Es beginnt in Stra bei Venedig: Dort treffen sich im Juni 1934 der italienische Diktator Benito Mussolini und Adolf Hitler. Eine Folge ist der Juliputsch. Der Plan der Nazis: Kanzler Engelbert Dollfuß soll zum Rücktritt gezwungen werden. Die Nazis streben vorläufig keine Alleinregierung oder den Anschluss an, sondern wollen nur zentrale Funktionen besetzen.

"Hitler glaubte, dass Mussolini dem zugestimmt hat", sagt Historiker Kurt Bauer. Die beiden unterhalten sich – allein – auf Deutsch: "Dabei kam es zu dem Missverständnis. Hitler kommt heim und erzählt, dass Mussolini einem Regierungswechsel in Österreich zugestimmt hat." Bauer sieht in Quellen wie dem Goebbels-Tagebuch den Beleg: "Hitler beauftragte den Putsch."

Hotel Imperial

In dem Hotel am Ring logiert Anton Rintelen, führender christlichsozialer Politiker, 1934 Gesandter in Rom. Er soll Kanzler werden, seine Kontaktperson: der Münchner Industrielle Rudolf Weydenhammer, Chefkoordinator des Putsches. Otto Wächter ist für die politische Organisation zuständig, Fridolin Glass für die militärische Seite. Weydenhammer bespricht sich am Vortag im Hotel mehrmals mit Rintelen: Konspiration in der Öffentlichkeit.

Als der Putsch am Nachmittag zu scheitern beginnt, suchen Weydenhammer und Wächter Rintelen auf: Er soll zum Ballhausplatz gehen und die Situation retten. Doch überraschenderweise lässt sich Friedrich Funder, "Reichspost"-Chefredakteur und Intermediär der Regierung, beim Gesandten anmelden. "Wächter und Weydenhammer stürmen aus dem Zimmer, verstecken sich hinter einem Vorhang und müssen machtlos zusehen, wie Rintelen und Funder ins Kriegsministerium fahren", sagt Bauer, Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung.

Ravag, Johannesgasse

Im Wiener Ravag-Gebäude wird der Putsch verlautbart. Es kommt zu heftigen Schusswechseln, die Besetzer ergeben sich.
Foto: akg-images/picturedesk.com

Um den Putsch in den Bundesländern zu starten, braucht es eine möglichst rasche Alarmierung der illegalen Nazis im ganzen Land. In der Johannesgasse 4B befinden die Senderäumlichkeiten der Ravag, der Radio-Verkehrs-AG. "Von zwei Seiten, der Kärntner Straße und dem Ring, kommen SS-Trupps in Zivil."

Sie stürmen das Gebäude gegen 13 Uhr überfallsartig, dringen in den Senderaum vor und zwingen den Sprecher, eine Meldung vom angeblichen Regierungsrücktritt zu verlesen. Von der nahen Hegelgasse eilt Polizei herbei, bald trifft weitere Verstärkung ein. Es kommt zu heftigen Schusswechseln, dabei sterben mehrere Personen. Der Sendebetrieb wird sofort gekappt. Bauer: "Es hätten laut Plan ständig Radiodurchsagen gesendet werden sollen, es gab aber nur eine einzige. Das sorgte für Verwirrung unter den Putschisten." Nach zwei Stunden ergeben sich die Ravag-Besetzer.

Gedenktafel in der Johannesgasse.

Bräunerhof, Stallburggasse 2

Von der Johannesgasse weiter Richtung Regierungsviertel. Dollfuß' Privatwohnung befindet sich am Weg, unweit des Bundeskanzleramts. Er lässt sich hierher immer zum Mittagessen führen und empfängt auch politische Gesprächspartner. Der Kanzler ist nicht der einzige Prominente, der in diesem Haus wohnte, unter anderen hatten Thomas Bernhard und Hugo von Hofmannsthal hier ihre Wohnungen. Im Erdgeschoss befindet sich heute das Café Bräunerhof, vor 1938 Café Sans Souci.

Restaurant Tischler, Schauflergasse 6

Den Eingang des Bundeskanzleramtes im Blick, nahm im Gastgarten des Restaurants Tischler – heute Kanzleramt genannt – Otto Wächter Platz, um den Putsch zu beobachten.

Heeresministerium, Stubenring Nr. 1

Das monströse Haus wurde als Kriegsministerium gebaut, hier trafen sich jene Regierungsangehörigen, die nicht im Bundeskanzleramt waren, zu einer Ministerratssitzung. Bundespräsident Miklas – in Kärnten auf Urlaub – beauftragt telefonisch Schuschnigg mit der Vertretung von Dollfuß. Vizekanzler Starhemberg ist in Italien auf Urlaub. Rintelen wird hierher gebracht und verhört. Die Bundesregierung organisiert von hier aus die Verhandlungen am Ballhausplatz.

Bundesturnhalle

Die eigentliche Aktion beginnt in der Siebensterngasse 11 im siebenten Bezirk, in der "Bundesturnhalle" bei der Stiftskaserne. SS-Männer der Standarte 89 finden sich hier ein und ziehen Uniformen des Bundesheeres und der Polizei an. Der Plan: in mehreren Lkws die kurze Strecke zum Ballhausplatz fahren.

Der Historiker Kurt Bauer ist Spezialist für die 1930er-Jahre in Österreich.
Engelbert-Dollfuß-Gedenktafel im Boden des Eckzimmers im Bundeskanzleramt.
Foto: STANDARD/Cremer

Gegen 12.45 Uhr machen sie sich auf den Weg, doch zwei Dinge gefährden die Aktion. Der letzte Wagen mit Munition und Maschinengewehren kommt nicht mit – und Fridolin Glass verpasst die Abfahrt.

Bundeskanzleramt

Die Lkw-Kolonne trifft auf dem Ballhausplatz ein. Dort ist man eigentlich schon durch einen Verräter gewarnt. Die Ministerratssitzung wird unterbrochen. Doch man riegelt das Bundeskanzleramt nicht konsequent ab. Dollfuß bleibt im Gebäude, einige andere Regierungsmitglieder ebenso. Die rund 150 Putschisten werden für Verstärkung gehalten und bereitwillig zum Tor hereingelassen. Sie entwaffnen sogleich die Wachen und stürmen die Stiegen hinauf. Dollfuß versucht, über eine Wendeltreppe zu entkommen, doch die Putschisten stellen den Bundeskanzler, ein Schuss löst sich, als Dollfuß sich wehrt. Er stirbt nach knapp drei Stunden. Eine zweite Kugel, die Dollfuß nur leicht verletzt, ist bis heute ein Rätsel.

Wie beurteilt Bauer die Situation? "Mord ist eine vorsätzliche Tat. Aber Dollfuß sollte nicht sterben. Sein Tod ist der Hauptgrund für das Scheitern der Aktion." Das Bundeskanzleramt wird umstellt, die Putschisten und die Rumpfregierung unter Schuschnigg verhandeln. Gegen 20 Uhr verlassen die ratlosen Putschisten das Kanzleramt. Sie haben freies Geleit nach Deutschland vereinbart, werden aber festgenommen, angeklagt und verurteilt, zum Teil hingerichtet. Rintelen wird auch verhaftet, Weydenhammer, Wächter und Glass entkommen. (Sebastian Pumberger, 25.7.2021)