Am 21. Juni 1970 verlor Sandro Mazzola mit Italien das WM-Finale gegen das damals übermächtige Brasilien mit 1:4.

Foto: imago images/Sven Simon

Mazzola (2. v. links): "Ich hatte als Jugendlicher ein Fußballtrikot, das von meiner Mutter immer wieder geflickt wurde."

Foto: AP/Luca Bruno

Euro-Ticker, das Finale: Italien vs. England, So., 21 Uhr

Sandro Mazzola genießt in Italien Legendenstatus, vor allem in der Lombardei. Der gebürtige Turiner, dessen Vater Valentino ebenfalls ein begnadeter Fußballer beim AC Turin war und 1949 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, holte Mitte der 1960er mit Inter Mailand zweimal den Meistercup und wurde 1968 mit der Squadra Azzurra Europameister. Die Inter-Ikone nahm zudem an der WM 1970 in Mexiko teil, wo Italien Vizeweltmeister wurde. Heute lebt der 78-Jährige in Monza und ist Fußballkommentator im italienischen Fernsehen.

STANDARD: Signor Mazzola, Italien steht im Finale der Europameisterschaft. Kann es sein, dass Fortuna es im Halbfinale gegen Spanien zu gut gemeint hat mit dem Team von Roberto Mancini?

Mazzola: Spanien lieferte in der Tat das beste Spiel bei diesem Turnier und war mehr als ein ebenbürtiger Gegner für die Squadra Azzurra. Aber wir haben uns das Glück mit den bisherigen Auftritten auch verdient. Insofern gönne ich es den Burschen, die meine Erwartungen in diesem Turnier mehr als übertroffen haben.

STANDARD: Die Squadra Azzurra wird in den Medien mit Lobeshymnen regelrecht überhäuft. Wie hoch ist der Anteil von Mancini an diesem Entwicklungsprozess?

Mazzola: Er ist der Architekt dieses Konstrukts. Er hat das Team in einer sehr schwierigen Zeit übernommen, nach der misslungenen Qualifikation zur WM 2018, und hat daraus eine verschworene Einheit gebildet. "Mancio", den ich sehr gut kenne und wertschätze, hat es mit viel Empathie geschafft, dass seine Burschen mit Herz und Solidarität auf dem Platz agieren.

STANDARD: Jetzt kommt es am Sonntag im Wembley-Stadion zum großen Finale gegen England. Können die Italiener die geplante Party des Gastgebers vermasseln?

Mazzola: Meiner Meinung nach stehen im Endspiel die zwei besten Mannschaften des Turniers. Eine bessere Paarung kann man sich als Fußballfan gar nicht wünschen. Es sind zwei Teams mit unterschiedlicher Veranlagung und Ausrichtung, die jedoch einen sehr schönen und erfolgreichen Fußball praktizieren. Und beide haben einen Entwicklungsprozess hinter sich. Natürlich gebietet es sich nicht, den Gastgeber zu brüskieren, aber ich hoffe, dass Italien trotzdem den Engländern vor heimischer Kulisse einen Strich durch die Rechnung macht.

STANDARD: Wie haben Sie dieses paneuropäische Turnier inmitten einer Pandemie und mit dem dramatischen Vorfall um den dänischen Inter-Spieler Christian Eriksen erlebt?

Mazzola: Wenn man bedenkt, dass früher vier beziehungsweise acht Mannschaften um den Titel kämpften, war das hier eine sehr große Nummer. Vor allem für die Länder, die auch Spiele ausgerichtet haben. Und die halb leeren Stadien waren ein kleiner Hoffnungsschimmer nach einer langen, düsteren Periode, in der es nur Geisterspiele gab. Zu Eriksen, den ich als Spieler und Persönlichkeit sehr mag, möchte ich nur sagen, dass die Erleichterung und die Zuversicht nach dem glimpflichen Verlauf seines Dramas überwiegen. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich ihn weiterhin im Inter-Trikot spielen sehen kann. Aber natürlich ist das fraglich.

STANDARD: Sie sind 1968 in Rom mit Italien Europameister geworden. Empfinden Sie es als Beleidigung, wenn manche behaupten, es wäre pures Glück gewesen?

Mazzola: Na gut. Es waren ja nur vier Teams am Start. Wir hatten das Glück auf unserer Seite beim Halbfinale gegen die Sowjetunion, die damals eine sehr starke Mannschaft aufgeboten hat, auch wenn ihr legendärer Torhüter Lew Jaschin, nicht am Turnier teilgenommen hat. Nach einem torlosen Spiel entschied der Münzwurf für den Einzug ins Finale gegen Jugoslawien, das ebenfalls sehr stark besetzt war. Wir benötigten ein Wiederholungsspiel, nachdem das erste Endspiel mit 1:1 zu Ende gegangen war. Im zweiten Spiel, vor heimischer Kulisse in Rom, haben wir dann dank der Tore von Luigi Riva und Pietro Anastasi 2:0 gewonnen und sind Europameister geworden.

STANDARD: Zwei Jahre später bestritten Sie mit Italien bei der WM in Mexiko das historische Halbfinale gegen Deutschland, das die Fußballchronisten als Jahrhundertspiel tituliert haben. War der 4:3-Erfolg über Beckenbauer und Kollegen letztendlich ein Pyrrhussieg, zumal Sie anschließend im Finale Brasilien mit 1:4 unterlegen waren?

Mazzola: Schwer zu sagen. Einerseits bin ich froh, dass das Spiel sportlich entschieden wurde, weil bei Unentschieden erneut der Münzwurf den Finalteilnehmer bestimmt hätte. Andererseits waren wir ganz ausgelaugt und am Ende unserer Kräfte. Aber unabhängig von der Last dieses epochalen Spiels besaß unser Finalgegner Brasilien eine Mannschaft, die extrem stark gewesen ist. Pelé, Rivelino, Jairzinho. Mamma mia, waren das Spieler!

STANDARD: Ihr Verein Inter Mailand holte in der abgelaufenen Saison nach elfjähriger Dürrezeit wieder den "Scudetto". Markiert dieser Meistertitel den Beginn einer neuen Ära, oder bleibt er eine Parenthese in der von Juventus dominierten Liga?

Mazzola: Ich tue jetzt so, als ob ich den zweiten Abschnitt der Frage überhört habe. Der Titel von Inter war in meinen Augen mehr als verdient und ist auf die hervorragende Arbeit von Antonio Conte und der konstant guten Mannschaftsleistung zurückzuführen. Natürlich hoffe ich als "Interista", dass wir den Erfolg wiederholen werden. Aber letztendlich kann man das nicht ankündigen – lediglich hoffen.

STANDARD: Der kürzlich verstorbene Juventus-Präsident Giampiero Boniperti hatte Sie zu Ihrer aktiven Zeit regelrecht bekniet, um ins Piemont zu kommen. Woran scheiterte der Wechsel?

Mazzola: Boniperti war ein großer Bewunderer meines Vaters, der beim Lokalrivalen AC Turin spielte und hat ihn stets beim Training verfolgt. In der Tat war ich kurz davor, einen Vertrag bei Juventus zu unterschreiben. Als meine Mama das mitbekommen hat, war sie fuchsteufelswild geworden und entschieden dagegen. "Dein Papa wird sich im Grab umdrehen", sagte sie mir, und so fand das ganze Unterfangen sein jähes Ende.

STANDARD: Sie spielten mehr als 17 Jahre für Inter Mailand. Können Sie die heutigen Spieler verstehen, die bei einer verlockenden Offerte sofort das Weite suchen?

Mazzola: Die Zeiten haben sich geändert, und es ist viel Geld im Umlauf. Zu meiner Zeit als Kind und Jugendlicher hatte ich ein Fußballtrikot, das von meiner Mutter immer wieder geflickt wurde und das ich nie hergegeben habe. Und wenn es ein Loch hatte, ließ ich es oft so, weil ich meinte, dass es mir Glück bringen wird. Heute sehe ich Spieler, die bei einem Torerfolg das Vereinswappen auf dem Trikot küssen, um den Fans ihre Loyalität zu signalisieren. Ich kann mir dabei mein Lächeln schwer verkneifen. (Dimitrios Dimoulas, 10.7.2021)