt er durch Dürre, Schädlinge oder frühzeitige Nutzung vor dieser Frist, kann man dieses Potenzial nicht ausschöpfen.

Nicht nur die Frage, was der Wald für den Klimawandel tun kann, ist wichtig. Auch ist nicht lückenlos geklärt, was der Klimawandel für die Bäume und deren Zusammenleben bedeutet. Im Klimaforschungswald, einem Projekt des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW), der OMV und des Landwirtschaftsministeriums, steht diese Frage im Mittelpunkt. Ist die Waldausstattung, die Zusammensetzung der Bäume – auch jene, die wir in 100 Jahren haben werden – gewappnet für das, was auf uns zukommt?

Welche Bäume halten Schritt?

Um diese Fragen zu beantworten, wurde ein rund sechs Hektar großes Waldstück in der Gemeinde Matzen-Raggendorf im Weinviertel gewählt und im Juni eröffnet. "Schon heute gibt es dort extreme Wetterbedingungen: Es ist trocken, es gibt wenig Niederschlag. Solche Bedingungen werden wir zukünftig womöglich in vielen Gebieten Österreichs sehen", sagt Peter Mayer, Leiter des BFW.

Bewusst schwierige Bedingungen sollen Aufschluss darüber geben, wie ein klimafitter Wald aussehen könnte. Und vor allem: Welche Bäume wie mit dem Klimawandel Schritt halten können. So werden 35 verschiedene Baumarten, darunter Eichen, seltene Laubbäume und Kiefern, getestet. "Bei Anpassungen, zum Beispiel an Trockenheit, ist es interessant zu sehen, ob es genetische Unterschiede innerhalb der Arten gibt", sagt Mayer.

Man könne so erkennen, wer – unter Anführungszeichen – Gewinner, wer Verlierer ist und dadurch Empfehlungen für die österreichische Forstwirtschaft geben. Auch private Aufforstungsprojekte könnten davon profitieren: "Unser Anspruch ist es, Entscheidungsgrundlagen zu liefern, die auf Fakten basieren. Idealerweise können Projekte auf diese Weise weitere Schritte setzen."

Zeitproblem Klimawandel

Klar ist: In der Vergangenheit ist beim Bäumepflanzen nicht immer alles ideal gelaufen. Auch kommt immer wieder die Kritik auf, Unternehmen würden sich aus der Verantwortung stehlen: Sie pflanzten Bäume, um CO2-Emissionen "auszugleichen" – eine Praktik, die viele als Greenwashing bezeichnen würden.

"Ich kenne den Vorwurf, und man muss ihn sehr ernst nehmen. In unserem Fall sprechen wir aber von grundlegend unterschiedlichen Dingen", sagt BFW-Leiter Mayer. Der Klimaforschungswald soll auch nach 2030 weitergeführt werden, die Ergebnisse sollen auf andere Projekte Einfluss nehmen. Bis dahin sollen Wachstum, Zusammensetzung und generelle Entwicklung des Waldes stetig dokumentiert werden, um in zehn Jahren Resümee ziehen zu können.

Trotz der Fallen, die es beim Pflanzen von Bäumen – als Klimaschutzmaßnahme oder infolge einer Klimaanpassung – gibt, können aber sogar schnelle Baumpflanzaktionen vorteilhaft sein, sagt Karlheinz Erb: "Wir haben mit dem Klimawandel ein Zeitproblem. Und auch wenn hier nicht immer der Goldstandard angewendet wird, ist das trotzdem einer der wenigen Mechanismen, die wir haben, um relativ schnell relativ viel Kohlenstoff zu binden." (Katharina Kropshofer, 9.7.2021)