Erst der Bundespräsident, dann die Bundeskanzlerin: Können die Opfer der Flutkatastrophe in der deutschen Eifel mehr erwarten? Am Samstag kam Frank-Walter Steinmeier nach Erftstadt, am Sonntag besuchte Angela Merkel das Örtchen Schuld. Das Staatsoberhaupt sagte: "Ihr Schicksal zerreißt uns das Herz." Die Bundeskanzlerin: "Eine surreale, gespenstische Situation. Die deutsche Sprache kennt kaum Worte." In der Bild am Sonntag konnte die Republik obendrein lesen, dass Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz "mindestens 300 Millionen Euro Soforthilfe" verspricht. Und außerdem "Milliarden Euro" für ein "Aufbauprogramm".

Man kann das für Wahlkampf halten – und viele tun es auch. Allerdings stehen die eher nicht im Ahrtal und an der Erft vor den Trümmern ihrer Existenz. Wer Angehörige verloren hat oder vermisst, wer über Nacht ohne Haus und Habe ist, hat andere Sorgen. Die sozialen Netzwerke aber vibrieren.

Union-Kanzlerkandiat Armin Laschet entschuldigte sich, nachdem er im Hintergrund eines Statements von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mitten im Katastrophengebiet heiter gelacht hatte.
Foto: Marius Becker/Pool via REUTERS

Im Zentrum des Bebens: Union-Kanzlerkandidat Armin Laschet. Er hat – als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen – Steinmeier begleitet. Und während der Präsident sich in Worten an die Seite derer stellt, "die Angehörige verloren haben in den Fluten", sieht das Publikum Laschet im Hintergrund lachen. Auf Fotos scheinen sich Laschet und der aus dem betroffenen Landkreis stammende stellvertretende Fraktionschef der CDU im Düsseldorfer Landtag, Gregor Golland, fabelhaft zu amüsieren.

Bitte um Entschuldigung

Noch bevor Laschet dafür um Pardon bittet ("… bedauere ich den Eindruck, der durch eine Gesprächssituation entstanden ist. Dies war unpassend, und es tut mir leid"), ist das Foto online beim Spiegel als Aufmacher gelaufen. Bei Bild nur als Miniatur. SPD-Vize Kevin Kühnert hat es getwittert und "Eine Frage des Charakters" darübergeschrieben. Und Bild hat darauf verwiesen, dass das Staatsoberhaupt auch gelacht habe, während Laschet sprach. Das beigestellte Foto indes beweist mangels Schärfe nichts.

Unterdessen erhält Südbayern Katastrophenwarnung. Am Dienstag schon hat es das nördlichste Franken getroffen – nun ist das Alpenvorland dran. Der Starkregen ab Samstagabend lässt die Berchtesgadener Ache, sonst ein Gebirgsbach, zum reißenden Fluss werden. Mindestens ein Mensch stirbt in der Nacht zum Sonntag, Häuser und Straßen werden geflutet. Olympiasieger Felix Loch postet Sonntagmittag auf Instagram ein Foto der von Geröll und Bäumen teilzerstörten Bob- und Rodelbahn am Königssee und schreibt dazu: "Es tut unendlich weh."

Da hat der Deutsche Wetterdienst längst vor weiterem Dauerregen in den östlichen Alpen gewarnt. Und in Passau, der Drei-Flüsse-Stadt, sind Donau und Inn über die Ufer getreten. Man schichtet dort Sandsäcke und redet vom Üblichen – noch.

Enorme Schäden

Für die Eifel gilt das nicht. Angela Merkel und Ministerpräsidentin Malu Dreyer gehen durchs verwüstete Schuld, halten bei Menschen an, die sich im Aufräumen versuchen. Später werden sie von der Feuerwehr erfahren: "Die Schadenslage ist unvorstellbar." Ein junger Mann beschreibt ihnen seine Situation: Er habe alles verloren – "auch unsere Erinnerungen".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz (SPD), bemühten sich bei ihrem Besuch im vom Unwetter heimgesuchten Schuld um Anteilnahme.
Foto: EPA/SASCHA STEINBACH

"Wir tun, was wir können", verspricht Dreyer. Aber an Merkels und ihrem Weg steht auf einem Plakat: "Wo bleiben die Infos? Mutti, sag die Wahrheit!" Von den Feuerwehrleuten und Bundeswehrsoldaten, mit denen sie lange spricht, hört Merkel indessen mehrfach: "Vielen Dank, dass Sie hier waren."

Das sagt auch Schulds Ortsbürgermeister Helmut Lussi. Aber auch: "Das übersteigt alle Dimensionen." Er schildert der Kanzlerin, wie die Feuerwehr "in letzter Minute" Menschen vor dem Ertrinken rettete. Und seine Stimme zittert und bebt, als er sagt, was Schuld widerfahren sei: "Das sind Narben, die nicht zu bewältigen sind." Lussis größtes Glück: keine Toten in Schuld.

Aber 112 im gesamten Ahrtal. Bislang. Und "immer noch hohe Zahlen von Vermissten", sagt Dreyer. Merkels Hilfsversprechen sollen die Lebenden trösten. Was ihre Botschaft an die Welt sei, in Sachen Klimawandel, wird sie gefragt. "Wir müssen uns sputen", sagt sie. Und dann: "Wir müssen uns anstrengen. Sehr anstrengen." (Cornelie Barthelme aus Hof/Saale, 18.7.2021)