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PRO: Weiter vorsichtig bleiben

von Thomas Mayer

Ein halbes Jahr nach dem Start der Corona-Impfungen haben wir als Gesellschaft guten Grund, erleichtert zu sein. Anlass zu Leichtsinn gibt es aber nicht. Es wäre ein schwerer Fehler, jetzt schon die totale Öffnung, die Rücknahme aller Pandemiemaßnahmen zu propagieren.

Die Zahl der Covid-19-Kranken in Spitälern geht zwar stark zurück. Ein "normales Leben" wie vor Corona wird es dennoch noch lange nicht geben. Kluge Bürger sollten weniger auf Politiker hören, die voll Selbstlob "Rückkehr zur Normalität" propagieren. Wir müssen uns mehr an seriöse Wissenschafter halten. Dorothee von Laer etwa, sie warnt vor einem "Flächenbrand" durch die Delta-Variante, wenn man riesige Konzerte wie das Frequency zuließe. Das Robert-Koch-Institut sagt, wegen ihrer hohen Ansteckungskraft müssten 85 Prozent der Bürger vollimmunisiert sein, um sie zu stoppen.

Davon ist man in Österreich weit weg. Es geht auch nicht nur darum, Intensivstationen zu entlasten, Tote zu vermeiden. Zehntausende weitere Fälle von Long Covid wären eine Riesenlast. Vulnerable müssen geschützt werden. Man schaue nach Großbritannien, Portugal, Spanien: Dort explodieren gerade Infektionszahlen bei Strandpartys und in Fanzonen.

Das bedeutet: Wir müssen weiter Hygienemaßnahmen wie Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen pflegen. Wo Leute – auch Abgeordnete! – sich asozial verhalten, andere fahrlässig gefährden, muss der Staat restriktiv vorgehen. (Thomas Mayer, 7.7.2021)

KONTRA: Anders als im Vorjahr

von Eric Frey

Viele sehen es als reinen Leichtsinn: Während sich die ansteckendere Delta-Variante des Sars-CoV-2-Virus ausbreitet und die Infektionszahlen auch in Ländern mit hohen Durchimpfungsraten wieder steigen, wird in Österreich fröhlich gelockert. Haben wir von der katastrophalen Entwicklung im vergangenen Herbst denn nichts gelernt?

Doch. Und genau deshalb sollte man jetzt nicht in Panik verfallen und die nächste tödliche Welle an die Wand malen. Anders als im Vorjahr ist die Mehrheit der Bevölkerung bald durchgeimpft. Die Vakzine schützen nur zum Teil vor Ansteckung – deshalb wird die Inzidenz nach dem Sommer wieder steigen. Aber sie schützen vor schweren Erkrankungen. Deren Zahl gering zu halten und die Überlastung der Spitäler zu verhindern ist das einzig legitime Ziel der Anti-Corona-Politik mit ihren Eingriffen in Lebensqualität und Grundrechte.

Dieses Ziel ist auch in Großbritannien und Israel, wo die Delta-Variante grassiert, nicht in Gefahr. Die Jungen, die sich nun häufiger anstecken, erkranken sehr selten schwer; auch das gefürchtete Long Covid geht für die meisten vorbei.

Dank seiner Mutationsfreudigkeit wird das Coronavirus nicht wieder verschwinden. Wir werden lernen müssen, damit zu leben. Leben beinhaltet soziale Kontakte, offene Schulen, eine florierende Wirtschaft sowie große Kultur- und Sportveranstaltungen. Solange das Virus nicht zahlreiche Leben bedroht, gibt es keinen Grund, auf all das zu verzichten. (Eric Frey, 7.7.2021)