Der Moment des Realisierens.

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Das ist die Medaille für Magdalena Lobnig.

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Mit Bronze zurück ins Boot.

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Das Podium: Hanna Prakatsen und Magdalena Lobnig schultern Emma Twigg.

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Tokio – Die Nerven, die Nerven. Das hat es nicht selten geheißen, wenn von Magdalena Lobnig die Rede war. "Die Nerven", sagte sie selbst am Freitag in Tokio, "haben gehalten." Lobnig, 31 Jahre alt und aus Völkermarkt in Kärnten, hatte Historisches vollbracht. Ihre Bronzemedaille im Einer war die erste Olympiamedaille einer Österreicherin im Rudern nach dreimal Silber und zweimal Bronze bei den Männern. Insgesamt geht für den Ruderverband (ÖRV) eine 29-jährige Durststrecke zu Ende – 1992 in Barcelona waren Arnold Jonke und Christoph Zerbst Zweite im schweren Doppelzweier.

"Ich finde es schon sehr cool", sagte Lobnig der Austria Presse Agentur (APA), "dass ich da Geschichte geschrieben habe. Ich hoffe, dass ich damit auch viele junge Sportlerinnen motivieren kann." Sie sei vor dem und beim Start "ultranervös gewesen", habe versucht, diese Nervosität "rauszutreten mit jedem Schlag". Das, attestierte auch Nationaltrainer Robert Sens, ist ganz hervorragend gelungen. "Ich habe noch nie einen so guten Start von Magdalena gesehen", sagte der Deutsche. "Wie sie aus den Blöcken herausgeschossen ist, das war schon fast surreal."

Die zunächst führende Lobnig musste allein die hohe neuseeländische Favoritin Emma Twigg recht bald ziehen lassen, zur Hälfte des 2000 Meter langen Rennens ging die Russin Hanna Prakatsen ebenfalls vorbei. Gold und Silber waren wie erwartet vergeben, dahinter wurde es eng im Kampf um Bronze. Doch Lobnig schaffte es, der Attacke der Britin Victoria Thornley standzuhalten. Im Ziel lag sie 5,75 Sekunden hinter Twigg, 2,33 hinter Prakatsen, aber 0,67 vor Thornley. "Die Freude ist einfach so groß", sagte Lobnig. "Ich bin einfach so froh, dass ich die Bestätigung habe. Für die Geduld, all die vielen Stunden, die ich da reingesteckt habe, für den Verzicht. Wir waren auf so vielen Trainingslagern wie noch nie in meinem Leben. Und jetzt kommt alles zurück. Da fällt so viel ab."

So kann’s weitergehen

Österreich hält – dank Anna Kiesenhofers Sensationssieg im Radstraßenrennen, Silber und Bronze im Judo durch Michaela Polleres und Shamil Borchashvili sowie Lobnigs Bronze – nach der ersten Olympiawoche bei vier Medaillen. Seit 1945 ist die Ausbeute – am Ende von Sommerspielen wohlgemerkt – nur ein einziges Mal größer gewesen, 2004 in Athen, wo es sieben Medaillen (2/4/1) gab. Sydney 2000, wo es zweimal Gold und einmal Silber gab, war auch erfreulich.

Mit Lobnig freuten sich besonders viele, und sie hat sich bei vielen bedankt. "Das ist eine Medaille für alle, nicht nur für mich. Das ist eine Bestätigung für das, was wir uns erarbeitet haben", sagte sie. Explizit hob sie neben dem seit Ende 2019 tätigen Nationalcoach Sens ihren Heimtrainer Kurt Traer hervor. Auch vom Ruderverband und vom Olympiazentrum Kärnten hatte Lobnig viel Unterstützung erfahren. "Die haben mich perfekt vorbereitet. Barbara Pirker ist die Ernährungswissenschafterin, Thomas Brandauer der Sportpsychologe, Barbara Wolfschluckner die Sportwissenschafterin."

In vergangenen Jahren war Lobnig auch von Verletzungen oder Erkrankungen zurückgeworfen worden, sie ließ sich nicht abbringen vom Weg. Heuer war sie bei der EM im April in Varese wegen einer Infektion vorzeitig ausgestiegen. Doch speziell in den vergangenen zwei Monaten konnte sie ihr Trainingspensum voll durchziehen.

Nicht selbstverständlich

Horst Nussbaumer verfolgte seine zweiten Sommerspiele als ÖRV-Präsident, er ist seit 2013 im Amt. 2004 und 2008 waren die Spiele ohne Beteiligung heimischer Ruderer abgelaufen, 2016 in Rio de Janeiro gab’s Rang sechs für Lobnig, die sich seither entscheidend gesteigert hat. Der Kärntnerin, sagt Nussbaumer dem STANDARD, zolle er "Riesenrespekt. Sie hat im entscheidenden Moment das Rennen ihres Lebens abgerufen."

Der Verbandspräsident ist selbst dreimal olympisch gerudert, 1992 hat er die Silberne von Jonke/Zerbst miterlebt. Nussbaumer kennt sich aus, und er will mit einem Irrtum aufräumen, dem viele aufsitzen. "Allein dieses schmale, schnelle, wacklige Boot vom Start ins Ziel zu bringen, ist schon alles andere als selbstverständlich." Auch in Tokio sind etliche Favoriten gescheitert, einige sogar gekentert. Davon war Magdalena Lobnig, die bald entscheiden will, ob sie bis Paris 2024 weitertut, glücklicherweise weit entfernt. (Fritz Neumann, 30.7.2021)

Rudern – Frauen Einer:

Gold: Emma Twigg (NZL) 7:13,97 Minuten
Silber: Hanna Prakatsen (ROC) +3,42 Sekunden
Bromnze: Magdalena Lobnig (AUT) +5,75 Sekunden

Reaktionen:

Magdalena Lobnig: "Das ist auf alle Fälle mein Karrierehöhepunkt. Vor allem seit Rio vor fünf Jahren habe ich darauf hingearbeitet. Gestern war die Angst so groß, dass es noch einmal so endet wie in Rio. Ich war so k. o. nach dem Rennen (Semifinale, Anm.). Aber ich habe alles darangelegt, dass ich wieder fit werde. Ich habe mir gedacht, das ist im Endeffekt nur ein Kopfrennen, wer da vorne ist. Es war einfach Zeit, abzuliefern. Man muss auch sagen, dass mich meine Betreuer sehr gut wieder hingestellt haben."

Kurt Traer (Lobnig-Trainer): "Es ist ein Traum. Ich bin kein extrem emotionaler Typ, aber es ist einfach nur genial. Das Beste, was sie hat machen können. Sie ist ein perfektes Rennen gefahren, hat alles richtig gemacht. Sie hat sich ihren Traum erfüllt, und das ist perfekt. Sie ist genau die Taktik gefahren, die sie fahren wollte."

Robert Sens (Österreichs Nationaltrainer): "Ich habe noch nie einen so guten Start von Magdalena oder überhaupt gesehen. Wie sie aus den Blöcken herausgeschossen ist, das war schon fast surreal. Da hat man schon gemerkt, sie will das einfach so viel mehr. Sie hat das Rennen dann einfach perfekt exekutiert. Sie war supereffizient, hat die Britin nicht einmal ins Spiel gelassen, hat gekontert und dagegengehalten. Das beste Rennen der Saison in dem Moment, wenn es darauf ankommt."

Horst Nussbaumer (Präsident österreichischer Ruderverband): "Ich bin unglaublich froh, dass wir heute die erste Medaille seit 1992 gewonnen habe – eine verdiente Medaille Ich habe die Olympia-Brille von 1992 mit, das ist ein Glücksbringer für heute gewesen. Das Umfeld hat super zusammengearbeitet, es waren unzählige Leute. Es ist eine Bestätigung, für alle, die gearbeitet haben, dass das der richtige Weg war. Es ist für die Jungen ein Zeichen, dass man es mit viel Fleiß und Ehrgeiz schaffen kann."

Karl Stoss (Präsident Österreichisches Olympisches Komitee): "Was die Magdalena heute geschafft hat, ist großartig für den österreichischen Rudersport und natürlich auch großartig für uns. Weil sie ja auch sehr die Infrastruktur des Olympischen Komitees mit den Olympia-Zentren genutzt hat. Ich freue mich riesig für sie und riesig für den Rudersport. Hoffentlich animiert das noch sehr viele Junge, auch mit dem Rudersport in Österreich zu beginnen."

Peter Mennel (Generalsekretär Österreichisches Olympisches Komitee): "Ich bin sprachlos. Ich habe immer gesagt, diejenigen, die die Umstände mental am besten beherrschen, werden erfolgreich sein. Das hat sich bewahrheitet. Unser Team hat sich um die Magdi unglaublich gekümmert im olympischen Dorf. Sie hat alles bekommen, was sie gebraucht hat. Wir haben ihr sogar ein Rad aufs Zimmer zum Ausradeln gegeben. Wenn alle zusammenarbeiten, auch der Verband, kann man erfolgreich sein."

Steckbrief: Magdalena Lobnig (31)

Geboren: 19. Juli 1990 in St. Veit/Glan (K)
Wohnort: Völkermarkt (K)
Beruf: Heeressportlerin
Verein: VST Völkermarkt
Bootsklasse: Frauen-Einer
Trainer: Kurt Traer, Robert Sens
Website: magdalenalobnig.at
Größte Erfolge (im Einer, falls nicht anders angegeben):

* Olympia: Bronze Tokio 2021 (2020) Sechste Rio de Janeiro 2016
* WM: Bronze 2017 Sarasota und 2018 Plowdiw
* EM: Gold 2016 Brandenburg, Silber 2013 Sevilla, 2018 Glasgow und 2020 Posen
* Weltcup: Gesamtsiegerin 2017, Gesamt-Zweite 2018