"Schatz, wir müssen reden!": Sollte man ein Gespräch wirklich auf diese Weise ankündigen?

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"Alles" müsse sie alleine machen, "immer" sei er derjenige, der zurückstecken muss. Viele kennen das wohl nur zu gut: Die Partnerin oder der Partner moniert sich über das Immergleiche, die Wut kommt hoch, und die Fetzen fliegen. Auch die Paartherapeuten Sabine und Roland Bösel erleben dieses Muster bei ihrer Arbeit. Sie sehen, wie zwischen Paaren wieder und wieder dieselben Streitereien entstehen oder sich einer zurückzieht und gar nicht mehr reden möchte.

Im Interview mit dem STANDARD erklären sie, warum hinter Worten wie "immer" und "alles" häufig eher eine Selbstoffenbarung steckt denn ein Vorwurf. Sie schildern auch, wie es gelingen kann, aus dem Machtkampf auszusteigen – und wirklich ins Gespräch zu kommen. Eine wichtige Regel dabei: Ist die Stimmung aufgeheizt, sind Grundsatzdiskussionen tabu. Viel besser sei es, durchzuatmen, sich abzulenken und das Gespräch auf später zu verschieben. Dann brauche es einen ausgemachten Zeitpunkt zum Reden, einen speziellen Ort, vielleicht auch ein Ritual. Vor allem notwendig sei aber die ehrliche Bereitschaft, die Perspektive des anderen zu verstehen. Damit das gelingen kann, raten Sabine und Roland Bösel, das Gegenüber durch die eigene Sichtweise zu führen wie durch ein Museum.

STANDARD: Sie beraten Paare dabei, wie sie besser miteinander kommunizieren können. Wie gut können denn Sie beide reden?

Sabine Bösel: Ich finde, dass wir da wirklich schon Fortschritte gemacht haben.

Roland Bösel: Das finde ich auch. Als ich die Sabine kennengelernt habe, dachte ich, dass man in Beziehungen nicht extra auf eine gute Kommunikation achten muss. Ich dachte: Wenn man sich liebt, geht das ganz von alleine. Aber natürlich ist das eine Mär. Ich musste erst erkennen, dass es einen Riesenunterschied macht, wie man kommuniziert. Manchmal kann es zu viel und oftmals viel zu wenig sein. Wie man in Paarbeziehungen kommuniziert, lernt man oft erst in der Beziehung. Die wenigsten von uns haben gelernt, was es bedeutet, wirklich zuzuhören oder sich in Ich-Botschaften auszudrücken, also zu sagen: Ich fühle mich oft alleine! Das hört sich ganz anders an als: Du lässt mich alleine!

Sabine Bösel: Ich wiederum bin immer ausgeflippt, wenn mir der Roland einen Vorwurf gemacht hat. Darauf bin ich wirklich allergisch. Die Streiterei ist oft eskaliert, weil ich etwas Böses gesagt habe, das auch übers Ziel schoss. Über viele Jahre habe ich gelernt, das gut sein zu lassen und zu erkennen: Jetzt herrscht eine komische Stimmung, und wir sollten lieber nicht weiterreden. Ich lenke mich dann irgendwie ab, gehe zum Beispiel einkaufen oder mache etwas anderes – danach ist es schon wieder besser.

Wichtig ist: runterkommen, durchatmen und erst dann weiterreden. Das gelingt uns mittlerweile sehr gut. Außerdem vereinbaren wir uns Zeiten zum Reden. Vor dem Sommer hat sich unser Arbeitspensum so gesteigert, dass wir super hätten streiten können. Denn wir waren beide grantig. Aber der Roland hat einen super Vorschlag gemacht ...

Roland Bösel: Ich habe vorgeschlagen, dass wir im Urlaub jeden Tag zehn Minuten darüber sprechen, wie wir es in Zukunft besser machen können, um nicht in der Arbeit unterzugehen. Fünf Minuten spricht die Sabine, und fünf Minuten spreche ich. Davor haben wir es uns zwei Tage lang aber einfach nur gutgehen lassen und gegessen, gelesen und geschlafen.

Roland und Sabine Bösel beraten seit drei Jahrzehnten Paare in der Krise. Nicht selten rühren die Probleme daher, dass die Kommunikation misslingt, sagt das Therapeutenpaar.
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Sabine Bösel: Das Timing ist wichtig. Wenn die Stimmung ohnehin schon aufgeheizt ist, bitte keine Grundsatzdiskussionen führen! Aber dann bei der nächsten Gelegenheit in Ruhe reden.

STANDARD: Wie oft stecken andere Probleme hinter misslungener Kommunikation?

Roland Bösel: Sehr, sehr oft. Hier gilt wieder die 90:10-Regel, die wir schon in einem anderen Interview erwähnt haben. 90 Prozent der Probleme haben mit der Vergangenheit zu tun – nur zehn mit der aktuellen Situation. Manchmal muss man sich nur die Kindheit von jemandem anschauen, und es ist sonnenklar, warum er etwas sagt. Wir erleben Menschen, die ihre Partner anschreien: Du hörst mir nie zu! Immer muss ich alles alleine machen! Dahinter steckt ein ganz anderes Problem.

STANDARD: Nämlich? Das Gefühl, nicht gesehen zu werden?

Roland Bösel: Es ist der Schrei des inneren Kindes, doch endlich wahrgenommen zu werden, doch endlich in den Arm genommen zu werden. Passiert das nicht, verschafft sich das innere Kind im erwachsenen Körper eine Ausdrucksform, die dann meist das Vis-à-vis vor den Kopf stößt.

Wenn das jemand auf diese Art und Weise mitteilt, hört der Partner nur "immer", "nie", "alles" –und schaltet sofort ab. Viele glauben, dass sie gut kommunizieren, wenn sie nett plaudern können. Aber darum geht es nicht – gute Kommunikation ist etwas ganz anderes. Es geht darum, das Lied zu hören, das sich hinter den Worten verbirgt, wie es der Dalai Lama so treffend formuliert. Das gesprochene Wort ist das eine – zu erfassen, was der andere wirklich sagen will, wie er sich fühlt, ist das andere. Wenn mir das gelingt, dann muss ich auch nicht immer alles auf mich beziehen.

STANDARD: Oft scheitert Kommunikation doch auch daran, dass jemand etwas als anders versteht, als es angeblich gemeint war. Da gibt es das berühmte Beispiel im Auto: Der Beifahrer warnt die Fahrerin, dass die Ampel rot ist – die wiederum versteht das als Kritik an ihrer Fahrweise.

Sabine Bösel: Dafür verantwortlich ist oft die Tonlage, in der etwas gesagt wird. Wenn der Tonfall eigenartig oder harsch ist, kann das Gesagte noch so nett sein, der Inhalt der Nachricht noch so neutral – das Gegenüber wird irritiert sein. Was ich mache, wenn der Roland etwas sagt und es komisch für mich klingt: Ich spreche Klartext. Anstatt patzig zurückzureden, frage ich ihn, ob etwas nicht stimmt.

STANDARD: Auch über die Kommunikation muss also kommuniziert werden. Was gilt nun für Grundsatzdiskussionen?

Roland Bösel: Sie sollten nicht zwischen Tür und Angel geführt werden. Dafür muss der Zeitpunkt stimmen. Es gibt Frauen und Männer, die sofort auf den Partner oder die Partnerin einreden, wenn er oder sie zur Tür reinkommt. Aber wichtige Gespräche sind eine Vereinbarungssache, man muss sie sich ausmachen.

STANDARD: Ganz nach dem Motto "Schatz, wir müssen reden"?

Sabine Bösel: Am besten auch noch das Thema des Gesprächs ankündigen, damit der oder die andere sich darauf einstellen kann.

Roland Bösel: Übrigens kann auch vonseiten des Zuhörers, der Zuhörerin der Zeitpunkt eines Gesprächs auf später verschoben werden. Wenn Ihr Mann nach Hause kommt und Ihnen etwas erzählen will, das ihm wichtig ist, aber Sie gerade noch voll bei der Arbeit sind, wäre es respektlos, einfach mit einem Ohr zuzuhören. Viel besser wäre zu sagen, dass Sie in zehn Minuten ganz für ihn da sind. Für ein längeres Gespräch sollte man sich Zeit nehmen, sich einen ruhigen Ort suchen, vielleicht sogar ein Ritual ausmachen.

STANDARD: Ein guter Freund hat mir erzählt: Wenn er oder sein Mann über etwas Wichtiges sprechen, zünden sie eine Kerze an.

Roland Bösel: Das ist wunderschön!

Sabine Bösel: Wir kennen ein Paar, das sechs Kinder und nie Zeit hat, um in Ruhe zu reden. Dieses Paar hat sich im Wohnzimmer ein Eck eingerichtet, mit einem Tisch und zwei Sesseln. Auf dem Tisch steht ein Foto von ihrer Hochzeit, eines von der ganzen Familie und eine Taschentuch-Box. Das ist ihr Raum für Gespräche. Am Anfang haben sich die Kinder auf die Sessel gesetzt, genörgelt, aber nach zwei Monaten haben sie es kapiert und sind spielen gegangen, wenn ihre Eltern sich dort hingesetzt haben. Sie haben gewusst, dass sie jetzt Pause haben, weil die Eltern miteinander reden möchten. Also ein ähnliches Ritual wie die Kerze.

Roland Bösel: Ganz entscheidend ist natürlich auch gutes Zuhören. Das ist uns vielleicht allen klar, aber dennoch halten wir uns oft nicht daran. Ich habe folgendes Bild für Sie: Wenn die Sabine mit mir über etwas redet, sehe ich das so, als ob sie mich durch eine Ausstellung führt. Und werde ich durch eine Ausstellung geführt, rede ich ja auch nicht andauernd dazwischen.

Dann braucht es auch noch die ehrliche Bereitschaft, sich in die Sichtweise des anderen hineinzuversetzen. In der Imago-Therapie soll das durch das sogenannte Spiegeln gelingen: Der eine spricht nach, was der andere gerade gesagt hat: "Ich höre, dass du dich heute gekränkt hast, weil ich XY zu dir gesagt habe." Manchen kommt das zuerst aufgesetzt vor, aber es ist hocheffektiv. Denn es hilft dabei, das Gegenüber besser zu verstehen. Hören ist die halbe Miete. Der eine ist total entspannt, weil ihm oder ihr wirklich zugehört wird. Und der oder die andere kann sich wirklich auf das Hören konzentrieren. Zuhören verlangsamt, gibt der Beziehung Platz, und oftmals entstehen Lösungen auf einer ganz anderen Ebene, als man vermuten würde. Wenn man immer nur bei sich ist, bei seiner eigenen Sichtweise, ist eine Lösung hingegen schwer möglich.

STANDARD: Im Streit schalten Paare oft in einen Kampfmodus. Jeder findet, er habe recht, und will sich durchsetzen. Woher kommt das?

Sabine Bösel: Der Machtkampf kommt daher, dass man Angst hat, dominiert zu werden. Eine Frau hat uns letztens erzählt, dass sie fürchtet, sich selbst zu verlieren, und ihren Partner deshalb bekämpft. Ein Klassiker ist auch: Zwei ziehen zusammen, und jeder hat Angst, dass er zu wenig Platz in der Wohnung hat oder dass sich der andere mit seinem Geschmack durchsetzt. Wenn man sich klar wird, worum es eigentlich geht, kann man sagen: Du magst Pastellfarben, ich mag es knallig. Wie machen wir es nun? Aber wenn es nur darum geht, recht zu haben und sich durchzusetzen, wird man nicht weiterkommen.

Roland Bösel: Oft hat der Machtkampf auch mit einer alten Verletzung zu tun. Ein Beispiel aus unserer Beziehung: Als die Sabine mit unserem ersten Kind schwanger war, hatte ich einen unheimlichen Nestbautrieb. Ich hatte so sehr das Gefühl, dass noch so viel erledigt werden muss, dass ich an fast nichts anderes denken konnte. Meine Frau fühlte sich alleine und emotional im Stich gelassen. Wenn darüber nie geredet wird und sich dieses Gefühl eingräbt, ist das für die Beziehung Gift. Und dieses Gift kommt dann immer wieder hoch.

STANDARD: Was, wenn einer der beiden einfach nicht reden möchte?

Sabine Bösel: Eine Ursache dafür kann sein, dass der andere ihn einfach nicht ausreden und seine Sicht der Dinge darstellen lässt. Zu uns kommen immer wieder Paare, bei denen die Frau sagt: "Mein Mann, der will einfach nicht reden." Wenn er dann aber doch erzählt, würgt sie ihn nach drei Sätzen ab und widerspricht ihm.

STANDARD: Sie wissen also ziemlich schnell, wie der Hase läuft ...

Sabine Bösel: Wir empfehlen dann, einfach mal abzuwarten, auf Empfang zu stellen und neugierig zu sein, was da jetzt kommt. Aber auch wenn jemand sich aus der Kommunikation ganz zurückzieht, kann dahinter eine alte Verletzung stecken. Etwas, das früher in der Beziehung passiert ist und das den Menschen sehr getroffen hat.

Roland Bösel: Er sperrt diesen Bereich seiner Psyche einfach ab. Vergleichen kann man das damit, wenn ein großes Schlagloch in einer Straße entsteht. Dann wird die Straße auch sofort abgesperrt. Die Psyche macht im Grunde genommen das Gleiche. Dann kommt aber der Partner und entdeckt die Absperrung ...

Sabine Bösel: Er sollte dann wie eine Art Sicherheitsbeauftragter agieren. Er sollte dem anderen die größtmögliche Sicherheit geben, damit er hinter die Absperrung schauen und sich das Loch aus der Nähe anschauen kann. Wenn das gelingt, wenn über etwas gesprochen wird, über das 20 Jahre lang geschwiegen wurde, gehört das zu den Highlights unseres Berufes.

Roland Bösel: Es gilt also: Sicherheit schaffen und den Stachel rausziehen, wie meine Frau so treffend sagt. Denn solange er drinnen ist, bleibt es eine Wunde.

Sabine Bösel: Das gilt aber nicht nur für große Stacheln, sondern auch für kleine Schiefer. Wir hatten letztens so eine schwierige Situation, als unser Auto kaputtgegangen ist. Roland wusste, dass ich einen wichtigen Termin hatte, und hat gesagt: Setz dich in den Zug und fahr nach Wien. Mich hat das richtig gekränkt. Ich dachte: Warum will er mich loswerden? Als ich dann zwei Wochen später, als der ganze Stress vorbei war, nochmals mit ihm darüber gesprochen habe, konnten wir das klären.

STANDARD: Was tun, wenn es in einer Beziehung zu den immer gleichen Streitereien kommt?

Roland Bösel: Eine wichtige Regel ist, dass in dem aktuellen Konflikt manchmal jedes Wort Gift sein kann. Das Reden ist dann eine Riesenherausforderung. Besser ist es, wenn beide zunächst ihre Aufregung herunterfahren, joggen gehen, sich ablenken. Und sich dann zu einem Gespräch verabreden. Am besten noch für denselben Tag.

Sabine Bösel: Zu den Basics der Kommunikation gehört dann, einander in die Augen zu schauen, weil dann das zentrale Mittelhirn aktiv ist und Entspannung eintritt. Das Angstzentrum ist beruhigt. Man macht das schon bei kleinen Kindern – man begegnet ihnen auf Augenhöhe, damit sie keine Angst haben. Das auch wieder in der Paarbeziehung zu etablieren wäre eine gute Sache. Anstatt sich aus der Küche etwas zuzurufen, sollte man einander gegenübersitzen.

Eine weitere Strategie ist, mit Wertschätzung zu beginnen, dann den Konflikt anzusprechen und wieder mit Wertschätzung enden. "Ich schätze an dir, dass du mir das gesagt hast" oder "Ich schätze an dir, dass du Mitgefühl hast".

STANDARD: Mein Mann würde sich da nur wundern und sagen: Jetzt rede nicht an der Sache vorbei. Sag, was du sagen willst!

Sabine Bösel: Man fängt mit Wertschätzung an, damit das Gespräch positiv beginnt und dann hoffentlich einen guten Verlauf nimmt.

STANDARD: Wann hat man denn auch mal genug geredet und sollte Gras über eine Sache wachsen lassen?

Sabine Bösel: Wenn beide zu dem Thema etwas gesagt haben und der andere es wiederholt hat, kann man wirklich einmal eine Pause machen und sagen: Es gibt auch noch anderes im Leben. Jeden Tag das Gleiche wiederkäuen kann mühsam werden. Und es wird nichts Neues mehr hervorbringen.

Roland Bösel: Paare glauben oft, dass am Ende immer einer von beiden recht bekommen muss. Das ist aber nicht so. Das zu hören erleichtert viele. Es geht darum, dass beide einen Ertrag aus dem Gespräch erzielen – vielleicht auch einen, den sie sich am Anfang noch nicht gedacht haben. (Lisa Breit, 27.8.2021)