Aus alt mach neu: Mit dem Chefwechsel erfolgt auch eine strategische Neuausrichtung der OMV.

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Als Öl- und Gasmann gekommen, als Grüner gegangen? "Übertreiben Sie mal nicht", sagte OMV-Chef Rainer Seele am Montag bei seiner letzten Pressekonferenz in dieser Funktion. Ende August scheidet der gebürtige Deutsche nach sechs Jahren an der Spitze von Österreichs wichtigstem Industriekonzern aus und übergibt an Alfred Stern.

Der gebürtige Steirer Stern steht als ehemaliger Chef der Kunststofftochter Borealis für Chemie und Kreislaufwirtschaft – Felder, auf denen sich die OMV künftig verstärkt ausbreiten will. Es war aber der Öl- und Gasmann Seele, der das Ruder herumgerissen und mittels Aufstockung der OMV-Anteile an Borealis die Richtung vorgegeben hat. Damit hat er sich letztlich aber auch selbst abgeschossen an der Spitze des Öl-, Gas- und bis vor kurzem noch ein wenig Chemiekonzerns.

Die Begeisterung im Hinblick auf die Neuausrichtung des Konzerns zu mehr Chemie war insbesondere unter den Öl- und Gasleuten endenwollend. Widerstände gibt es noch immer, und es wird am Steirer Stern liegen, die Wogen zu glätten und neues Vertrauen über alle Bereiche hinweg aufzubauen. Gelingt das nicht, werden die Intrigen und Untergriffe rasch überhandnehmen und zu einem anhaltend vergifteten Klima in der Konzernzentrale beim Praterstadion führen.

Rekordgewinn macht sicher

Seele, dessen Vertrag bis Juni 2022 gelaufen wäre, mit einer Verlängerungsoption bis Mitte 2023, zieht sich, wie berichtet, mit Ende nächsten Monats aus dem Unternehmen zurück – mit einem Rekordergebnis. 2,2 Milliarden Euro operativer Gewinn vor Sondereffekten und damit vergleichbar mit anderen Jahren hat der Konzern von Jänner bis Juni 2021 so viel verdient wie noch nie. Weil nahezu die Hälfte des Gewinns aus der Sparte Chemicals & Materials stammt, die großteils ident ist mit Borealis, sieht der scheidende CEO auch bestätigt, dass die Neuausrichtung des Konzerns goldrichtig war.

Hätte der Richtungsschwenk weg von fossilen Energien, die beim Verbrennen CO2 freisetzen und die Erde erhitzen, hin zu saubereren Produkten nicht schon früher erfolgen können? "Ja", gibt sich Seele selbstkritisch. "Alle anderen aber auch. "Bei ihm persönlich und im gesamten Vorstandsteam habe es einen Sinneswandel gegeben, nicht zuletzt ausgelöst durch Fridays for Future rund um Greta Thunberg.

Seele: "Wenn sich das Umfeld ändert, sollte man nicht seine Energie darauf verwenden, das Umfeld zu ändern, sondern sich selbst zu verändern." Richtig gemacht sei das für die OMV die große Chance, Konkurrenten in Sachen Nachhaltigkeit einen Schritt voraus zu sein.

Hipp, hipp, Chemie?

Zwar wird die OMV auch weiter Geld in die Exploration und Produktion von Öl und Gas stecken; schließlich benötigt man beides zur Weiterverarbeitung in der Petrochemie. Das Fördergeschäft hat aber schon an Bedeutung verloren und wird im Verhältnis zur Chemie weiter schrumpfen. Kunststoffe, das lehrt nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Corona-Pandemie, werden noch mehr benötigt als bisher. Ob Flugzeuge, Züge oder Pkws: Nur mit Leichtbauteilen lässt sich substanziell Energie sparen. Und eine Medizin ohne Einwegspritzen ist sowieso undenkbar.

Wäre da noch Nord Stream 2, die umstrittene Gaspipeline von Russland nach Deutschland. Nach dem Einlenken der USA kann sie nun doch fertiggebaut werden. Wie passt die in die neue OMV-Strategie?

"Das ist eine sehr attraktive Finanzinvestition und trägt auch noch zur Versorgungssicherheit bei", sagt Seele. Die OMV hat für das Milliardenprojekt insgesamt 729 Millionen Euro lockergemacht. Das Geld sei gut verzinst, wie versichert wird, mit ersten Rückflüssen sei noch im zweiten Halbjahr zu rechnen. Statt zu hundert Prozent von der Ukraine als Transitland abhängig zu sein, habe man nun eine weitere Option, Gas aus Russland über Deutschland und Tschechien nach Österreich zu bringen. Weil die Eigenförderung von Gas in Europa rasch zurückgehe, sei die Fertigstellung eine gute Nachricht. Denn ohne Gas sei die Energiewende zum Scheitern verurteilt. (Günther Strobl, 29.7.2021)