Die russische Regierung wünscht sich eine höhere Impfbereitschaft.

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Albert ist ein strikter Impfgegner. "Im Notfall kaufe ich mir ein gefälschtes Zertifikat", sagt er. Angesichts der dramatisch gestiegenen Zahlen sind die Moskauer Behörden nämlich nun zu einem strikten Impfkurs übergegangen. Ihre Forderung: Bis Mitte Juli sollen 60 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor zumindest die erste Spritze bekommen haben. Albert gehört als Friseur in diese Gruppe.

Doch der Familienvater hat kein großes Vertrauen in die russischen Impfstoffe. Und er ist kein Einzelfall. Der jüngsten Umfrage des Lewada-Zentrums zufolge wollen sich 54 Prozent der Russen nach wie vor nicht impfen lassen. Das sind zwar weniger als im April (62 Prozent), aber immer noch weit mehr als in den meisten anderen Ländern. Als häufigste Ursache ihrer Ablehnung nennen die Befragten mögliche Nebenwirkungen (33 Prozent), weitere 20 Prozent erklärten, abwarten zu wollen, bis die Testphase abgeschlossen sei, 16 Prozent halten die Impfung prinzipiell für zwecklos. Daher floriert das Geschäft mit falschen Impfzertifikaten.

Dabei liegt die Ursache des Misstrauens weniger in den Präparaten selbst. Das erste von Russland entwickelte Vakzin Sputnik V beispielsweise wird auch in internationalen Fachblättern durchaus gelobt. Problematisch ist vielmehr die Informationspolitik des Kremls selbst.

Späte Impfung ohne Kameras

So ließ sich Präsident Wladimir Putin selbst relativ spät impfen. Während seine Tochter angeblich schon vor der Zulassung des ersten russischen Impfstoffs im vergangenen Sommer damit gespritzt wurde und die Massenimpfungen in Russland im Dezember begannen, ließ sich der Präsident selbst am 23. März erstmals impfen. Die zweite Dosis erhielt Putin am 14. April.

In beiden Fällen waren – im Gegensatz zur Impfung von US-Präsident Joe Biden – keine Kameras zugelassen. Putin, der sich in der Vergangenheit schon mehrfach – unter anderem beim Pferdereiten in Sibirien oder beim Amphorentauchen im Schwarzen Meer – mit nacktem Oberkörper hatte abbilden lassen, begründete dies damit, dass ihm das Posieren für die Kameras nicht gefalle und er auch niemanden nachäffen wolle.

Auch das verwendete Vakzin verriet der Kreml monatelang nicht. Putins Sprecher Dmitri Peskow begründete dies damit, dass alle (vier) russischen Impfstoffe gut seien und die Regierung keinen benachteiligen wolle. Die Gründe für die Verschwiegenheit sind nachvollziehbar. Sie trug allerdings nicht dazu bei, die Impfskepsis der Russinnen und Russen abzubauen.

Glaubwürdigkeitsproblem

Das hat Putin wohl inzwischen selbst eingesehen, weshalb er bei seiner TV-Audienz Ende Juni endlich das Geheimnis lüftete und erklärte, er habe sich Sputnik V injizieren lassen. Das Geständnis sollte dazu dienen, die Impfbereitschaft der Russen zu heben. Das gelang wohl vor allem bei der älteren Bevölkerung, der Stammwählerschaft Putins. Speziell ältere Frauen gingen anschließend zu den Impfzentren, um sich nun doch impfen zu lassen.

Viele jedoch blieben weiter skeptisch. Der Publizist Anton Orech begründet dies mit dem grundsätzlichen Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der eigenen Obrigkeit. Sie sei seit Jahrzehnten Betrug und das alleinige Stillen eigener Interessen von Amtsträgern gewohnt, sei es bei der ungerechten Verteilung des Volkseigentums, bei der Korruption oder zuletzt bei der Anhebung des Pensionsalters und der Umschreibung der Verfassung zur Amtszeitverlängerung (beides jeweils entgegen anderslautender Versprechen). "Wer sich ständig als Falschspieler an den Tisch setzt, kann von seinem Gegenüber nicht erwarten, dass er dir plötzlich glaubt", urteilte Orech.

Vermeintlich endgültiger Sieg

Dieses Misstrauen ist ein idealer Nährboden für Verschwörungsmythen aller Art. Beim Thema Covid-19 ist die Informationspolitik in Moskau ebenso ausbaufähig. Zahlen und Aussagen sind widersprüchlich oder irritierend. So druckte der Kreml bereits vor gut einem Jahr zum Tag Russlands am 12. Juni Millionen Sticker mit der Aufschrift "Endgültiger Sieg gegen Corona". Davon ist das Land derzeit mit selbst offiziell weit über 700 Toten pro Tag immer noch weit entfernt.

Über die Zahl der Geimpften gibt es keine offizielle und offen zugängliche Statistik. Dafür gibt es bei der Zahl der Covid-Erkrankungen und –toten sogar drei Statistiken. Dabei unterscheiden sich die in der Öffentlichkeit gehandelten Opferzahlen des Covid-Operationsstabs und die medial weniger beachteten Zahlen der Statistikbehörde Rosstat rigoros. Hat der Covid-Operationsstab bis einschließlich 11. Juli "nur" 143.000 Covid-Tote registriert, fixierte Rosstat schon Ende März fast 250.000 Tote mit Covid-Diagnose.

Unstimmigkeiten der Statistik

Und selbst diese Zahlen erzählen noch nicht die ganze Wahrheit. Denn im gleichen Zeitraum belief sich die Übersterblichkeit in Russland auf eine halbe Million. Demographen verweisen auf Unstimmigkeiten der Statistik: So zählen beispielsweise die Teilrepubliken Tschetschenien und Tatarstan zu den Regionen mit den offiziell niedrigsten Covid-Opferzahlen, während sie gleichzeitig am schwersten von der Übersterblichkeit betroffen sind.

Auffällig waren die statistischen Spielereien speziell bei der Fußball-Europameisterschaft. In Russland fanden bis zum Viertelfinale mehrere Spiele statt, die Lage war offiziell mit täglich etwa 600 Infizierten absolut unter Kontrolle. Allein angesichts der hohen Belegung von Krankenhausbetten stellte sich das aber als falsch heraus. Kurz nach dem letzten Spiel in St. Petersburg explodierten die Zahlen dann auch offiziell.

Das Drücken der Statistik hat bei vielen Russinnen und Russen das Gefühl einer trügerischen Sicherheit geweckt. Auch dies trägt nicht dazu bei, die Impfbereitschaft der Bevölkerung zu erhöhen. Es ist daher fraglich, ob Putins Aufruf fruchtet, sich aktiver an der Impfkampagne zu beteiligen. Denn das Signal der Dringlichkeit einer solchen Impfung vermittelt der Kreml bis heute nicht. (André Ballin aus Moskau, 11.7.2021)