Achtzehn Monate hat die Europäische Zentralbank (EZB) sich der Frage gestellt, ob ihre Strategie noch zeitgemäß ist. Christine Lagarde, die die EZB seit November 2019 führt, hatte diese Generalüberholung bei ihrem Amtsantritt angekündigt. Jetzt stehen die neuen Eckpfeiler der EZB fest.

Neufassung des Inflationsziels

Im Mittelpunkt der neuen Strategie steht eine Neufassung des Inflationsziels. Dieses hatte die EZB bisher mit "unter, aber nahe an zwei Prozent" festgemacht für eine mittlere Preisstabilität. Nun liegt dieser Wert bei zwei Prozent. Zudem soll es künftig mehr Spielraum geben, um bei Bedarf einen höheren Wert als Inflationsziel zuzulassen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde wollte seit ihrem Amtsantritt wesentliche Punkte neu diskutieren. Das ist nun passiert. Ein wenig Bewegung gibt es bei der Inflation.
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Zu verstehen ist das neue Inflationsziel als symmetrisch. Das heißt, dass eine Abweichung nach oben und nach unten gleichermaßen unerwünscht ist. "Liegen die Zinsen in einer Volkswirtschaft in der Nähe ihrer effektiven Untergrenze, so sind besonders kraftvolle oder langanhaltende geldpolitische Maßnahmen nötig, um zu verhindern, dass sich negative Abweichungen vom Inflationsziel verfestigen", erklärt ein Notenbanker. Gegebenenfalls sei auch eine Übergangszeit hinzunehmen, in der die Inflation leicht über dem Ziel liege. Die EZB ist damit nicht mehr unmittelbar zum Reagieren gezwungen, sollten die Inflationsraten in den 19 Staaten des Währungsraums zeitweilig nach oben oder nach unten vom prozentualen Ziel abweichen.

Laut Lagarde sei nun klar, dass die Zwei-Prozent-Marke nicht die Obergrenze ist. Das neue Ziel sei daher klar und leicht zu kommunizieren, betonte die EZB-Präsidentin. Die Entscheidung, das Inflationsziel neu zu fassen, sei im EZB-Rat einstimmig getroffen worden.

Mit diesem Inflationsziel ist die EZB international in guter Gesellschaft. Viele wichtige Notenbanken machen die Preisstabilität an dieser Marke fest. Die US-Notenbank hatte bereits signalisiert, dass sie ein zeitweises Überschießen des Ziels erlauben wird.

Eigentum im Warenkorb

Die Euro-Währungshüter empfehlen zudem, künftig auch die Preise für selbstgenutzte Wohnimmobilien mit in die Berechnung der Inflationsrate aufzunehmen, die für sie ein zentraler Gradmesser für ihre Geldpolitik sind. Dies sieht die EZB jedoch als längeren Prozess, denn die EZB hat es nicht allein in der Hand, darüber zu entscheiden, anhand welcher Kriterien die europäische Statistikbehörde Eurostat und die nationalen Statistikbehörden die Inflationszahl berechnen.

Im Unterschied zu anderen Währungsräumen wie etwa den USA sind die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum nicht im Warenkorb der Eurostat enthalten. Bislang werden dort nur Mieten erfasst.

Klima im Fokus

Dem Klimaschutz will die EZB in ihrer Geldpolitik ein größeres Gewicht geben. Dazu hat der EZB-Rat einen Aktionsplan beschlossen. Details zu diesem Plan wollen die Währungshüter erst im kommenden Jahr veröffentlichen.

Ökologische Nachhaltigkeitsüberlegungen sollen jedenfalls systematischer in der Geldpolitik berücksichtigt werden. Beim Kauf von Unternehmensanleihen hat die EZB bereits damit begonnen, "relevante Risiken des Klimawandels" in ihren Prüfverfahren für den Ankauf von Vermögenswerten zu berücksichtigen, erklärten EZB-Experten. Lagarde hatte sich wiederholt für mehr Engagement der EZB für Klima- und Umweltschutz ausgesprochen.

Ob Notenbanken umweltpolitische Ziele mit ihrer Geldpolitik unterstützen sollten, ist unter Notenbankern und Ökonomen aber hochumstritten.

Klare Ansage

"Es ist zu begrüßen, dass der EZB-Rat sich bei seinem neuen Inflationsziel nicht auf einen ausdrücklichen Bezug auf die Durchschnittsinflationsrate eingelassen hat", kommentiert Friedrich Heinemann vom ZEW-Institut die Ergebnisse. Dies wäre als klare Ansage verstanden worden, nun erst einmal jahrelang eine Inflation auch weit über zwei Prozent zuzulassen. Gleichwohl bereite das neue Ziel höheren Inflationsraten den Weg. "Weil eine Inflation unter zwei Prozent jetzt als genauso schlecht wie eine Inflation über zwei Prozent gilt, wird es der EZB-Rat noch leichter haben, in den kommenden Jahren eine Fortdauer der extrem lockeren Geldpolitik und der Anleihekäufe zu rechtfertigen", sagt Heinemann.

Die EZB hatte zuletzt 2003 ihre Strategie überarbeitet und ihr mittelfristiges Preisstabilitätsziel von 1998 präzisiert. Bis dahin lautete es "unter zwei Prozent" und wurde auf "unter, aber nahe zwei Prozent" angepasst. (Bettina Pfluger, 8.7.2021)