Während in Spanien die Mehrheit der Altersgruppen über 40 dank der Impfung weitgehend immun ist, stecken sich immer mehr Zwölf- bis 29-Jährige mit dem Coronavirus an.

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Kaum hat Spanien die Maskenpflicht im Freien weitgehend aufgehoben und das Nachtleben wieder zugelassen, gehen die Neuinfektionen nach oben. Es besteht kein Zweifel: Das Land auf der Iberischen Halbinsel, das eigentlich diesen Sommer wieder internationale Touristen anziehen wollte, befindet sich in einer neuen Covid-19-Welle. Nach März und Spätsommer 2020, nach der Nachweihnachtszeit und dem Frühjahr 2021 ist es bereits die fünfte.

In Spanien lag die Zahl der Neuinfektionen am Dienstag bei knapp 157 Fällen pro 100.000 Einwohner und Woche. Am Freitag waren es noch 101. Covid scheint einmal mehr außer Kontrolle. Von der fünften Welle sind bisher vor allem die Region Katalonien im Nordosten des Landes, Kantabrien im Westen und Castilla y León im Zentrum betroffen. Doch auch Urlaubsgebiete wie Valencia und die Balearen haben die Hunderterinzidenz weit hinter sich gelassen. Zum Vergleich: In Österreich waren es gerade einmal 6,1 pro 100.000 Einwohner und Woche.

Vor allem Junge betroffen

Die allgemeinen Zahlen aber sagen nur wenig darüber aus, was tatsächlich geschieht. Spanien hat sich in ein Land der zwei Geschwindigkeiten verwandelt. Während die Mehrheit der Altersgruppen über 40 dank der Impfung weitgehend immun ist, stecken sich immer mehr Zwölf- bis 29-Jährige an. In dieser Altersgruppe liegt die Zahl der Neuinfektionen je nach Region bis zu viermal über jener der Gesamtbevölkerung. Covid breitet sich hier so schnell aus, dass Spanien zu Monatsbeginn in nur 48 Stunden um mehr als einen Monat in der Statistik zurückgefallen ist. Die Öffnung des Nachtlebens sowie das Ende des Schul- und Studienjahres mit den zahlreichen Abschlussfeiern haben die Infektionen beschleunigt.

Die Betroffenen weisen meist nur schwache bis gar keine Symptome auf. Allerdings befürchten Experten, dass sie diejenigen unter den Älteren anstecken könnten, die bisher nur eine Impfdosis erhalten haben. Vor allem bei den über 60-Jährigen, die Astra Zeneca gespritzt bekamen, besteht diese Gefahr, da zwischen der ersten und zweiten Impfung zwischen drei und vier Monate vergehen. In Katalonien wurde die Wartezeit zwischen den Impfungen für über 60-Jährige daher auf acht Wochen verkürzt. Ab dem Wochenende wird dort auch das Nachtleben in geschlossenen Räumen dichtgemacht, nur Freiluftdiscos und Musikbars bleiben erlaubt.

Noch bleibt die Zahl der Intensivpatienten niedrig, die Sterberate ebenfalls. Die Welle unter jungen Leuten droht aber die medizinische Erstversorgung zu belasten. Noch ist die britische Variante vorherrschend. Allerdings steigen die Infektionen mit der Delta-Variante rasant. Im Nachbarland Portugal sahen sich die Gesundheitsbehörden dadurch sogar gezwungen, erneut ganze Regionen abzuschotten.

Mehr Tempo beim Impfen

Die fünfte Welle könnte den Traum von der wirtschaftlichen Erholung dank des Sommertourismus zunichtemachen. Das deutsche Robert-Koch-Institut hat Katalonien und Kantabrien bereits auf die Liste der Risikogebiete gesetzt. Großbritannien, der wichtigste Markt für Strand und Sonne, hat die Quarantäne für Spanien-Heimkehrer mit Ausnahme für Rückkehrer von den Balearen nie abgeschafft.

Jetzt soll, so verspricht das Gesundheitsministerium in Madrid, die Impfkampagne beschleunigt werden. Bisher haben 56,7 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten. 40,9 Prozent sind komplett geimpft. Anders als in Deutschland wurde die Priorisierung nach Altersgruppen in Spanien nie aufgehoben. Erst jetzt gibt es erste Ausnahmen.

Katalonien beginnt damit, parallel zum bisherigen Plan die 19- bis 30-Jährigen zu impfen. In den restlichen Regionen sind die Impfungen bei den über 40- bzw. über 35-Jährigen angelangt. Jugendliche, die zum Studium ins Ausland gehen, können per Internet einen Impftermin außerhalb der Reihung buchen. (Reiner Wandler aus Madrid, 6.7.2021)