Am Morgen, nachdem die Apokalypse über Schuld hereingebrochen ist, blickt man in dem kleinen Eifelörtchen in Gesichter, die völlig fassungslos sind, verschreckt, ermüdet, ermattet. Ein Starkregen biblischen Ausmaßes hat das sonst beschauliche Flüsschen Ahr am Mittwochnachmittag in einen reißenden, alles niederwalzenden und wütenden Strom verwandelt.

Die sonst so gemütlich dahinfließende Ahr wurde nach dem Unwetter zu einem reißenden Strom.
Foto: EPA/SASCHA STEINBACH

Vier Häuser sind eingestürzt, zwei weitere so gut wie, einige andere wird man abreißen müssen. Gibt es Tote? Einige Menschen sollen nach wie vor vermisst werden, so ganz genau weiß das niemand, die Informationslage ist unklar. Auch, weil es seit Mittwochnachmittag im gesamten Ahrtal keinen Handy- und Telefonempfang mehr gibt, keinen Strom, kein fließendes Wasser. Einige Menschen versuchen verzweifelt, ihre Angehörigen in den Dörfern zu erreichen. Sie sind aus den Nachbarorten gekommen oder von weit her und bitten die Rettungskräfte, ihnen über Funk zu helfen.

Brücken zerstört

In Schuld haben die schlammbraunen Wassermassen zudem die Hauptstraße ins benachbarte Fuchshofen teilweise und eine Brücke über die Ahr zum gegenüberliegenden Ortsteil komplett weggerissen. Autos, Traktoren und Bagger sind weggespült worden, sie liegen auf der Seite, auf den Dächern, umspült von Schlamm, umgeben von ausgerissenen Bäumen, einer Kinderrutsche und einem Kühlschrank. Ein voll beladener Baucontainer ist 200 Meter durch den Ort gewirbelt worden und liegt ebenfalls auf der Seite. Der finanzielle Schaden wird viele Millionen Euro betragen, der seelische kaum zu heilen sein.

Das Dorfzentrum liegt in Trümmern.
Foto: Bernd LAUTER / AFP

Helmut Lussi ist seit zwölf Jahren Bürgermeister von Schuld mit seinen 800 Einwohnern. Und natürlich hat er eine solche Katastrophe noch nie erlebt. In den zwölf Jahren nicht und davor auch nicht. Dass die Ahr Hochwasser führt, dass sie über die Ufer tritt, all das kennt man in Schuld. Aus dem Jahr 2016 etwa, als im Ahrtal Menschen mit Hubschraubern gerettet werden mussten und die Schäden in die Millionen gingen. Einige verweisen auch auf das Jahrhunderthochwasser von 1910, das auch sie nur aus Erzählungen kennen. Damals sind im Ahrtal einige Menschen gestorben.

Doch damals trotzten die uralten Häuser an der Ahr den Wassermassen. Sie hielten und blieben stehen. Nach dem aber, was am Mittwochabend ab 17 Uhr über Schuld hereingebrochen ist, liegt ihr Schutt in Millionen Einzelteile verstreut auf der Straße. Es ist etwas passiert, das man in Schuld am Morgen danach nicht so recht begreifen kann und womöglich auch niemals so richtig wird aufarbeiten können.

Foto: Bernd LAUTER / AFP

Extreme Niederschläge

Lussi sagt: "Es ist unfassbar, wie schnell das Wasser kam und wie schnell es gestiegen ist. In einer Stunde etwa einen Meter." Schon Dienstagnacht hatte es extrem geregnet. Und es gab ja die Vorhersagen, in denen Unwetter und extremer Starkregen für Mittwochmittag bis Mitternacht angekündigt wurden. Also haben sich auch in Schuld viele Menschen auf ein Hochwasser eingestellt. Feuerwehr- und andere Rettungskräfte waren im Dauereinsatz – und am Ende doch fast völlig hilflos. Gegen diese unbegreifliche Flut kamen sie nicht an. "Der Fluss, der sonst 60 Zentimeter tief ist, stieg auf acht Meter an", so Helmut Lussi.

Die Häuser direkt an der Ahr wurden evakuiert. Ihre Bewohner kamen bei Freunden, Bekannten und im Hotel unter. Andere sind in ihren Häusern geblieben. Weil das Wasser im ersten Stock stand, sind Lucia Andrei und Liviu Pitigoi in den zweiten Stock geflüchtet. Ob sie denn keine Angst gehabt hätten, dass das komplette Haus über ihnen einstürzen könnte? "Doch, aber wo sollten wir denn hin? Um das Haus herum stand das Wasser doch überall meterhoch."

Ihre beiden Autos sind weg, sie haben sie im weiteren Umfeld auch nicht gesehen. Die Katzen immerhin haben die beiden, die seit einem Jahr in Schuld leben, gerettet. Und sich: "Zum Glück leben wir noch." Ob sie zurück in ihr Haus können – und ebenso verhält es sich mit vielen anderen Menschen im Ort –, wird ein Statiker bewerten müssen. Nicht jedes Haus, das von außen nicht so viel abbekommen zu haben scheint, ist auch innen noch stabil.

Hab und Gut verloren

"Das ist alles, was ich noch habe", sagt ein Anwohner aus der Ahrstraße in Schuld und hält ein Marmeladenglas in der Hand. Umgerechnet 40 Euro sind noch drin. "Es ist alles kaputt. Ich habe nichts mehr." Carina Adriaenssons aus der Bahnhofstraße hat noch ihre Katzen Cleo und Filius gerettet. Mit einem Körbchen, in dem sich die verschreckten Tiere ducken, und ein paar Lebensmitteln im Rucksack hat sie sich an diesem Donnerstagmorgen nach der schlimmen Nacht am Sammelplatz vor der Kirche eingefunden. Ebenso Herbert Welch, ein Rollstuhlfahrer aus der Hauptstraße. Er hat sich von seiner Parterrewohnung im Sitzen die Treppe in die oberen Stockwerke hinaufgeschleppt, um den Fluten zu entkommen. "Wir konnten sehen, wie die Häuser weggerissen wurden", erzählt er.

Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durch Schuld.
Foto: AP Photo/Michael Probst

Kaum glauben kann Kurt Thiesen, dass sein Lebensmittelgeschäft sich in ein schlammiges Schlachtfeld verwandelt hat. Selbst das Geld aus der Kasse hat die Flut weggespült. Mit Entsetzen registriert er, was passiert ist. "Mach die Augen zu", raten ihm Freunde aus dem Ort. Auch die Kfz-Werkstatt Hupperich gibt es nicht mehr. Und in der Landbäckerei Schlösser werden wohl noch lange keine Brötchen mehr verkauft werden. Die Infrastruktur des Dorfs ist nur noch zu erahnen. Das Gemeindehaus, gerade erst renoviert, existiert nicht mehr, ebenso mitgerissen von den gewaltigen Wassermasse wie die Schützenhalle. Wo der Spiel- oder der Tennisplatz einmal waren, lässt sich nur erahnen. Überall liegen die Reste von Baumstämmen, die das Wasser zusätzlich aufgestaut haben.

"Wie nach einem Bombenangriff"

Bürgermeister Lussi schätzt, dass 80 Prozent des im Tal liegenden Ortsteils von Schuld zerstört sind. "Es wird Jahre dauern, bis hier alles wiederaufgebaut ist", befürchtet er. "Es sieht jetzt aus wie nach einem Bombenangriff."

In seiner Ortschaft und anderswo im Ahrtal sieht man am Tag nach der Katastrophe überall Menschen mit Besen, die Schlamm wegschrubben, die Aggregatoren brummen, Keller werden leergepumpt. Im Ort Dümpelfeld ist zudem direkt an der Bundesstraße der Hang runtergekommen. Fährt man die B 257 weiter, gibt es immer wieder Stellen, die von Wasser, Schlamm und Geröll überspült sind. Und fast überall sind die kleineren Brücken über die Ahr, die Ortsteile miteinander verbinden, weggerissen worden.

Es wird dauern, bis die Schäden beseitigt sind – manches wird wohl nie heilen.
Foto: Bernd LAUTER / AFP

Wie in Insul. Dort sagt eine Frau mittleren Alters: "Es ging alles so schnell, es war unfassbar." Als die Fluten kamen, war sie, wie sie sagt, an ihrem Arbeitsplatz im Landhotel Ewerts. Innerhalb kürzester Zeit war die Küche komplett mit Wasser vollgelaufen. Das Wasser stieg immer weiter, auch weil sich zu den Fluten aus der Ahr Sturzbäche vom Hang gesellten. Die Frau und 15 Kollegen retteten sich in den zweiten Stock, wo sie zusammen in einem Raum übernachteten. Auch in Liers haben die braunen Fluten die Ahr-Brücke zerstört. Häuser hat es nicht getroffen, es gibt auch keine Verletzten, sagt ein Feuerwehrmann. Obwohl das Wasser zweieinhalb Meter über der Straße gestanden habe.

Es sind Ausmaße, die man auch einen Tag nach diesem schrecklichen Mittwoch im Ahrtal nicht begreifen kann. Sofern das überhaupt jemals gelingt. (Beate Au und Jan Lindner aus Schuld im Ahrtal, 15.7.2021)