Wien, 17. Juni 2021: Am Stephansplatz ist das Brückenspektrum zwischen Rechtsextremismus und politischem Katholizismus aufmarschiert, um gegen die Vienna Pride zu demonstrieren. Unter den Rednern des alljährlichen „Marsches für die Familie“ befindet sich, wie üblich, auch Georg Nagel, ehemaliger Sprecher der Pegida Österreich, der wenige Tage nach dem Terroranschlag vom 2. November 2020 die Wiener Josefstadt per Lautsprecherwagen mit Maschinengewehrsalven und antimuslimischen Parolen beschallte. Vom Rednerpult aus charakterisiert Nagel sich und die anderen Marschteilnehmenden wie folgt: „Wir sind einfach normal. […] Wir haben den Mut, normal zu sein.“

In etwa zeitgleich, im 50 Kilometer entfernten Wiener Neustadt, hält Herbert Kickl eine programmatische Rede vor jenem FPÖ-Parteitag, der ihn kurz darauf zum Obmann kürt. „Wir sind nicht rechtsextrem, sondern normal“, lässt er die Delegierten wissen. Die FPÖ wolle schlicht und einfach „das, was normal ist“. Dass es sich dabei um eine Kernaussage der Rede hielt, unterstreicht der Umstand, dass just diese Ansagen in den Folgetagen per Social Media wiederholt und bekräftigt wurden. Wenig später beschriftete man die Wand in der FPÖ-Zentrale, vor der Pressekonferenzen abgehalten werden, mit dem Slogan „ÖSTERREICH NORMAL“. Die Forderung nach und der Claim auf Normalität stehen damit im Zentrum der ersten freiheitlichen Kampagne der Kickl-Ära. Doch was verspricht man sich davon?

Der neue Slogan der FPÖ.
Screenshot: Youtube

Normalisierung Rapid

Zunächst stellt sich das Manöver als Holzhammervariante dessen dar, was rechtsextreme Intellektuelle gern als „Metapolitik“ bezeichnen. Im Rahmen letzterer sollen die eigenen Begriffe, Problembestimmungen und Rahmungen langsam eingeschliffen werden, um sie zu enttabuisieren und gesellschaftlich mehrheitsfähig zu machen. Offenbar im Sinne der Beschleunigung dieser diskursiven Wühlarbeit wird der eigene Standpunkt nun unmittelbar als der „normale“ gesetzt. Damit will man – im Einklang mit dem bereits 2020 ausgerufenen „Ende der Distanzierungen“ – aus der Defensivhaltung der Regierungszeit und der Hofer-Ära heraustreten und zum Angriff übergehen: man selbst habe sich nicht zu rechtfertigen, sondern die anderen. Rechtsaußen sei das neue Zentrum.

Fraglos wird unter Kickl parallel dazu auch das langfristige Bemühen um die Erweiterung der Grenzen des Sag- und in weiterer Folge Machbaren fortgesetzt und intensiviert werden, wie Strategen der außerparlamentarischen extremen Rechten es vom neuen Parteichef auch erwarten. So wies etwa „Identitären“-Führer Martin Sellner kürzlich darauf hin, dass im Grazer Prozess gegen seine Gruppierung für den Freispruch vom Vorwurf der Verhetzung entscheidend gewesen sei, ob ein bestimmter Begriff zuvor schon von der FPÖ verwendet worden war. Diese Verwendung habe den Begriff nach Ansicht des Gerichts nämlich als etablierten Teil des politischen Diskurses ausgewiesen. Eben deshalb, so Sellner, sei es verhängnisvoll, wenn Freiheitliche sich von Begriffen der extremen Rechten distanzierten, anstatt ihnen – wie Kickl – selbstbewusst den Weg zu bahnen.

Welche Normalität?

Zum zweiten spielt die aktuelle FPÖ-Kampagne so offenkundig wie ablehnend auf die (post-)pandemische „neue Normalität“ an. Allerdings ist die „alte Normalität“, zu der Rechtsextreme zurück wollen, nicht die von 2019, sondern, je nach ideologischer Unterströmung, jene vor der vielzitierten Zäsur 1968, jene der NS-Zeit, des Ständestaates oder jene vor 1918, sofern man sich nicht gleich hinter die Epoche der Aufklärung zurücksehnt. Auch die FPÖ will gesellschaftliche Entwicklungen weiter als in die Zeit kurz vor den Masken, Kontaktbeschränkungen und Coronatests zurückspulen. Das unterstrich Kickl schon in der erwähnten Parteitagsrede durch eine beispielhafte Aufzählung, was seines Erachtens alles als „normal“ und keineswegs „rechtsextrem“ zu gelten habe. Erst kürzlich ließ Kickl via FPÖ-Facebookaccount wissen, dass etwa „[w]er Rot-Weiss-Rot statt Regenbogen will […] nicht extrem SONDERN NORMAL“ sei. Seine Parlamentsrede gegen das gesetzliche Verbot „identitärer“ Symbole vom 7. Juli nutzte er zur Aufzählung einer Reihe von Sekundärtugenden, die zwar aus der Mode gekommen, für ihn als Freiheitlichen aber „normal“ seien.

Normalität beschwört der neue FPÖ-Obmann herauf.
Screenshot: Facebook

Selbstlegitimierung: Von der Natur zur Norm

Nicht zuletzt kann der Bezug auf Normalität auch als Reformulierung der bislang zentralen rechten Selbstlegitimierungsstrategie verstanden werden, nämlich des Naturbezugs. Lange bekundeten rechte Ideologen, man wolle schlicht und einfach der natürlichen Einrichtung der Dinge zur Durchsetzung verhelfen. In der Postmoderne, wo immer breitere Aspekte des menschlichen Daseins als fluide und gestaltbar erscheinen, vermag Natur immer weniger zu überzeugen. Also deklariert man, was man bisher als natürlich ausgeschildert hatte, nun als normal: soziale Ungleichheit, geschlechtliche Arbeitsteilung, die Privilegierung heterosexueller Beziehungen und vieles andere mehr. Die Konstante besteht in der versuchten Delegitimierung der Andersdenkenden. Einst hat die Rechte göttlichen Willen gehütet, dann die natürliche Ordnung, heute eben Normalität. In allen Fällen gilt: wer's anders sieht, versündigt sich – an Gott, an der Natur, an der Norm.

Die Verwandtschaft der Argumentationsgänge verdeutlicht ein rezentes Telegram-Posting eines führenden „identitären“ Aktivisten: Demnach verträten er und die seinen „die Positionen, die seit Ewigkeiten Grundkonsens jedes gesunden Volkes sind". Die Rede vom Grundkonsens beschwört eine Mehrheitsmeinung, entsprechend der gängigen Bestimmung dessen, was als normal zu gelten habe, über den Blick auf die Einstellungen und Verhaltensweisen der meisten. Gerne berufen sich Rechtsextreme auf diese (praktischerweise meist schweigende) Mehrheit. Will die Mehrheit allerdings allzu offensichtlich anderes als man selbst, kommt hinter der Anrufung von Normalität der Naturbezug zum Vorschein, wie das eben angeführte Zitat bezeugt: Es sind eben nur „gesunde“ Völker, die die eigenen Ansichten teilen. Hat man die Mehrheit nicht im Rücken, ist sie es, die irrt. Was gesellschaftlich als normal angesehen wird, mag sich ändern; was aber normal ist, bleibt aus rechter Sicht konstant, weil eben nach wie vor an Natur und/oder Gott rückgebunden. Wenn also FPÖ oder „Identitäre“ Normalität beschwören, tun sie dies nicht primär in deskriptiver Absicht. Sie steht vielmehr für Vorstellungen von Sittlichkeit, Gesundheit und Nicht-Abartigkeit. In dieser Normativität der Rede vom Normalen liegt maßgeblich auch sein Gewaltcharakter begründet.

Die Tyrannei der Norm

Schon Ende der 1940er-Jahre identifizierte die berühmte „Faschismus-Skala“ von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik und Co Konventionalismus (das starre Festhalten an Konventionen/Normen) als Merkmal des „autoritären Charakters“, des idealtypischen faschistischen Mitläufers. Bis heute hat die politische Rechte ihr inniges Verhältnis zum Konventionellen beibehalten. So sehr der rechtsextreme Aktivist sich als Rebell zu inszenieren beliebt, als nonkonformistischer Kämpfer gegen Zeitgeist und Political Correctness, so sehr will er im tiefsten Grunde seines Herzens einfach nur normal sein, die Mehrheit an seiner Seite haben, in einer von Konflikt und Dissens gereinigten Masse aufgehen. Nicht aber diese spießbürgerliche Grundausrichtung ist es, die den Rechtsextremismus zur Gefahr macht. Es sind der Inhalt der von ihm verteidigten Normen und die Aggressivität, mit denen er sie durchzusetzen sucht, bestehende Hierarchien verteidigt und überwundene zu restaurieren trachtet.

Die Aggression gegen Abweichung ist dem Konventionalismus immanent. Gerade weil man sich selbst Normüberschreitung nicht zugesteht, sich beschränkt und Verzicht übt, sollen das die anderen gefälligst auch tun: Gleiches Unrecht für alle! Wer der Konvention zuwiderhandelt, zieht die Aggression der Angepassten auf sich. Der Normalitätsfetisch erweist sich darin als gewaltvoll, dass er das Abnormale als solches erst erschafft, es abwertet, pathologisiert, ausgrenzt und – in letzter Konsequenz – zum Abschuss freigibt. Wie schon eine St. Pöltener Privatuniversität in ihrem Motto formuliert: Normal ist gefährlich. (Bernhard Weidinger, 19.7.2021)

Bernhard Weidinger ist FIPU-Mitglied, Rechtsextremismusforscher und im Brotberuf am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) tätig.

Weitere Beiträge im Blog