Der Blick von einer Brücke bei Erftstadt auf die vierspurige Luxemburger Straße am Samstag.

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Von Helfern aufgehäufter Schutt liegt auf einer Bundesstraße in Walporzheim in Rheinland-Pfalz.

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Kanzlerin Angela Merkel besuchte am Sonntag das Katastrophengebiet.

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NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchten am Samstag das Katastrophengebiet.

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Berchtesgaden – Unwetter hatten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz eine Schneise der Verwüstung hinterlassen – mehr als 150 Menschen starben durch die Fluten. Bei neuen Unwettern hat am späten Samstagabend der Landkreis Berchtesgadener Land in Oberbayern den Katastrophenfall ausgerufen. Auch in der Sächsischen Schweiz gingen gewaltige Regenmassen nieder. Am Sonntag besuchte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die am schwersten getroffenen Gebiete in der Eifel – gemeinsam mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und weiteren rheinland-pfälzischen Ministern.

Sie sei gekommen, um sich ein reales Bild von den surrealen, "gespenstischen Bildern" an Ort und Stelle zu verschaffen, sagte Merkel. Die deutsche Sprache kenne kaum Worte für die Verwüstung, die durch die Fluten angerichtet wurde, so die Kanzlerin nach ihrem Besuch im Katastrophenort Schuld. Merkel stellte schnelle Katastrophenhilfen in Aussicht, bereits am Mittwoch würde die Bundesregierung ein entsprechendes Paket schüren – auch für den Wiederaufbau der Infrastruktur und mittelfristige Aufgaben. Zudem müsse die Politik die Natur und das Klima "besser in Betracht ziehen", als das bisher geschehen sei, sagte die scheidende Kanzlerin. Dreyer sagte, dass sie keine Ruhe geben werde, bis auch die letze vermisste Person gefunden sei.

Suche geht weiter

Nachdem sich das verheerende Wasser aus vielen Flutgebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz allmählich zurückgezogen hat, wird in den Trümmern weiterhin nach Todesopfern und Verletzten gesucht.

Immense Regenfälle verursachten am Samstag auch in Teilen Sachsens heftige Überschwemmungen. In der Sächsischen Schweiz waren mehrere Ortslagen von Städten und Gemeinden nicht mehr erreichbar. Besonders betroffen seien Neustadt, Sebnitz, Bad Schandau, Reinhardtsdorf-Schöna und Gohrisch, informierte das Landratsamt am Abend. Die Bahnstrecke zwischen Bad Schandau und dem tschechischen Decin wurde gesperrt. "Die Situation ist angespannt, aber beherrschbar", erklärte das Lagezentrum des Innenministeriums in Dresden auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Soforthilfe im dreistelligen Millionenbereich

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz stellte unterdessen Soforthilfen in dreistelliger Millionenhöhe in Aussicht. "Es braucht einen nationalen Kraftakt", sagte der SPD-Politiker der "Bild am Sonntag". Am Mittwoch im Kabinett wolle er zwei Dinge auf den Tisch legen. "Erstens eine Soforthilfe, bei der letzten Flut waren dafür deutlich mehr als 300 Millionen Euro nötig. Da wird jetzt sicher wieder so viel gebraucht", erläuterte Scholz. "Zweitens müssen wir die Grundlage für ein Aufbauprogramm schaffen, damit die zerstörten Häuser, Straßen und Brücken zügig repariert werden. Wie wir von der vorherigen Katastrophe wissen, geht es um Milliarden Euro."

Der Schwerpunkt der Katastrophe in Rheinland-Pfalz liegt im Kreis Ahrweiler. Allein dort kamen nach neuesten Angaben der Polizei Koblenz über 110 Menschen ums Leben. 670 Menschen wurden verletzt. Es wird befürchtet, dass noch weitere Todesopfer und Verletzte hinzukommen. "Wenn Sie die Bilder sehen, wie es da aussieht, kann man nicht ausschließen, dass noch weitere Leichen gefunden werden", hatte ein Sprecher gesagt. Es werden weiterhin Menschen vermisst.

Aufregung um lachenden Laschet

In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer am Samstagabend bei 45, darunter waren vier Feuerwehrleute. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der am Samstag mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Katastrophengebiet in Erftstadt besucht hatte, versprach Direkthilfe für die betroffenen Menschen und sagte zu, dass "sehr unbürokratisch Geld ausgezahlt" werde. Steinmeier hatte zu Solidarität und Spenden für die Opfer aufgerufen. "Die Unterstützungsbereitschaft, sie muss anhalten, im Großen wie im Kleinen", sagte er. Für Montag hat sich Deutschlands Innenminister Horst Seehofer in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz angekündigt.

Bei seinem Besuch sorgte Laschet allerdings auch für Empörung. "Ich bin wirklich sprachlos", so SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil am Samstag auf Twitter und verlinkte auf ein im Internet kursierendes Video. Darin lacht Laschet etwa eine halbe Minute im Hintergrund mit Umstehenden, während Steinmeier den Betroffenen in der Katastrophenregion Hilfe verspricht.

Laschet entschuldigte sich am Abend auf Twitter: "Uns liegt das Schicksal der Betroffenen am Herzen, von dem wir in vielen Gesprächen gehört haben", schrieb der Kanzlerkandidat der Union. "Umso mehr bedauere ich den Eindruck, der durch eine Gesprächssituation entstanden ist. Dies war unpassend und es tut mir leid."

Mindestens zwei Tote in Bayern

Nach sintflutartigem Regen war die Feuerwehr auch im Landkreis Berchtesgadener Land in Oberbayern seit Samstagabend mit rund 500 Einsatzkräften im Dauereinsatz. Der Landkreis hat aufgrund des Unwetters den Katastrophenfall ausgerufen. Zwei Menschen starben in dem Hochwassergebiet. Es sei bei einem Todesfall aber noch unklar, ob der dieser in Zusammenhang mit dem Hochwasser stehe, sagte die Sprecherin des Landratsamt Berchtesgadener Land, Alexandra Rothenbuchner.

Die Lage sei dramatisch, sagte ein Sprecher der Integrierten Leitstelle Traunstein. Das Wasser schieße aus den Bergen, gleichzeitig stiegen die Pegelstände des Flusses Ache an. Betroffen waren vor allem die Orte Berchtesgaden, Bischofswiesen, Schönau am Königssee, Marktschellenberg und Ramsau im äußersten Südosten Bayerns. Dort trat das Wasser stellenweise über die Ufer und überflutete Straßen. Hänge rutschten ab. Einzelne Häuser mussten deshalb geräumt werden, sagte Rothenbuchner. "Es kommen ständig Notrufe rein", sagte ein Polizeisprecher in Rosenheim.

Auch die traditionsreiche Bob- und Rodelbahn am Königssee wurde offenbar stark beschädigt. Die beiden deutschen Top-Rodler Felix Loch und Natalie Geisenberger äußerten sich auf ihren Social-Media-Kanälen bestürzt über die Schäden an ihrer Heimbahn. Laut Thomas Schwab, dem Generalsekretär des deutschen Bob- und Schlittenverbandes geht der Schaden in die Millionen. "An einen Bahnbetrieb in diesem Winter ist nicht zu denken. Wir hoffen, dass wir die Bahn bis Oktober 2022 wieder hinbekommen." Teile der ältesten Kunsteisbahn der Welt wurden von den Wassermassen weggerissen und zerstört.

Rekord-Pegelstände an Ache

Medien berichteten von Rekord-Pegelständen an der Ache – bis 22 Uhr lagen sie schon bei etwa 3,75 Metern. Bilder zeigen Straßen, die sich in reißende Bäche verwandeln. Menschen waten knietief im Wasser. Alle paar Hundert Meter sei die Feuerwehr im Einsatz, berichtet ein Augenzeuge. Traktoren räumten Schutt beiseite. Zum Teil stehe das Wasser bis zu 50 Zentimeter hoch.

Ebenso ist in Chamerau in der Oberpfalz der Roßbach wegen Starkregens über die Ufer getreten. Ein Gebäude sei mit Sandsäcken vor den Wassermassen geschützt worden, sagte ein Sprecher der Polizei. Im gesamten Landkreis gab es fünf weitere Einsätze der Feuerwehr aufgrund von vollgelaufenen Kellern oder überschwemmten Straßen. (APA,fmo, 18.7.2021)