Bei den Kämpfen um die Einnahme der Stadt Kundus durch die Taliban wurden auch massive Schäden angerichtet. Zudem wurden mindestens 15 Menschen getötet und dutzende weitere verletzt.

Foto: AP / Abdullah Sahil

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Fast jeden Tag eine Provinzhauptstadt: Die Geschwindigkeit, in der die Taliban am Wochenende ihren Siegeszug gegen die reguläre afghanische Armee vorangetrieben haben, macht atemlos. Bereits am Freitag hatten sie mit Sarandsch (an der iranischen Grenze), Laschkar Gah (im Süden) und Scheberghan (im Norden) die ersten Ballungszentren in der aktuellen Offensive erobert. Am Sonntag fielen die nächsten drei Städte: Sar-i-Pul, ebenfalls im Norden. Talokan, ganz in der Nähe. Und, vor allem: Kundus, die nach Bevölkerungszahl wohl fünftgrößte Stadt des Landes.

Zwar hatte die afghanische Armee für den Sonntagnachmittag eine Rückeroberungsoffensive angekündigt. Vorerst aber wehte die Taliban-Flagge über Verwaltungsgebäuden der Stadt. Zuvor gab es heftige Kämpfe. Laut einem Krankenhausmitarbeiter, den die "New York Times" zitierte, gab es mindestens 15 Tote und dutzende Verletzte. Es ist aber davon auszugehen, dass die Opferzahl deutlich höher liegt, da sich angesichts der Kämpfe vorerst kaum jemand auf die Straße wagte.

Hungrige Soldaten

Die Vertreter der Regierung waren angesichts der Offensive Sonntagfrüh in eine Armeebasis im Umkreis der Stadt geflohen. Diese und der Flughafen waren am Sonntagnachmittag auch die einzigen Teile von Kundus, die noch von der Regierung kontrolliert wurden. Die Erfolgsaussichten der angekündigten Gegenoffensive schienen unklar. Meldungen legen nahe, dass die Versorgung der Armee zusammengebrochen ist. Es ist von Hunger die Rede und davon, dass sich die ausgelaugten Soldaten zurückzogen.

Unterstützung sollen sie nun von einem Bataillon der afghanischen Spezialkräfte bekommen – die USA haben sich ja größtenteils bereits aus dem Land zurückgezogen. Ihren Luftkrieg gegen Taliban-Stellungen haben sie zuletzt aber verstärkt. Allerdings müssen US-Flugzeuge nun lange Strecken aus dem Ausland zurücklegen – was kurzfristige taktische Einsätze erschwert.

Geld durch Drogenhandel

Washington hat ja im Frühjahr den endgültigen Abzug aus dem Land begonnen und diesen früher als ursprünglich von Präsident Joe Biden geplant – nämlich bis zum 11. September – auch schon fast abgeschlossen. Bereits unter Bidens Vorgänger Donald Trump hatten die USA mit den Taliban einen Deal erarbeitet, der den Abzug im Gegenzug für Zusicherungen vorsah: internationale Terroristen nicht im Land operieren zu lassen und eine Lösung im Bürgerkrieg zu suchen.

Dass die afghanische Regierung Kundus nun einfach seinem Schicksal überlässt und Kräfte anderswo bündelt, ist nicht anzunehmen. Die Stadt gilt wegen ihrer Nähe zu Tadschikistan und Usbekistan als wichtiges Tor zum Handel mit zentralasiatischen Nachbarn. Darunter fallen auch Drogengeschäfte, die den Taliban – und afghanischen Warlords – Geld einbringen.

Debatte um Abschiebungen

Einer von ihnen, Rashid Dostum, ist in den vergangenen Tagen aus dem Exil nach Afghanistan zurückgekehrt. Er hatte in den 1990er-Jahren gegen die Taliban gekämpft, 2014 bis 2019 war er Vizepräsident. Die Bestellung des ethnischen Usbeken in ein Regierungsamt war massiv kritisiert worden, weil ihm Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Wegen der Ermittlungen verbrachte er auch einen großen Teil seiner Amtszeit in der Türkei. Eine seiner Machtbasen ist Scheberghan, das vorige Woche an die Taliban fiel.

Mutmaßliche Taliban-Kämpfer haben auch am Sonntag nach Angaben von Behördenvertretern den Leiter eines Radiosenders, Tufan Omar, in Kabul gezielt getötet. In der südlichen Provinz Helmand sei zudem ein Lokaljournalist entführt worden. Ein Taliban-Sprecher sagte am Montag, ihm lägen zu beiden Fällen keine Informationen vor. Medienvertreter sehen sich in Afghanistan immer wieder Angriffen ausgesetzt.

Die afghanische Botschafterin in Wien, Manizha Bakhtari, hatte am Freitag in Ö1 über die Sicherheitslage in Afghanistan gesprochen. Sie bat dabei Österreich, Abschiebungen auszusetzen, damit die afghanische Regierung sich auf den Kampf gegen die Taliban konzentrieren könne. Wien reagierte verärgert und zitierte Bakhtari ins Außenamt. Die Regierung möchte an ihrem Abschiebeprogramm festhalten, insbesondere die ÖVP.

Die stellvertretende Tiroler Landeshauptfrau Ingrid Felipe von den Grünen sagte am Sonntag allerdings der APA, sie sehe eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) von voriger Woche – mit der eine konkrete Abschiebung gestoppt wurde – als Signal. Ein generelles Abschiebeverbot sei die logische Konsequenz, so Felipe. (Manuel Escher, 9.8.2021)