Ein Fabrikantensohn aus Berlin lehrt das hohe Gut der Abklärung: Ludwig Marcuse (1894–1971), Anwalt für den Fortschritt des Menschengeschlechts.

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Den einen galt er als nicht originell und weitreichend genug: Systeme lassen sich aus den Textbausteinen seiner Schriften kaum errichten. Ludwig Marcuse gebot über eine Prosa, die er mit der luziden Tinte der Vernunft verfasste. Schule wollte er als liberaler Aufklärer, der die Flamme der Vernunft nicht entzündet, sondern nährt und an andere weiterreicht, nicht machen. Flüchtiger Informierte verstehen bei Nennung des Namens "Marcuse" ohnehin nur "Herbert": Herbert Marcuse, vier Jahre jünger, schrieb als Exponent der Kritischen Theorie Bücher über den "eindimensionalen Menschen"; oder er versorgte die protestierenden Studenten anno 68 mit Einblicken in die Triebunterdrückung durch den Kapitalismus.

Ludwig Marcuse (1894–1971) führte dagegen das ebenso entbehrungs- wie genussreiche Leben eines intellektuellen Außenseiters. Eines Journalisten, der sich unterstand, über eine Philosophie des Glücks (1948) nachzudenken – als die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen erst ruchbar geworden waren. Von in der Wolle gefärbten Marxisten trennte ihn, der bei Ernst Troeltsch dissertiert hatte, Misstrauen: Wer sein Handeln und Denken allein an den Satzungen einer Partei orientiert, erleide unausweichlich Schiffbruch.

Verachtung der Linken

Noch in seinen späten Jahren – der jüdische Emigrant war 1962 in die BRD zurückgekehrt – mokierte sich dieser notorische Einzelgänger über Ernst Bloch. Der war in Treue fest zu Stalin gestanden: Also unterstellte Marcuse ihm eine "menschenverachtende Glaubenshaltung" und nahm lieber die Verachtung der Katheder-Linken auf sich. "Ich glaube an den beispielgebenden Einzelnen", schrieb dieser Autodidakt des Denkens zu anderer Gelegenheit. Das Nicht-Dazugehören bedarf der Pflege als Kunst. Von keiner Weltanschauung beschützt, den Anfälligkeiten des Irrtums ausgesetzt, muss jeder Intellektuelle sich eigenhändig, ohne Gewährung von Denknachlässen, den Weg durchs Katastrophendickicht bahnen.

Und so pflegte Marcuse noch den Stolz auf Irrtümer: "Das Wort Individuum meint nur: Unteilbarkeit, nicht: Harmonie der Teile." Seine beiden brillantesten Monografien galten Figuren des Übergangs: Vorkämpfern von Demokratie und Freiheit in Deutschland, die dennoch jeder, mit einem Bein, im Sumpf der überkommenen Gewohnheit feststeckten. Gemeint sind die Lebensbilder, die Marcuse dem Dichter Heinrich Heine sowie dem bürgerlichen Agitator Ludwig Börne (1786–1837) widmete.

Blitze in die Heimat

In beiden Büchern werden die Titelhelden zu Emigranten. Beide schleudern, annähernd zeitgleich, aus dem Pariser Exil Blitze in die Heimat. In Deutschland herrschen Zensur und Willkür; zugleich erhebt der Nationalchauvinismus, getarnt als freiheitlicher Patriotismus, sein unschönes Haupt. Ludwig Marcuse, der 1933 nach Sanary-sur-Mer emigrierte, von dort 1939 weiter nach Kalifornien, beschrieb im Publizisten Börne das eigene Dilemma. Es gebe die fantasierenden Dichter, die erfahren und erkennen und ihre Einsichten mit anderen teilen. Daneben müsse aber Platz sein für die "Wollenden": Deren Literatur endet nicht im Wort – sondern im angesprochenen Menschen. Dieser entnimmt ihr den Anstoß zum eigenverantwortlichen Tun.

Noch in den 1930er-Jahren hatte Ludwig Marcuse sich für den Maler George Grosz eingesetzt. Diesen beschuldigte man, wegen eines Christus-Gemäldes mit Gasmaske, der Blasphemie. Marcuse beschied den Kritikern: Toleranz heiße nicht, sich aufs grüne Sofa zu setzen und übel zu nehmen. Aus den eigenen, heiligen Gefühlen dürfe man "keine Fesseln machen für den Nebenmenschen". Es gebe, schrieb Marcuse, keine "Privilegien im Anstoßnehmen". Ludwig Marcuse, der vor 50 Jahren in Bad Wiessee starb, wäre ein lohnender Autor für Überempfindliche. Er wusste: Das Glück, dieses "herrliche Entschweben in die Sorglosigkeit", ist für uns Menschen ohnehin nur in Ausnahmefällen vorgesehen. (Ronald Pohl, 3.8.2021)