Pomp, Feuerwerk und tausende Veteranen im gehobenen Seniorenalter, die dichtgedrängt und natürlich unmaskiert dem obersten Führer zujubeln: Dass sich Nordkorea in einer schweren Hunger-, Wirtschafts- und Pandemiekrise befindet, wäre den Bildern, die die staatliche Propaganda am Wochenende von der jährlichen Veteranenkonferenz zeigte, nicht zu entnehmen. Und doch steckt das Land in den womöglich tiefsten Problemen, seitdem Kim Jong-un 2011 die Macht übernommen hat.

Kim Jong-un, "ausgemergelt", im Kreise seiner Militärs.
Foto: Korean Central News Agency/Korea News Service via AP

Den schlimmsten Einbruch der Wirtschaft seit 23 Jahren soll der Staat laut Berechnungen der südkoreanischen Bank of Korea erlitten haben: ein Minus von 4,5 Prozent des BIPs. Das sind zwar nur Schätzungen (offizielle Zahlen gibt Pjöngjang nicht bekannt), die sich aber mit anderen Informationen bezüglich der Situation Nordkoreas decken, die nicht einmal von der eigenen Propaganda in positiven Tönen beschrieben wird.

Unmittelbare Krise

Kim selbst sprach schon im Juni von einer "angespannten" Lage. Und bereits davor, im April, hatte er Parallelen zu der großen Katastrophe der 1990er-Jahre gezogen, als nach internationalen Schätzungen zumindest mehrere Hunderttausend Menschen verhungert waren. In staatlichen Agenturen war von einer "unmittelbaren Nahrungsmittelkrise" die Rede. Die Uno attestierte im Frühjahr zehn Millionen der rund 25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner höchste Versorgungsunsicherheit.

Der Hintergrund dafür ist gleich in mehrfacher Hinsicht die Corona-Krise. Das Land war bereits im Februar 2020 in einen rund einmonatigen Lockdown gegangen. Fast der gesamte Außenhandel – vor allem mit China – kam dabei zum Erliegen. Eine Erholung gab es seither nicht.

Weiter keine offiziellen Zahlen

Zumindest aber völlig Corona-frei sei Nordkorea danach gewesen, so die Propaganda. Doch auch das scheint nicht zu stimmen. Zwar veröffentlicht Pjöngjang immer noch keine offiziellen Zahlen zur Pandemie. Bekannt ist nur, dass Impfdosen aus dem internationalen Covax-Programm nur langsam eintreffen.

Allerdings machte Kim selbst in einer Rede im Juni den Expertinnen und Experten schwere Vorwürfe: Inkompetenz und zaghaftes Handeln lauteten diese, und dass sie "durch einen Fehler in einem entscheidenden Fall eine große Krise" heraufbeschworen hätten.

Konkreter wurde er nicht. Allerdings war er zuvor selbst einige Zeit verschwunden. Als er wieder auftauchte, hatte er deutlich abgenommen. "Ausgemergelt" wegen der harten Arbeit für das Land, schrieben nordkoreanische Medien nicht ganz ohne Übertreibung.

Freilich ist Übergewicht auch ein entscheidender Risikofaktor für die Schwere von Corona-Erkrankungen. Überhaupt wird immer wieder über die Gesundheit des vermutlich 37-Jährigen spekuliert: jüngst etwa, als er zunächst mit einem dunklen Fleck und später mit einem Pflaster am Hinterkopf fotografiert wurde.

Dialog festgefahren

Auch in seiner Außenpolitik steht das Land einmal mehr am Scheideweg. Angesichts der Wirtschaftskrise kann sich Pjöngjang eine Konfrontation mit dem Ausland derzeit kaum leisten. Das Gegenteil ist der Fall, denn Nordkorea wäre auf eine Lockerung der immer noch extrem strengen internationalen Sanktionen angewiesen. Vor diesem Hintergrund sind auch die Annäherungsschritte an Seoul aus der vergangenen Woche zu sehen: die Einrichtung einer Hotline und das Angebot, ein 2020 zerstörtes Verbindungsbüro wieder aufzubauen.

Allerdings gibt es auch da ein Problem. Denn der Dialog mit den USA – von dem auch die Beziehung zum Süden abhängt – stockt. Mit US-Präsident Joe Biden konnte Kim, der zuvor Donald Trump bezirzt hatte, lange Zeit wenig anfangen. Erst auf wiederholte Dialogangebote – zuletzt erstmals "ohne Vorbedingungen" – reagierte er wohlwollend.

Wohin neue Gespräche führen sollen, ist aber offen. Am grundlegenden Problem hat sich nichts geändert: Die USA verstehen unter der "Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel", der Zielvereinbarung, einen einseitigen Abbau nordkoreanischer Nuklear-Fähigkeiten.

Bekannte Knackpunkte

Kim aber denkt daran nicht im Traum. Die nordkoreanische Atom-Entwicklung lief auch zuletzt ungehindert weiter. Denn Pjöngjang fordert von den USA zuvor deutlichen Sanktionsabbau und – zur "Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel" – ein Ende der Aufrüstung.

Ein Knackpunkt dabei sind auch die jährlichen US-Militärmanöver mit Südkorea. Der Norden sieht diese als Übung für einen Angriffskrieg und reagiert darauf alljährlich seinerseits mit eskalierenden Schritten.

Zuletzt – seit dem Dialog mit Trump – haben die beiden Alliierten ihre Übungen zurückgefahren. Ob und wie sie heuer stattfinden, ist offen. Kim Jong-uns Schwester Kim Yo-jong hat schon vor der Wiederaufnahme gewarnt. Im südkoreanischen Wiedervereinigungsministerium, das für Nordkorea zuständig ist, hieß es Montag, man habe noch keine Entscheidung gefällt.

Anzunehmen ist, dass Seoul die Chance auf Annäherung ergreifen will. Es ist wohl die letzte für den liberalen Präsidenten Moon Jae-in, der Entspannung zu einem seiner wichtigsten Ziele erklärt hat. Moons Amtszeit endet im März 2022. (Manuel Escher, 2.8.2021)