Armand Duplantis könnte bei den Olympischen Spielen alle überflügeln – vielleicht sogar seine eigene Freiluft-Bestmarke von 6,15 Metern.

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Shelly-Ann Fraser-Pryce, ...

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JuVaughn Harrison, ...

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Gabby Thomas und ...

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Johannes Vetter streben in ihren Disziplinen Goldmedaillen an.

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Mit Superlativen sollte man ja im Leben generell und im Journalismus speziell vorsichtig sein. Schreibt man aber über Usain Bolt, muss man sich fast überschlagen. Achtmal Olympia-Gold, Weltrekorde über 100, 200 und 4 x 100 Meter, der Größte, der Beste, Inszenierungsgenie, Fanliebling, Ausnahmeerscheinung. Aus Sicht jedes Olympiaausrichters vor allem Quotengarant und Schlagzeilenfabrikant.

Bolt fehlt. Die Leichtathletik braucht einen neuen Superstar, und der oder die Glückliche muss sich natürlich bei den Olympischen Spielen krönen. Eine Kandidatin wäre Bolts Landsfrau Shelly-Ann Fraser-Pryce, die ihren dritten Olympiasieg über 100 Meter feiern könnte. Mit der zweitschnellsten Zeit des Jahres kann sie sich auch über die 200 Meter Chancen ausrechnen, angesichts ihrer 34 Jahre wird sie aber kaum mehr das Zukunftsgesicht ihres Sports werden.

Der Jungstar

Dieses Problem kennt Armand Duplantis nicht. Der Stabhochspringer gilt als heißester Kandidat, in Tokio alle Blicke auf sich zu ziehen. Der 21-Jährige steht stellvertretend für die nächste Generation der Leichtathletik – und überragt sie gleichzeitig. Das Jahrhunderttalent hält sowohl den Hallen- als auch den Freiluftweltrekord (6,18 m bzw. 6,15 m).

"In einer Traumwelt würde ich gerne den Weltrekord brechen und etwas sehr Legendäres machen", sagt der in den USA aufgewachsene Schwede. "Aber es sind meine ersten Spiele, ich möchte nur gewinnen." Sein härtester Konkurrent in der Qualifikation in der Nacht auf Samstag (2.40 Uhr/MESZ) und im Finale am Dienstag (12.20 Uhr) ist der Franzose Renaud Lavillenie, Weltmeister Sam Kendricks aus den USA verpasst den Wettkampf wegen eines positiven Corona-Tests.

Doppelter Harrison

Wenn wir schon bei Springern sind: Haben Sie schon einmal den Namen JuVaughn Harrison gehört? Keine Sorge, das haben bisher die wenigsten, aber der US-Amerikaner schickt sich an, die männliche Ester Ledecká zu werden.

Die Tschechin ließ ja 2018 in Pyeongchang alpinem Super-G-Gold den Sieg im Parallel-Riesenslalom der Snowboarderinnen folgen, Harrison schaffte es sowohl im Weitsprung als auch im Hochsprung durch die Knochenmühle der US-Vorausscheidung. Das war zuletzt dem legendären Tausendsassa Jim Thorpe 1912 gelungen. Harrison liegt in den Jahres-Weltbestenlisten beider Disziplinen unter den Top drei – nicht schlecht für einen 22-Jährigen.

Unverzagte Thomas

Zurück auf die Bahn: Die US-Amerikanerin Gabby Thomas könnte über 200 Meter eine ganz besondere Geschichte schreiben. Ende Mai entdeckten Ärzte an ihrer Leber einen gutartigen Tumor, Ende Juni brannte sie bei den US-Trials die zweitschnellste je gelaufene Zeit auf den Tartanbelag. Die 24-Jährige hat einen Neurobiologie-Abschluss von Harvard und macht an der Elite-Uni nun ganz zeitgeistgetreu ihren Master in Epidemiologie.

Auch Thomas’ Idol Allyson Felix läuft über 400 Meter noch mit, mit einer zehnten Medaille würde die 35-Jährige mit Carl Lewis gleichziehen. Die Aufmerksamkeit zumindest der US-Öffentlichkeit ist ihr sowieso sicher, seit einer lebensgefährlichen Frühgeburt hat sich Felix als Kämpferin für die Rechte schwarzer Frauen etabliert. Als Favoritin geht Shaunae Miller-Uibo ins Rennen, ihren Auftritt von Rio 2016 wird die Frau von den Bahamas aber kaum toppen können. Damals rettete sie gegen die aufholende Felix mit einem Hechtsprung über die Ziellinie Gold.

Dauerläufer

Gute Chancen auf den Titel des Stars der Spiele dürfte auch Eliud Kipchoge haben. Der Kenianer ist nicht erst, seit er in Wien die Zwei-Stunden-Marke knackte, einer der größten Marathonläufer aller Zeiten. Vergangenen Oktober verpasste er beim London-Marathon erstmals seit sieben Jahren einen Sieg, in Tokio gilt er als Favorit für sein zweites olympisches Gold.

Der Weg zum Superstar führt über den Weltrekord. Kandidaten für einen solchen wären der Norweger Karsten Warholm, seine Bestmarke über 400 Meter Hürden ist erst einen Monat alt. Der deutsche Speerwerfer Johannes Vetter will gar "eine Bombe platzen lassen" – also Jan Zeleznys 1996 aufgestellten Rekord von 98,48 Metern knacken. Und ja, natürlich: Wer Weltrekord sagt, muss auch Duplantis sagen – und Superlative vorbereiten. (Martin Schauhuber, 30.7.2021)