China ist sprunghaft, nicht nur dank des Nesthäkchens

Quan Hongchan ist mit erst 14 Jahren die Jüngste in der chinesischen Tokio-Delegation, sie gab ihr internationales Debüt. Das hat die Wasserspringerin nicht davon abgehalten, Gold vom Turm zu holen. Für ihre Darbietung erhielt sie gleich bei zwei Sprüngen von allen Wertungsrichtern die Höchstnote zehn.

Seit 2008 kamen alle Olympiasiegerinnen im Wasserspringen aus China. Die Männer sind ähnlich, wenn auch aktuell nicht ganz so dominant. Das liegt an den Briten Tom Daley und Matty Lee, die in einem packenden Finale im Turm-Synchronspringen triumphierten. China hält nach sieben von acht Bewerben in Tokio bei sechs Goldmedaillen, vier Silberne kommen dazu. Macht insgesamt zehn von 21 Medaillen – es wäre kein Wunder, stünde China am Ende mit exakt 50 Prozent der Beute da. Das Solo-Turmspringen der Männer steht noch aus.

Natürlich hätte es für chinesische Domänen auch noch ganz andere Beispiele gegeben, nicht umsonst liegt das Land im Medaillenspiegel recht souverän voran. Nicht nur im Wasserspringen, auch beispielsweise im Gewichtheben und im Tischtennis ist China eine Klasse für sich. Im Gewichtheben schauten in Tokio sieben von 14 Goldmedaillen heraus, im Tischtennis vier von fünf Goldenen und sieben von 15 Medaillen. Die Niederlage im Mixed-Finale gegen Japan aber hat wehgetan. Zuvor hatte China 13 Jahre lang alle Olympiatitel gewonnen.

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Jamaika sprintet der Welt etwas vor, Bolt geht dennoch ab

Jamaikaner können immer noch schnell laufen, nicht nur Jamaikanerinnen. Das hat sich im 110-m-Hürdenfinale herausgestellt, in dem Hansle Parchment und Ronald Levy Gold und Bronze davontrugen und den favorisierten US-Amerikanern nur Silber durch Grant Holloway blieb. Das war die positive Überraschung aus jamaikanischer Sicht, die negative war das Finale im flachen Sprint, in dem kein einziger Jamaikaner stand, von laufen ganz zu schweigen.

Da sah man, dass es nicht nur die Yams-Wurzel war, aus der sich die Erfolge Usain Bolts speisten. Der Mann hatte von 2008 bis 2016 nicht weniger als acht Olympia- und elf WM-Titel geholt – und mit Showeinlagen die Fans begeistert.

So unbesiegbar wie einst Bolt wirken derzeit Jamaikas Frauen. Elaine Thompson-Herah ist Bolt, wenn man so will, auf den Fersen, sie hat in Tokio über 100 wie über 200 Meter ihre Titel von Rio de Janeiro 2016 verteidigt. Über die Kurzstrecke führte sie gar einen Triplesieg an – wobei an den bemerkenswert bösen Blicken der Platzierten nach dem Zieleinlauf schon zu sehen war, dass es sich hier um einen Einzel- und keinen Mannschaftssport handelt.

Das sollte für die Staffel über viermal hundert Meter nichts heißen. Da siegten die Jamaikanerinnen am Freitag gemeinsam, was Thompson-Herah das dritte Gold in Tokio bescherte. Und Jamaikas Männer? Gingen als Fünfte leer aus.

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Japan und Judo, das ist eins, und das ist erfolgreich

Ja, Österreich ist eine Judo-Nation, zumindest eine kleine. Vier Olympia-Medaillen gab’s schon in diesem Jahrtausend, allein zwei davon in Tokio. Im Medaillenspiegel der Judobewerbe hat Österreich immerhin Rang neun belegt. An Japan aber führte selbst für Shamil Borchashvili, der Bronze holte, und Michaela Polleres, die Silber gewann, kein Weg vorbei. Auch in den beiden Klassen gab es Gold für die Gastgebernation, die am Ende mit neun Titeln klar vor Frankreich und dem Kosovo (jeweils zwei) voran lag.

Kaum ein Land ist mit einer Sportart so verbunden wie Japan mit Judo. Das sieht man in den Kindergärten, an den Schulen, an den Universitäten, das sieht man daran, dass es große Firmenteams gibt, in denen Judoka angestellt sind und gut verdienen können.

Wer Olympia-Siege feiert oder WM-Titel gewinnt, ist ein Star und Vorbild der Jugend. Besonderen Status genießen jene, die öfter als einmal bei Olympischen Spielen triumphierten. Bei den Männern ragt einer sogar mit drei Einzel-Olympiatiteln heraus, nämlich Nomura Tadahiro (bis 60 kg), der 1996, 2000 und 2004 gewann. Heuer hätte der Franzose Teddy Riner mit Tadahiro gleichziehen können, nach zwei Olympia-Titeln begnügte er sich aber mit einer Bronzemedaille (und Gold im Mannschaftsbewerb). Bei den Frauen gibt es fünf Judoka mit jeweils zwei Einzel-Olympia- Titeln, immerhin drei von ihnen sind Japanerinnen.

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Südkorea schießt mit dem Bogen alle Vögel ab

An San ist gewissermaßen die Verena Altenberger Südkoreas. Sie leistet in ihrer Domäne Herausragendes und darf sich trotzdem von anonymen Kleingeistern belehren lassen, dass ihre Haare zu kurz seien, dass ihre Frisur zu feministisch sei, und sowieso und überhaupt. Online-Hyperventilatoren eben.

Als erste Bogenschützin der olympischen Geschichte gewann die 20-jährige San drei Goldmedaillen bei den Spielen ein- und derselben Olympiade. Sie war Teil der siegreichen Frauen- und Mixed-Teams und legte im Einzel-Finale mit unheimlicher Coolness nach: Während ihre Gegnerin Jelena Osipowa im Stechen einen Puls von 160 hatte, entspannte San bei hundert Schlägen pro Minute.

In der Hochburg des Bogenschießens ist schon die Qualifikation für Olympia eine Herkulesaufgabe. Chang Hye-jin und Ku Bon-chan, in Rio noch Doppelolympiasieger, schafften es nicht durch die achtmonatige nationale Ausscheidung.

Seit 1984 holten Südkoreas Pfeilkünstler stets mindestens eine Goldmedaille, heuer waren es vier von fünf. Die Frauen haben gar seit 1988 keinen Teambewerb mehr verloren. Diese Dominanz ist auch der detailverliebten Vorbereitung geschuldet: Vor Rio wurde unter anderem bei einem laufenden Baseball-Spiel trainiert, um sich an die Atmosphäre zu gewöhnen. Heuer reichten Windmaschinen und japanische Lautsprecherdurchsagen.

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Kuba boxt sich auch im Tokioter Ring durch

Es grenzte an Verletzung der kubanischen Ehre, was 2008 im Boxring passierte. Nachdem der Inselstaat vier Olympische Spiele in Folge im Box-internen Medaillenspiegel von der Spitze gegrinst hatte, blieben seine Athleten ohne Goldmedaille. Auch 2012 und 2016 taugten nur begrenzt zur Therapie, Gastgeber Großbritannien und Usbekistan waren die erfolgreichsten Boxnationen.

Kubas Problem war und ist ganz offensichtlich: Seit 2012 dürfen auch Frauen olympisch boxen – in Kuba dürfen Boxerinnen aber nicht international antreten. Das macht fünf Bewerbe ohne kubanischen Beitrag.

Heuer sind aber die Männer derart gut drauf, dass Kuba mit drei der bisher fünf vergebenen Goldenen seinen einstigen Stammplatz eingenommen hat. Zugegeben: Heute, Samstag, steigen vier Finalkämpfe ohne kubanische Beteiligung, die Dominanz wird im finalen Medaillenspiegel also weniger gravierend sein. Am Sonntag hätte Leichtgewichtler Andy Cruz gegen den US-Amerikaner Keyshawn Davis aber noch die Gelegenheit, einen draufzusetzen.

Sonderliche Treue für ihre Gewichtsklassen demonstrieren Kubas Faustkämpfer bei all ihrem Erfolg nicht. In der olympischen Geschichte hatten bis vor zwei Wochen erst sechs Athleten Gold in zwei verschiedenen Klassen geschafft – das kubanische Trio Julio la Cruz, Roniel Iglesias and Arlen López baute diese Liste binnen vier Tagen gewaltig aus. (Martin Schauhuber, Fritz Neumann, 7.8.2021)

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