Der Schattenkrieg tobt schon seit geraumer Zeit im Hintergrund, doch die jüngste Episode bedeutet eine gefährliche Eskalation. In der Nacht auf Freitag starben auf dem unter liberianischer Flagge fahrenden Tanker MV Mercer Street zwei Mitglieder der Besatzung. Der rumänische Schiffskapitän und ein Brite wurden im Persischen Golf Opfer eines mysteriösen Angriffs mit Drohnen. Die Mercer Street wird von der britischen Firma Zodiac Maritime betrieben. Vorsitzender der Zodiac Maritime ist der israelische Geschäftsmann Ejal Ofer.

Nach dem Angriff eskortieren die USA die Mercer Street.
Foto: U.S. Navy/Handout via REUTERS

Israel, die USA und Großbritannien sehen den Iran als Urheber des Anschlags und kündigen entsprechende Reaktionen auf den Verstoß gegen das Völkerrecht an. Israels Premier Naftali Bennett sprach von Beweisen für die Verantwortung Teherans: "Wir wissen, wie wir auf eigene Weise eine Botschaft an Teheran senden." Doch Teheran dementiert heftig und spricht von "haltlosen Anschuldigungen". Das "zionistische Regime" habe "Unsicherheit, Terror und Gewalt geschaffen", sagte Saeed Khatibzadeh, der Sprecher des iranischen Außenministeriums: "Wer den Wind sät, erntet den Sturm."

Immer wieder Angriffe

Die Explosion auf der Mercer Street ist der letzte Höhepunkt einer ganzen Serie von Zwischenfällen. Insbesondere auf den Meereshandelsrouten der Region gilt seit vielen Monaten "Wie du mir, so ich dir". Zumeist gehen die Angriffe aber ohne Todesopfer aus – diesmal könnte der Bogen überspannt worden sein. Am Montag bestellten jedenfalls London und Bukarest die iranischen Botschafter ein. Rumäniens Außenministerium teilte mit, dass man davon ausgehe, dass der Angriff "absichtlicher Art" war und von Teheran koordiniert wurde. Man behalte sich das Recht auf eine "angemessene Reaktion" vor.

Im Frühjahr wurde das israelische Handelsschiff MV Helios im Golf von Oman bei einem Angriff schwer beschädigt. Im April erlitt die iranische Savid im Roten Meer Schäden durch eine Haftmine. Die Savid soll Saudi-Arabien und Israel zufolge dem Iran als Schaltstelle für die Koordination der Huthi-Rebellen im Jemen dienen.

In den vergangenen zwei Jahren hat Israel Medienberichten zufolge ein Dutzend iranischer Schiffe ins Visier genommen, weil Teheran auf diesem Weg Waffen und Öl nach Syrien liefert.

Stellvertreterkrieg

Syrien und den Libanon nutzt der Iran als Austragungsort für einen Stellvertreterkrieg gegen Israel. Im bürgerkriegszerrütteten Syrien sind zahlreiche "Berater" der iranischen Revolutionsgarden aktiv, von den Golanhöhen aus befinden sich viele israelische Städte in gefährlicher Reichweite für Raketenangriffe. Im Libanon erledigt die schiitische Hisbollah den Job für Teheran.

Ein weiterer Schauplatz des Konflikts befindet sich im Iran selbst: Teheran wirft Israel vor, seine Nuklearanlagen zu sabotieren und auch Atomforscher ins Visier zu nehmen. Im April ereignete sich in der Anlage in Natanz eine Explosion. In Natanz betreibt der Iran die Anreicherung von Uran. Während Teheran von bedarfsorientierter Produktion spricht, wirft die internationale Gemeinschaft dem Iran vor, ein Atomwaffenprogramm zu betreiben.

Der 2015 mit Teheran geschlossene Atompakt JCPOA war von US-Präsident Donald Trump torpediert worden. Auf die von ihm verhängten Sanktionen reagierte der Iran mit der erneuten Aufnahme der Produktion von angereichertem Uran über die zugelassenen Grenzwerte hinaus. Unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden liefen alle Versuche, den Deal wiederzubeleben, bisher erfolglos. (Michael Vosatka, 3.8.2021)