Aktuellstes Beispiel für nicht wirklich notwendige Nachlassverwaltung, ein unveröffentlichtes Album von Prince aus dem Jahr 2011.

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Von Jimi Hendrix liegen seit seinem Tod ein paar Handvoll Alben vor, die der Gitarrist zu Lebzeiten definitiv nicht veröffentlicht hätte. Zuletzt sind zwei starkwindumtoste Auftritte, Live in Maui, Hawaii, erschienen. Die machen seine Erben zwar glücklich, die Welt braucht sie aber trotzdem nicht. Es sei denn, man interessiert sich für akustische Beeinträchtigungen bei der Musikerzeugung im Freien unter Sturmeinwirkung.

David Bowie hielt sich zwar in einer US-Konzerthalle auf, als er sich 1991 zu seinem Vorprogramm Morrissey auf die Bühne gesellte, um dort gemeinsam reichlich neben der Spur Cosmic Dancer, eine Coverversion der alten Glamrock-Helden T. Rex zu versenken. Zuletzt erschienen von Bowie neben dieser aktuellen Single posthum einige nichts Wesentliches zum Werkkatalog hinzufügende Livealben sowie aus gutem Grund nie veröffentlichte, im Studio irgendwann zum Auflockern aufgenommene Coverversionen von Bob Dylans Tryin’ To Get To Heaven und John Lennons Mother.

CD war eine Seifenmarke

Mother von John Lennon ist auf seinem ersten Soloalbum John Lennon / Plastic Ono Band von 1970 enthalten. Es wurde im Frühjahr neu gemischt und aufgebläht auf sechs CDs, zwei Blu-Ray-HD-Audio-Discs sowie ein Begleitbuch und diverse gnädigerweise vergessene Outtakes für zahlungskräftige ältere Herrschaften, die sich noch an die erste Mondlandung und CD ausschließlich als eine deutsche Seifenmarke erinnern. Das ergibt im Gegensatz zum Originalalbum und seinen elf Songs insgesamt 131 sehr oft verdoppelte Stücke.

Neu abgemischt und vom Bombast des ursprünglichen Produzenten Phil Spector befreit, liegt aktuell übrigens auch George Harrisons Soloarbeit All Things Must Pass, ebenfalls von 1970, vor. Die je nach "Deluxe" oder "Uber Deluxe Edition" bis zu 47 bisher unveröffentlichten Demos und Outtakes zusätzlich zum Original zielen auf jene gesetzte Käuferschaft, die noch tatsächlich haptische Tonträger kauft. In Streamingform sind solche Sachen ohne beiliegende Hintergrundinformation natürlich der blanke Unsinn.

Es stellt sich nur die Frage, warum sich Menschen nicht damit zufriedengeben können, von Künstlern nur das in Anspruch zu nehmen, was von diesen auch tatsächlich selbst freigegeben wurde. Man muss ja nicht gleich Franz Kafka und dessen testamentarisch für die Literaturgeschichte eher unergiebige wie unerfüllte Verfügung denken, seinen gesamten Nachlass zu vernichten.

princevevo

Das frischeste Beispiel für Musik, gegen die sich ein Musiker nicht mehr wehren kann, kommt von Prince. Der hat zwar schon in seiner Spätphase (also nach dem Fanal mit dem Batman-Soundtrack von 1989) noch höchstselbst bewiesen, dass man als Workaholic weiß Gott nicht alles veröffentlichen muss, was man sich gerade im Studio aus den Fingern gesogen hat. Man erinnert sich hoffentlich an seine großen Hits aus den frühen 1980er-Jahren, wenn man heute mit Schaudern etwa an das gewöhnlich Lotusflow3r betitelte Dreifachalbum von 2009 denkt.

Mit Welcome 2 America liegt aber ab sofort ein von ihm 2010 aufgenommenes, damals fertig gearbeitetes Studioalbum vor, das einen wesentlichen Makel hat: Es wurde von Prince bis zu seinem Tod im April 2016 nie abgesegnet und veröffentlicht. Wie man auf dem zwölf Stücke beinhaltenden Album nun erstmals hört, versucht sich Prince darauf speziell im Titelsong sowie mit Born 2 Die und Running Game (Son Of A Slave Master) zart unergiebig im Protestsong. Und auch der funkige Minimalismus sowie der schwelgerische Pop, die ihn einst großmachten, sind auf diesem Album aus der Grube durchaus zu hören. Leider gelingt ihm der Anschluss an diesbezügliche "sozialkritische" Großtaten wie Sign O’ The Times oder das poppige Meisterstück Raspberry Beret ganz und gar nicht.

Prince

Dass ausgerechnet der deutsche Rolling Stone, das "verschollene Album von 2011" zum Meisterwerk erklärt, kann nur einer Tatsache geschuldet sein: Exklusiv liegt der aktuellen Ausgabe mit Prince als Covergeschichte eine exklusive Prince-Single mit der neuen läppischen Partynummer Hot Summer bei. Womit wir beim Zweck all dieser Leichenfledderei im Musikgeschäft wären. Es geht natürlich nicht um die Entdeckung ungehobener Schätze, es geht ausschließlich um Geld.

Sämtliche Erben der erwähnten Toten dürfen sich freuen. Als Nachlassverwalter von Prince fungieren übrigens ein Spotify-Berater sowie ein ehemals hohes Tier beim Unterhaltungsriesen Warner. (Christian Schachinger, 7.8.2021)