Trainer Gareth Southgate kümmerte sich nach dem Match um seine glücklosen Spieler.

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In den Stolz übers Erreichen des EM-Finales und die Traurigkeit über die Niederlage mischte sich am Montag für viele englische Fußballfans die Empörung über das Verhalten von Hooligans und Rassisten.

Schon vor dem Spiel war eine Gruppe ticketloser Engländer ins Londoner Wembley-Stadion eingedrungen. Nach dem Spiel lieferten sie sich ein Gefecht mit der Polizei. Online mussten sich die drei schwarzen Unglücksschützen im Elfmeterschießen "widerwärtige Beschimpfungen" anhören, wie auch Premierminister Boris Johnson bemerkte. Scotland Yard ermittelt.

Der auf der Insel zuletzt in höchsten Tönen gelobte Nationaltrainer Gareth Southgate nahm bei seiner Pressekonferenz am Montag die Verantwortung für die Reihenfolge der Penalty-Schützen auf sich: "Das war meine Entscheidung. Für die Spieler ist es herzzerreißend, aber sie trifft keine Schuld."

Jadon Sancho und Marcus Rashford, deren Vorfahren aus der Karibik stammen, waren das gesamte Turnier über kaum zum Einsatz gekommen und wurden erst in der 120. Minute eingewechselt. Auch der 19-jährige Bukayo Saka, Sohn nigerianischer Eltern, gehörte nicht zur Stamm-Mannschaft.

Den Rassismus gegen das Trio bezeichnete Southgate als "unverzeihlich". Einige der Postings auf unsozialen Netzwerken seien aus dem Ausland gekommen, einiges stamme aus dem eigenen Land.

Erinnerungen an 1996

Es war der 25-jährige Southgate gewesen, der im EM-Halbfinale 1996 mit dem letzten Elfmeter am deutschen Keeper Andreas Köpke scheiterte. Diesmal teilten sich drei junge Männer das Schicksal als Unglücksraben.

Southgate berichtete von Niedergeschlagenheit und einer "sehr ruhigen" Atmosphäre in der Umkleide. "Sie können sich vorstellen, wie es dort aussieht", sagte der 50-Jährige. Dennoch sei der Coach stolz auf seine Spieler.

Vor dem Match gingen die Teams auf die Knie, um gegen Rassismus zu protestieren.
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"Sie haben mehr geschafft als jedes andere englische Team in 55 Jahren. Sie sollten dieses Turnier mit erhobenen Köpfen verlassen." Die Three Lions hatten ihr erstes großes Finale seit 1966 erreicht, scheiterten aber wie schon oft in der Vergangenheit im Elfmeterschießen.

Southgate und seine Spieler können für sich in Anspruch nehmen, konsequent gegen Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe einzutreten. Wie seit mehr als einem Jahr bei sämtlichen Partien der Premier League kniet auch das Nationalteam vor jedem Spiel kurz nieder.

Ambivalenter Johnson

Als diese von der amerikanischen "Black Lives Matter"-Bewegung übernommene Geste der Solidarität in die Kritik geriet, nicht zuletzt durch Innenministerin Priti Patel ("unnötig Uneinigkeit stiftend"), und von einer Minderheit ausgepfiffen wurde, verteidigte Southgate seine Mannschaft. Für die Spieler aller Hautfarben bleibe es wichtig, an die Benachteiligung ethnischer Minderheiten zu erinnern.

Der jetzt empörte Regierungschef Johnson verhielt sich in der Kontroverse ambivalent. Zu Beginn der Europameisterschaft mochte er weder die Nationalelf für ihre Geste noch die Kritiker für deren Pfiffe loben.

Der Journalist Johnson ist bereits wiederholt wegen diskriminierender oder sogar klar rassistischer Sprache angeeckt; immer wieder wurde aus seiner Reaktion deutlich, dass er in provokativer Absicht gehandelt hatte.

Den Begriff "piccaninies" für schwarze Kinder benutzte er zu Beginn des Jahrhunderts noch, als dessen Verwendung längst verpönt war. Vollverschleierte Musliminnen glichen einem "Briefkastenschlitz" oder "Bankräubern", schrieb Johnson noch 2018.

Prinz William: "Widerliche Beschimpfungen"

Als im Frühjahr Meghan Markle, die Herzogin von Sussex, dem Königshaus Rassismus vorwarf, brachten Umfragen einen interessanten Generationenkonflikt zum Vorschein. Auf die Frage "Wurden Prinz Harry und Meghan vom Königshaus unfair behandelt?" antworteten lediglich 15 Prozent der über 65-Jährigen mit Ja.

Bei den jungen Erwachsenen lag der Anteil hingegen bei 60 Prozent. Wohl an Letztere gewandt verteidigte Harrys Bruder William damals die Monarchie: "Wir sind ganz bestimmt keine rassistische Familie."

Am Montag nahm der Zweite der Thronfolge und Schirmherr des Fußballverbands FA das Trio der Unglücksraben in Schutz: Die "widerlichen Beschimpfungen" seien unakzeptabel, die Täter müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Ähnliche Appelle an Polizei und Internetfirmen wie Facebook richteten auch andere Prominente sowie Sakas Verein FC Arsenal und die FA selbst.

Immerhin wird das Verhalten der Hooligans ernst genommen und klar verurteilt. Als englische Spieler im Oktober 2019 während eines WM-Qualifikationsspiels in Sofia wüst beschimpft und mit Affenlauten begrüßt wurden, versuchte der damalige bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow die Vorgänge herunterzuspielen: "Die Dinge werden übertrieben."

Derart peinliches Wegsehen gehört auf der Insel schon seit mindestens zwei Jahrzehnten der Vergangenheit an. (Sebastian Borger aus London, 12.7.2021)